Weißrussische Freiwillige im Kindergarten Kleine Chaoten, große Träume

In ihrer Heimat arbeitete sie mit Behinderten, in Deutschland kümmert sie sich um kleine Kinder: Die Weißrussin Aliaksandra, 22, kam mit dem Freiwilligendienst an einen Hamburger Waldorf-Kindergarten. Dort möbelt sie ihr Deutsch auf - und hofft auf Hilfe bei der Karriereplanung.

Veronika Widmann

Von Veronika Widmann


Aliaksandra Petrusevich kniet vor einem weinenden Zweijährigen. Der Kleine streckt ihr den Finger hin - ein anderer hat ihn gebissen. "Noah, man darf nicht beißen!", mahnt Aliaksandra den zweiten Jungen, hellblondes Haar, unschuldiger, aber auch ein bisschen betretener Blick. "Sollen wir das kühlen?", fragt Aliaksandra, nimmt den Verletzten mit zum Spülbecken und drückt ihm ein nasses Tuch auf den Finger. Dreißig Sekunden später ist die Welt wieder in Ordnung in der Krippengruppe des Waldorf-Kindergartens in Hamburg-Wilhelmsburg.

Aliaksandra ist 22 und kommt aus Weißrussland. Die letzten drei Jahre hat sie in Minsk studiert, Deutsch als erste und Englisch als zweite Fremdsprache, seit August nimmt sie am Bundesfreiwilligendienst teil. Nach Angaben des Bundesamtes für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben zählt sie so zu den 2,3 Prozent ausländischer Teilnehmer.

"Nach drei Jahren Deutsch habe ich gemerkt, dass ich es zu Hause nicht mehr weiterentwickeln kann. Deshalb wollte ich ins Ausland", sagt sie, ein Jahr wolle sie in Deutschland verbringen. Sie spricht mit Akzent, aber ihre Grammatik ist beinahe fehlerfrei. Nach ihrem Studium könnte sie Lehrerin oder auch Dolmetscherin werden - was sie genau will, weiß sie noch nicht.

"Kinder und Behinderte können sich so übers Leben freuen"

Schon in ihrem Heimatland hat sie sich sozial engagiert. Zwei Jahre lang arbeitete sie in einem Heim mit behinderten Kindern und lernte dabei deutsche Freiwillige kennen. "Die hatten danach eine andere Weltanschauung", sagt sie. Viele, die direkt nach dem Abitur kamen, hätten zudem herausgefunden, was sie später machen wollen.

Freiwilligendienste
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Auch Aliaksandra soll der Freiwilligendienst bei der Entscheidung helfen, was nach der Uni kommt. Sie kann sich vorstellen, Erzieherin zu werden. "Wenn es mir nach dem Jahr hier immer noch gefällt, mache ich das vielleicht weiter." Die Waldorfpädagogik in ihrer Einsatzstelle sagt ihr zu. "Es ist so gemütlich hier, die Kinder können sich wie zu Hause fühlen. In Weißrussland haben schon Kindergartenkinder kurze Unterrichtsstunden." Auch dass zusammen mit den Kindern gekocht wird, gefällt ihr.

Gerne würde sie Seminare am Rudolf-Steiner-Haus in Hamburg belegen. "Es wäre toll, wenn ich Waldorf nach Weißrussland mitbringen könnte." Aber auch die Arbeit mit Behinderten macht Aliaksandra Spaß. "Kinder und Behinderte können sich so übers Leben freuen. Wenn ich nach einem Tag im Behindertenheim nach Hause gehe, bin ich immer gut gelaunt", sagt sie.

Mit dem Bundesfreiwilligendienst ist Aliaksandra bis jetzt zufrieden. Auf einem Seminar erklärte man ihr, wo sie sich anmelden und wie sie ihr Visum verlängern muss, das erst einmal nur für drei Monate gilt. Ihre Betreuer könne sie bei Problemen jederzeit anrufen. Das Seminar hatte auch einen Nebeneffekt: "Viele Freiwillige waren aus Südamerika und ich habe gemerkt, wie gerne ich Salsa tanze." Mit Erika, 23, aus Brasilien, der zweiten Freiwilligen im Kindergarten, geht sie jetzt abends manchmal tanzen.

In Hamburg wohnt Aliaksandra bei einer deutschen Gastfamilie, deren zweijährige Tochter Smilla bei ihr in der Krippengruppe ist. "Mit meiner Familie hatte ich viel Glück", erzählt sie. "Sie haben mir viel gezeigt und wenn sie etwas unternehmen, kann ich immer mitmachen."

Um zwölf Uhr gibt es Mittagessen in der Krippengruppe. Zusammen mit ihrer Kollegin Gertrud und den Kindern sitzt Aliaksandra am Tisch und isst Nudeln mit Soße und Käse. Die Kleinen reiben sich die Augen. "Wir danken, wir danken schön für das gute Essen", singen sie noch, dann ist Schlafenszeit. Gertrud wickelt die Kinder, Aliaksandra macht den Abwasch. Dann verschwindet sie im abgedunkelten Schlafzimmer - die Kleinen schlafen besser ein, wenn sie an ihrem Bett sitzt.



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