Tod auf Klassenfahrt Welche Aufsichtspflicht haben Lehrer?

Eine zuckerkranke Schülerin ist auf einer Klassenfahrt gestorben, jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen die Lehrer. Welche Pflichten haben Lehrkräfte auf Klassenfahrten, und wie müssen Eltern sie informieren? Der Überblick.
Bei Klassenfahrten kann es vorkommen, dass zusätzliche Begleitpersonen die Schüler gar nicht kennen

Bei Klassenfahrten kann es vorkommen, dass zusätzliche Begleitpersonen die Schüler gar nicht kennen

Foto: martinedoucet/ Getty Images

Nach dem Tod einer 13-Jährigen mit Diabetes auf einer Klassenfahrt in London ermittelt die Staatsanwaltschaft Mönchengladbach wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung: Lehrer oder andere Aufsichtspersonen sollen sich zu spät um die Schülerin gekümmert haben - obwohl Mitschüler darauf hingewiesen haben sollen, dass es dem Mädchen nicht gut gehe.

Zu dem Einzelfall äußert sich die Schulbehörde in Nordrhein-Westfalen nicht. Doch der tragische Vorfall wirft generelle Fragen auf: Welche Pflichten haben Lehrer auf Klassenfahrten, worauf müssen sie bei kranken Kindern achten?

Welche Aufsichtspflichten haben Lehrer auf Klassenfahrt?

Lehrer übernehmen auf Klassenfahrten - genau wie auf dem Pausenhof oder im Klassenzimmer - dasselbe Maß an Verantwortung, das sonst Eltern für ihre Kinder tragen, erläutert Volker Busch, Justiziar der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

Einzelheiten regeln die Länder. So heißt es etwa in den "Richtlinien für Schulfahrten" aus Nordrhein-Westfalen , dass für Art und Umfang der Aufsicht Alter, Entwicklungsstand, Behinderungen oder chronische Erkrankungen der Schülerinnen und Schüler relevant seien. Die Kinder und Jugendlichen müssten zwar nicht permanent betreut werden, aber Begleitpersonen müssten jederzeit erreichbar und ansprechbar sein.

Müssen Lehrer dafür sorgen, dass Kinder auf Klassenfahrt genug essen?

Wie viel Kinder essen wollen, bleibe ihnen selbst überlassen, sagt GEW-Jurist Busch. Bei Schülern, die auf eine regelmäßige Ernährung oder wie bei Diabetes auf eine bestimmte Ernährungsweise angewiesen seien, müssten die Lehrer laut dem Schulministerium in NRW aber darauf achten, dass die Gesundheit der Kinder nicht gefährdet werde. Konkrete Vorgaben dazu gebe es nicht, da das bei jedem Kind unterschiedlich sein könne.

Was ist, wenn ein Kind auf Klassenfahrt krank wird?

Die Lehrer müssen in jedem Fall reagieren und angemessene Maßnahmen ergreifen, sagt Busch. Ein krankes Kind sich selbst oder den Mitschülern zu überlassen, geht also nicht.

Ob Lehrer die richtigen Maßnahmen ergreifen können, hänge aber damit zusammen, ob sie von einer Vorerkrankung des Kindes wissen. Nicht immer informierten Eltern die Lehrer vorab. Bei Klassenfahrten komme es zudem vor, dass Begleitpersonen die Schüler nicht kennen, so Busch.

Welche Pflichten haben die Eltern?

Eltern müssen Lehrer darüber informieren, wenn Kinder Erkrankungen haben, die sie während der Klassenfahrt beeinträchtigen könnten. Nur dann hätten Lehrkräfte die Möglichkeit, angemessen zu handeln, heißt es aus dem Schulministerium NRW.

Nicht immer könnten Eltern oder Lehrer damit rechnen, dass ein solcher Fall eintrete, sagt GEW-Justiziar Busch. Etwa wenn das Kind eine bislang unbekannte Nahrungsmittelallergie hat und beim Essen von Erdnüssen einen allergischen Schock bekommt.

Was ist bei Inklusionsschülern oder chronisch kranken Kindern zu beachten?

Auf der einen Seite sei der Umgang hier einfacher, sagt Busch, da besondere Bedürfnisse der Schüler bekannt seien und kommuniziert werden könnten. Allerdings können Lehrkräfte nicht dazu verpflichtet werden, Kindern beispielsweise Medikamente zu geben, heißt es in einer Handreichung aus NRW . Hierfür müssten alle Beteiligten - Eltern, Lehrer und Schüler - einverstanden sein.

Welche Konsequenzen drohen Lehrern bei Verletzung der Aufsichtspflicht?

Lehrer stünden mit einem Bein im Gefängnis, heißt es oftmals über die angeblich schwer zu erfüllende Verantwortung der Lehrkräfte. "Wenn es so schlimm wäre, wie es pauschal dargestellt wird, würde kein Lehrer auf Klassenfahrt gehen", sagt GEW-Justiziar Busch.

Ob Lehrer ihre Aufsichtspflicht verletzt haben oder nicht, werde bei Beamten meist in einem Disziplinarverfahren geprüft. Folgen könnten je nach Vergehen ein Verweis, eine Geldbuße, eine Degradierung oder sogar der Jobverlust sein.

Nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch kann die Verletzung der Aufsichtspflicht zu Schadensersatzforderungen führen. Hier haftet aber normalerweise die Schulbehörde, nicht der einzelne Lehrer. Ein schwerer Straftatbestand, der sich aus der Verletzung der Aufsichtspflicht ergeben kann, ist die fahrlässige Tötung, die mit einer Geld- oder Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren geahndet werden kann.

sun