Weltanschaulicher Unterricht Richter brechen das Kirchen-Monopol

Jugendfeier statt Konfirmation, Weltanschauung statt Religion: In Brandenburg haben Verfassungsrichter den Humanisten das Recht auf das eigene Schulfach "Lebenskunde" zugesprochen - der Staat dürfe sich nicht mit bestimmten Religionen identifizieren.


In Zukunft werden an Brandenburgs Schulen nicht nur Religion und Ethik unterrichtet, auch jede andere Art von Weltanschauung kann einen Platz erhalten. Dafür hat das Brandenburger Verfassungsgericht in Potsdam nun den Weg geebnet. Konkret soll in Brandenburg wie schon in Berlin künftig das Fach Humanistische Lebenskunde an öffentlichen Schulen gelehrt werden.

Christliche Kirchen: Kein Monopol auf Unterricht
DDP

Christliche Kirchen: Kein Monopol auf Unterricht

Die Richter erklärten, nicht allein die Kirchen hätten das Recht zum Bekenntnisunterricht - auch alle anderen weltanschaulichen Gemeinschaften dürften in Konkurrenz zum Religionsunterricht Schüler in allen Schulformen unterrichten. Bis spätestens Januar 2007 soll das Schulgesetz entsprechend umgeschrieben werden.

Mit dem Urteil entsprach das Gericht einer Verfassungsbeschwerde des Humanistischen Verbandes. Das Grundgesetz lege dem Staat weltanschauliche Neutralität auf, hieß es in der Urteilsbegründung. Das Brandenburger Schulgesetz verstoße mit seiner Bevorzugung der Kirchen gegenüber anderen Gemeinschaften gegen diese Norm. Der Staat dürfe sicht nicht mit bestimmten Religionen identifizieren.

Das Bildungsministerium lehnte einen Lebenskundeunterricht bislang mit der Begründung ab, laut Schulgesetz hätten nur Religionsgemeinschaften ein Recht auf Erteilung von Schulunterricht. Es verwies darauf, dass sich der Humanistische Verband in das Fach "Lebensgestaltung, Ethik, Religionskunde (LER)" einbringen könne. In Brandenburg ist LER ein staatliches Pflichtfach an Stelle des Religionsunterrichts, für den sich konfessionell gebundene Schüler entscheiden können. Lebenskunde soll im Unterschied dazu zusätzlich und nicht an Stelle von LER von der ersten Klasse an angeboten werden.

In Berlin wird Lebenskunde als freiwilliges Fach ohne Zensuren unterrichtet; die Lehrkräfte stellt der Humanistische Verband. Grundlagen des Lebenskundeunterrichts sind Erkenntnisse über die Natur und die Gesellschaft sowie Lebensregeln, die auf weltlich-humanistischen Traditionen beruhen. Im Mittelpunkt sollen Verantwortung, Selbstbestimmung und Toleranz stehen.

In Brandenburg gehören weniger als 30 Prozent der Einwohner einer Konfession an. Der Humanistische Verband ist ein Zusammenschluss verschiedener Freidenker-Verbände, der die Interessen Konfessionsloser vertritt. Der Verband versteht sich als eine gutbürgerliche, nicht-religiöse Alternative zu den christlichen Kirchen. Anknüpfend an die Tradition der DDR-Jugendweihe entscheidet sich die Mehrzahl der Brandenburger Schüler mit 14 Jahren für die Jugendfeier, die von den Humanisten ausgerichtet wird.



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