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23. August 2019, 09:37 Uhr

Ganz harte Schule

Unbedingt anders

Eine Kolumne von

Unsere Kinder sind voll auf Konsum gedrillt. Wenn sie nicht selbst darauf kommen, sorgen wir Erwachsenen dafür, denn wir beschenken sie gern - und wollen auf keinen Fall, dass sie weniger gut dastehen als andere. Vor allem in der Schule.

Am Ende des vierten Schuljahres kam unsere Tochter Olivia empört nach Hause. Sie begrüßte mich mit den Worten: "Mama, wir sollen unseren Ranzen spenden! Aber den brauche ich doch noch!". Darüber hatte ich noch gar nicht nachgedacht. Das Kind kommt auf eine weiterführende Schule, da scheint es wohl einen neuen Ranzen zu benötigen.

Im Prinzip finde ich das ja eine super Idee, dass gebrauchte Schulranzen nicht im Müll oder im Keller landen, sondern weitergegeben werden. Zumal: Wenn man genau hinschaut, sind viele Ranzen nicht mal oll, sondern erst ein oder zwei Jahre alt, weil Mädels die glupschäugigen Einhörner oder Jungs die Feuerwehrmänner im Löscheinsatz im zweiten Schuljahr schon peinlich geworden sind.

In Hamburg sammeln verschiedene Einrichtungen neue oder gut erhaltene Schulranzen und anderes Material, um sie an bedürftige Erstklässler weiterzugeben. In Hamburg ist jedes fünfte Kind armutsgefährdet. Das finde ich schockierend! Die Kinder hätten sicher auch lieber einen neuen Ranzen, aber dafür fehlt den Familien das Geld. Und manche Kinder erscheinen ohne Ranzenspende am ersten Schultag tatsächlich mit einer Plastiktüte.

Den Ranzen zu spenden, ist also eine gute Sache. Noch viel besser finde ich aber die Einstellung meiner Tochter: "Mein Ranzen ist doch noch gut, ich brauche gar keinen neuen" sagte sie, als ich ihr Bilder von ein paar aktuellen Modellen auf dem Handy unter die Nase hielt. Irgendwie war ich stolz auf meine Tochter, denn sonst ist sie durchaus konsumorientiert und lässt sich selten entgehen, etwas Neues zu kaufen.

Das einzige Kind ohne neuen Schulrucksack?

Ich höre mich also bei den anderen Familien um: Wer besorgt denn überhaupt eine neue Tasche?

Dabei stellt sich heraus: Alle! Na ja - sagen wir mal - fast alle. Ein paar Sonderlinge wie uns mache ich doch ausfindig, die für den Schulwechsel zur 5. Klasse nicht zwangsweise über 100 Euro für einen neuen Schulrucksack ausgeben. Ein Schulrucksack muss es nämlich sein, weiß ich jetzt von einer Freundin und erfahrenen Vierfach-Mutter.

Sie versichert mir, dass Olivia aller Wahrscheinlichkeit nach die einzige in ihrer Klasse sein wird, die keine neue Tasche trägt. So wie ihr eigener Sohn vor zwei Jahren. Sie beurteilt die Lage so: In der weiterführenden Schule mit seinem Grundschulranzen aufzulaufen, kann bei selbstbewussten Kindern als besonders cool gewertet werden, ansonsten wirkt es aber wie ein großes Schild am Rücken, auf dem das Wort "Opfer" in Leuchtbuchstaben blinkt. Ihren Sohn hat offenbar Letzteres getroffen.

Horrorszenario: Außenseiterin

Es ist ja für Eltern gar nicht so einfach, ihr Kind realistisch einzuschätzen: Ich halte meine Tochter durchaus für selbstsicher. Aber sie ist schon von so manch anderer Besonderheit umgeben, immerhin hat sie einen schwerbehinderten Bruder und eine Mutter, die Dreadlocks trägt.

Einerseits bildete ich mir ziemlich viel darauf ein, dass meine Tochter bei der Ranzenfrage von sich aus nicht nur eine geldsparende, sondern auch umweltfreundliche Entscheidung getroffen hatte. Andererseits hatte ich aber doch das Horrorszenario vor Augen, sie werde in der neue Klasse dadurch von Anfang an als Außenseiterin stigmatisiert.

Also habe ich - obwohl mich unsere Wegwerfmentalität wirklich ankotzt - das Thema neuer Schulrucksack in den Sommerferien mehrfach unauffällig zur Sprache gebracht. Wäre es nicht besser für unsere Tochter, sie machte es wie alle? Ich hielt es wenigstens für meine Pflicht, Olivia zu warnen, dass sie möglicherweise die einzige mit der "alten" Tasche sein würde. Aber sie blieb dabei: Sie brauche keinen neuen Ranzen und auch keinen Rucksack.

Alleinstellungsmerkmal: Reh-Marienkäfer-Tornister

Tatsächlich war meine Tochter am Tag der Einschulung in die 5. Klasse die Einzige mit grünem Reh-Marienkäfer-Tornister. Ich hatte allerdings den Eindruck: Dieses Alleinstellungmerkmal hat ihr sogar gefallen. Nachgefragt habe ich bei ihr lieber nicht, um nicht noch mehr Hype zu machen um den Gegenstand.

Am zweiten Schultag bat sie mich, ihr die Haare auf der einen Seite - nur der einen! - und im Nacken auszurasieren. Vermutlich war sie in der neuen Klasse plötzlich nicht mehr das Mädchen mit den allerkürzesten Haaren. Wenigstens ist bei der komischen Frisur, die ich ihr verpasst habe, die Ranzensache jetzt sicher der zweitrangige Grund, gedisst zu werden. Olivia findet den Schnitt super.

Ich bin froh, dass ich ihr nicht erzählt habe, dass manche Kinder notgedrungen mit einer Plastiktüte zur Schule gehen. Damit hätte ich sie sicher auf eine tolle Idee gebracht... .

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