Ganz harte Schule Unbedingt anders

Unsere Kinder sind voll auf Konsum gedrillt. Wenn sie nicht selbst darauf kommen, sorgen wir Erwachsenen dafür, denn wir beschenken sie gern - und wollen auf keinen Fall, dass sie weniger gut dastehen als andere. Vor allem in der Schule.

Aussortiert, weil ein neuer hermuss: gespendete Schulranzen
DPA

Aussortiert, weil ein neuer hermuss: gespendete Schulranzen

Eine Kolumne von


Am Ende des vierten Schuljahres kam unsere Tochter Olivia empört nach Hause. Sie begrüßte mich mit den Worten: "Mama, wir sollen unseren Ranzen spenden! Aber den brauche ich doch noch!". Darüber hatte ich noch gar nicht nachgedacht. Das Kind kommt auf eine weiterführende Schule, da scheint es wohl einen neuen Ranzen zu benötigen.

Im Prinzip finde ich das ja eine super Idee, dass gebrauchte Schulranzen nicht im Müll oder im Keller landen, sondern weitergegeben werden. Zumal: Wenn man genau hinschaut, sind viele Ranzen nicht mal oll, sondern erst ein oder zwei Jahre alt, weil Mädels die glupschäugigen Einhörner oder Jungs die Feuerwehrmänner im Löscheinsatz im zweiten Schuljahr schon peinlich geworden sind.

In Hamburg sammeln verschiedene Einrichtungen neue oder gut erhaltene Schulranzen und anderes Material, um sie an bedürftige Erstklässler weiterzugeben. In Hamburg ist jedes fünfte Kind armutsgefährdet. Das finde ich schockierend! Die Kinder hätten sicher auch lieber einen neuen Ranzen, aber dafür fehlt den Familien das Geld. Und manche Kinder erscheinen ohne Ranzenspende am ersten Schultag tatsächlich mit einer Plastiktüte.

Zur Person
  • Birte Müller, Jahrgang 1973, ist Kinderbuchautorin und Illustratorin. Sie lebt mit ihrem Mann und den Kindern Willi (Down-Syndrom) und Olivia (Normal-Syndrom) in Hamburg. Ihr Lebensmotto: It's not a bug, it's a feature.

Den Ranzen zu spenden, ist also eine gute Sache. Noch viel besser finde ich aber die Einstellung meiner Tochter: "Mein Ranzen ist doch noch gut, ich brauche gar keinen neuen" sagte sie, als ich ihr Bilder von ein paar aktuellen Modellen auf dem Handy unter die Nase hielt. Irgendwie war ich stolz auf meine Tochter, denn sonst ist sie durchaus konsumorientiert und lässt sich selten entgehen, etwas Neues zu kaufen.

Das einzige Kind ohne neuen Schulrucksack?

Ich höre mich also bei den anderen Familien um: Wer besorgt denn überhaupt eine neue Tasche?

Dabei stellt sich heraus: Alle! Na ja - sagen wir mal - fast alle. Ein paar Sonderlinge wie uns mache ich doch ausfindig, die für den Schulwechsel zur 5. Klasse nicht zwangsweise über 100 Euro für einen neuen Schulrucksack ausgeben. Ein Schulrucksack muss es nämlich sein, weiß ich jetzt von einer Freundin und erfahrenen Vierfach-Mutter.

Sie versichert mir, dass Olivia aller Wahrscheinlichkeit nach die einzige in ihrer Klasse sein wird, die keine neue Tasche trägt. So wie ihr eigener Sohn vor zwei Jahren. Sie beurteilt die Lage so: In der weiterführenden Schule mit seinem Grundschulranzen aufzulaufen, kann bei selbstbewussten Kindern als besonders cool gewertet werden, ansonsten wirkt es aber wie ein großes Schild am Rücken, auf dem das Wort "Opfer" in Leuchtbuchstaben blinkt. Ihren Sohn hat offenbar Letzteres getroffen.

Horrorszenario: Außenseiterin

Es ist ja für Eltern gar nicht so einfach, ihr Kind realistisch einzuschätzen: Ich halte meine Tochter durchaus für selbstsicher. Aber sie ist schon von so manch anderer Besonderheit umgeben, immerhin hat sie einen schwerbehinderten Bruder und eine Mutter, die Dreadlocks trägt.

Einerseits bildete ich mir ziemlich viel darauf ein, dass meine Tochter bei der Ranzenfrage von sich aus nicht nur eine geldsparende, sondern auch umweltfreundliche Entscheidung getroffen hatte. Andererseits hatte ich aber doch das Horrorszenario vor Augen, sie werde in der neue Klasse dadurch von Anfang an als Außenseiterin stigmatisiert.

Also habe ich - obwohl mich unsere Wegwerfmentalität wirklich ankotzt - das Thema neuer Schulrucksack in den Sommerferien mehrfach unauffällig zur Sprache gebracht. Wäre es nicht besser für unsere Tochter, sie machte es wie alle? Ich hielt es wenigstens für meine Pflicht, Olivia zu warnen, dass sie möglicherweise die einzige mit der "alten" Tasche sein würde. Aber sie blieb dabei: Sie brauche keinen neuen Ranzen und auch keinen Rucksack.

  • Hier schreiben abwechselnd Birte Müller, Silke Fokken und Armin Himmelrath über das Leben mit Kindern zwischen dem ersten und dem letzten Schultag.

Alleinstellungsmerkmal: Reh-Marienkäfer-Tornister

Tatsächlich war meine Tochter am Tag der Einschulung in die 5. Klasse die Einzige mit grünem Reh-Marienkäfer-Tornister. Ich hatte allerdings den Eindruck: Dieses Alleinstellungmerkmal hat ihr sogar gefallen. Nachgefragt habe ich bei ihr lieber nicht, um nicht noch mehr Hype zu machen um den Gegenstand.

Am zweiten Schultag bat sie mich, ihr die Haare auf der einen Seite - nur der einen! - und im Nacken auszurasieren. Vermutlich war sie in der neuen Klasse plötzlich nicht mehr das Mädchen mit den allerkürzesten Haaren. Wenigstens ist bei der komischen Frisur, die ich ihr verpasst habe, die Ranzensache jetzt sicher der zweitrangige Grund, gedisst zu werden. Olivia findet den Schnitt super.

Ich bin froh, dass ich ihr nicht erzählt habe, dass manche Kinder notgedrungen mit einer Plastiktüte zur Schule gehen. Damit hätte ich sie sicher auf eine tolle Idee gebracht... .



insgesamt 69 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
meinung2013 23.08.2019
1. unsere Kinder sind heute dankbar, dass
wir Eltern sehr zurückhaltend waren. Zerrissene Jeans einer bestimmten Marke und Sweatshirts, Jacken einer anderen Marke waren absolut "in" und wir kauften diese nicht. Unglaublicher Stress mit pubertierenden Kindern ohne Ende. Aber irgendwann gefielen sie sich auch mit ihrem Alleinstellungsmerkmal. Dann kam die Tochter auf die Idee mit Piercing und Tatoos und sie konnte als Grund nur anbringen, dass alle anderen auch Piercing hätten. Solange sie noch nicht volljährig war, konnten wir das verhindern. Mit Volljährigkeit ließ sie sich dann doch die Nase piercen und reagierte prompt extrem allergisch. Der Arzt, der ihr den Nasenstecker zog und die eitrige Wunder vesorgte, hatte ihr ein paar sehr ernsthafte Worte gesagt. Glück im Unglück: es blieb keine sichtbare Narbe Was ich sagen will: die Eltern selbst müssen ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein mitbringen, um sich gegen den Konsumwahn und Druck stemmen zu können. Unsere Kinder, heute selbst Eltern, sind dankbar dafür, dass wir ihnen dies mitgegeben hatten.
Saure Gurke 23.08.2019
2. Umweltbewusstsein ...
Ja, Lederranzen waren schwer, aber sie hielten ...
Furchensumpf 23.08.2019
3. Kann....
...der Autor bitte nur für sich sprechen? Natürlich schenken wir unserem Sohn auch Dinge, anderes kauft er sich von seinem Taschengeld. Wichtig ist dabei aber die Wertschätzung, des Geschenkten oder Gekauften. Nur: man kann mit unserem Sohn auch durch einen Spielzeugladen gehen und er will sich nichts kaufen - oder er quängelt nicht, wenn andere etwas kaufen und er nichts bekommt. Das ist für ihn normal. Es ist einfach eine Sache der Erziehung...
timursuengue 23.08.2019
4. Es sind die Mütter
Der Standard immer noch: Der Vater bleibt außen vor, die Mutter ist für das "Beschaffen" aller Dinge der Kinder zuständig. Es ist die Bildung und die Lebenseinstellung der Mutter, wie materialistisch die Kinder werden. Jeder Vater kennt diesen Satz "...sie hat sich so darauf gefreut, jeder hat es, gönn ihr das doch...". Meistens sind es die Mütter, von der Arbeiterfamilie die finanziell in die Mittelschicht oder Obere Mittelschicht sich eingeheiratet haben.
trolland_dump 23.08.2019
5. Ein Beispiel
für first-world-problems gepaart mit Doppelmoral.Einerseits will man das einzigartige,selbstbewusste Individuum,andererseits soll man sich gleichzeitig schön einreihen um im Gleichstrom nicht negativ aufzufallen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.