Ganz harte Schule Wenn das Kind den Wettbewerb verweigert

Gut, mittel, schlecht: In der Schule werden Kinder ständig bewertet und verglichen. Manche Mütter machen fleißig mit - und heizen die Konkurrenz gnadenlos an.
Kinder "schwimmen" auf dem Trockenen: Und wenn eins einfach nicht mitmacht?

Kinder "schwimmen" auf dem Trockenen: Und wenn eins einfach nicht mitmacht?

Foto: Klaus Vedfelt/ Getty Images

An der Schule meines behinderten Sohnes Willi liebe ich, dass die Leistungen der Kinder nicht verglichen werden. Jedes Kind ist dort so individuell, dass das gar nicht möglich wäre. So gibt es auch keinen Wettstreit unter den Müttern. Den Kindern tut das offenbar gut. Ich höre von unseren Lehrern, dass Willi sehr motiviert ist - ganz ohne Notendruck und Klassenarbeiten. Er geht immer gern zur Schule. Ganz anders als unsere nicht behinderte Tochter.

Für Olivia gilt leider: Das Leben ist keine Waldorf-Förderschule. Sie hat sich von Anfang an, schon in der ersten Klasse, durch den ständigen Vergleich mit ihren Mitschülern demotivieren lassen und entschieden: Sie könne "das alles" nicht und brauche sich deshalb auch nicht weiter anzustrengen oder überhaupt hinzugehen. Vielleicht war sie zu sehr daran gewöhnt, dass sie zu Hause mit ihrem behinderten Bruder IMMER diejenige war, die alles am besten konnte?

Damit Olivia den Spaß an der Schule nicht ganz verliert, versuchte ich zu Hause keinen zusätzlichen Druck aufzubauen. Lieber sorgte ich dafür, dass sie viel Zeit zum Spielen hatte. Immerhin war das Kind in der ersten Klasse!

Zur Person
Foto: Matthias Müller

Birte Müller, Jahrgang 1973, ist Kinderbuchautorin und Illustratorin. Sie lebt mit ihrem Mann und den Kindern Willi (Down-Syndrom) und Olivia (Normal-Syndrom) in Hamburg. Ihr Lebensmotto: It's not a bug, it's a feature.

Gleichzeitig fühlte ich mich aber schlecht, wenn ich das Grüppchen einiger ehrgeiziger Mütter aus Olivias Klasse reden hörte. Die waren ewig um die Leistungen ihrer Kinder besorgt, obwohl ihre Kinder mir im Vergleich zu Olivia wie Selbstläufer vorkamen.

Ständig fragten diese Mütter, wie weit die anderen Kinder schon im "Lies mal"-Heft seien. Zu den Eltern zu gehören, deren Kinder noch im zweiten Band waren, während andere bereits das dritte bearbeiteten, kam für sie nicht infrage. Einige Mütter kauften die Hefte sogar privat, damit ihre Kinder zu Hause darin vorarbeiten konnten und so weiterkamen als andere.

"Ein Kamel hat zwei Rüssel"

Olivia ist übrigens nie über den ersten Band hinausgekommen. Die Heftchen waren zwar nett gemacht, und es gab immer etwas zum Malen und lustige Quatschfragen. Aber sooft ich mich mit ihr auch hinsetzte - wir kamen nicht mit dem Lesen voran. Olivia verzierte stattdessen lieber die Bilder. Und wenn man ankreuzen sollte "Ein Kamel hat zwei Höcker" oder "Ein Kamel hat zwei Rüssel" musste sie unbedingt "zwei Rüssel" ankreuzen und dazu aufwendig ein passendes Bild zeichnen.

Frage: Hat das Kamel zwei Rüssel, Höcker oder Beutel? Olivias fantasievolle Antwort im Bild

Frage: Hat das Kamel zwei Rüssel, Höcker oder Beutel? Olivias fantasievolle Antwort im Bild

Foto: Birte Müller

Als Olivia das erste Heft ENDLICH fertig in der Schule vorlegte, bekam sie von der Lehrerin aber kein Lob, wie mein Kind mir berichtete. Vielmehr sei die Lehrerin entsetzt gewesen, weil die anderen Kinder ja schon viel weiter mit ihren Heften waren. Die Folge: Meine Tochter weigerte sich, das zweite "Lies mal"-Heft jemals aufzuschlagen, und wir quälten uns dann eben durch normale Bücher.

Für den Test üben - aber geheim

Einmal hatten wir einen Jungen aus Olivias Klasse zu Besuch. Typ "Lies mal"-Heft, Band 6. Das Kind sagte, es könne nicht so lange zum Spielen bleiben, denn es müsse noch für den Test üben. Ich wusste gar nichts von einem Test. Olivia auch nicht. Der Junge legte schuldbewusst die Hand auf seinen Mund und flüsterte, er hätte das mit dem Test gar nicht sagen dürfen, es sei ein Geheimnis. Da wurde ich natürlich neugierig und ließ mir genau erzählen, was seine Mutter mit ihm übte.

Am nächsten Tag erzählte mir Olivia, sie hätten in der Schule tatsächlich den Test geschrieben. Und es seien auch genau die Sätze diktiert worden, die das Kind uns am Nachmittag vorher auswendig aufgesagt hatte. Interessant.

Zurückgegeben wurde der Test allerdings nie. Den Grund dafür erfuhr ich einige Wochen später, als ich kurz vor den Sommerferien in der Schule beim Aufräumen half und die Lehrerin danach fragte. Es stellte sich heraus, dass sie eine Schreib- und Leseprobe durchgeführt hatte - ein Test, den es jährlich an allen Hamburger Grundschulen gibt.

Das Besondere daran: Den Lehrern ist ausdrücklich untersagt, die Kinder darauf vorzubereiten. Denn der Sinn der Prüfung ist einerseits, herauszufinden, welches Kind Förderbedarf hat, andererseits lässt sich so das unterschiedliche Lernniveau von einzelnen Klassen oder Schulen vergleichen. Noten bekommen die Schüler für die Tests nicht, Eltern werden nur über das Ergebnis informiert, wenn die Kinder auffällig schlecht abschneiden. Und genau das war bei Olivia passiert - wie ich dann gänzlich nebenbei erfuhr, während ich mit der Lehrerin einen Tisch trug.

Ich war verwirrt. Wie konnte das sein?

Die Eltern-Kolumne für Fortgeschrittene
Foto: Birte Müller

Hier schreiben abwechselnd Birte Müller, Silke Fokken und Armin Himmelrath über das Leben mit Kindern zwischen dem ersten und dem letzten Schultag.

Wenn der Leistungsvergleich zwischen Kindern irgendeinen Sinn ergeben soll und ein Kind nachweislich Schwächen hat, warum zwitschert man den Eltern dann erst auf Nachfrage und zwischen Tür und Angel das katastrophale Ergebnis zu? Oder hätte die Lehrerin später mit mir noch das Gespräch suchen und mich in Ruhe informieren wollen? Oder ist der Test völlig unwichtig und gar nicht aussagekräftig? Warum drillen Mütter, die irgendwie an die Aufgaben kommen, ihre Kinder dann darauf, gut abzuschneiden?

Es kommt auf die Schublade an

Ich erzählte die Sache meiner Freundin, die vier Kinder und von solchen Dingen deutlich mehr Ahnung hat als ich. Sie meinte: "Ist doch klar. Die Mutter verschafft ihrem Kind mit dem heimlichen Üben einen riesigen Vorteil, selbst wenn es keine Zensuren bekommt. Denn: Ihr Kind landet gleich am Anfang in der Schublade 'gute, leistungsstarke Schüler', und darauf kommt es an".

Als dieses Gespräch stattfand, war das erste Schuljahr für Olivia vorbei - und ich fast so desillusioniert wie meine Tochter selbst. Ich war enttäuscht von der eigentlich netten Lehrerin, den unfairen Methoden anderer Mütter und unserem ganzen Schulsystem. Und irgendwie war ich wohl auch enttäuscht, weil mein "normales" Kind nicht in der Schublade der "Guten" saß, so wie ich mir das vorgestellt hatte.

Aber meine Tochter konnte und wollte sich an diesem ganzen Wettbewerb um Leistung nicht beteiligen. Sie spazierte beim Wettrennen ums Schulgelände Blumen pflückend und singend ins Ziel. Großartig! Doch obwohl ich es für eine Stärke hielt, dass sie scheinbar frei von Konkurrenzdenken war, wurde mir klar, dass man damit in der Schule nicht weit kommen würde. Und vielleicht war die Verweigerung von Wettstreit auch einfach nur Resignation?

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