Ganz harte Schule Wenn das Kind den Wettbewerb verweigert

Gut, mittel, schlecht: In der Schule werden Kinder ständig bewertet und verglichen. Manche Mütter machen fleißig mit - und heizen die Konkurrenz gnadenlos an.

Kinder "schwimmen" auf dem Trockenen: Und wenn eins einfach nicht mitmacht?
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Kinder "schwimmen" auf dem Trockenen: Und wenn eins einfach nicht mitmacht?

Eine Kolumne von


An der Schule meines behinderten Sohnes Willi liebe ich, dass die Leistungen der Kinder nicht verglichen werden. Jedes Kind ist dort so individuell, dass das gar nicht möglich wäre. So gibt es auch keinen Wettstreit unter den Müttern. Den Kindern tut das offenbar gut. Ich höre von unseren Lehrern, dass Willi sehr motiviert ist - ganz ohne Notendruck und Klassenarbeiten. Er geht immer gern zur Schule. Ganz anders als unsere nicht behinderte Tochter.

Für Olivia gilt leider: Das Leben ist keine Waldorf-Förderschule. Sie hat sich von Anfang an, schon in der ersten Klasse, durch den ständigen Vergleich mit ihren Mitschülern demotivieren lassen und entschieden: Sie könne "das alles" nicht und brauche sich deshalb auch nicht weiter anzustrengen oder überhaupt hinzugehen. Vielleicht war sie zu sehr daran gewöhnt, dass sie zu Hause mit ihrem behinderten Bruder IMMER diejenige war, die alles am besten konnte?

Damit Olivia den Spaß an der Schule nicht ganz verliert, versuchte ich zu Hause keinen zusätzlichen Druck aufzubauen. Lieber sorgte ich dafür, dass sie viel Zeit zum Spielen hatte. Immerhin war das Kind in der ersten Klasse!

Zur Person
  • Birte Müller, Jahrgang 1973, ist Kinderbuchautorin und Illustratorin. Sie lebt mit ihrem Mann und den Kindern Willi (Down-Syndrom) und Olivia (Normal-Syndrom) in Hamburg. Ihr Lebensmotto: It's not a bug, it's a feature.

Gleichzeitig fühlte ich mich aber schlecht, wenn ich das Grüppchen einiger ehrgeiziger Mütter aus Olivias Klasse reden hörte. Die waren ewig um die Leistungen ihrer Kinder besorgt, obwohl ihre Kinder mir im Vergleich zu Olivia wie Selbstläufer vorkamen.

Ständig fragten diese Mütter, wie weit die anderen Kinder schon im "Lies mal"-Heft seien. Zu den Eltern zu gehören, deren Kinder noch im zweiten Band waren, während andere bereits das dritte bearbeiteten, kam für sie nicht infrage. Einige Mütter kauften die Hefte sogar privat, damit ihre Kinder zu Hause darin vorarbeiten konnten und so weiterkamen als andere.

"Ein Kamel hat zwei Rüssel"

Olivia ist übrigens nie über den ersten Band hinausgekommen. Die Heftchen waren zwar nett gemacht, und es gab immer etwas zum Malen und lustige Quatschfragen. Aber sooft ich mich mit ihr auch hinsetzte - wir kamen nicht mit dem Lesen voran. Olivia verzierte stattdessen lieber die Bilder. Und wenn man ankreuzen sollte "Ein Kamel hat zwei Höcker" oder "Ein Kamel hat zwei Rüssel" musste sie unbedingt "zwei Rüssel" ankreuzen und dazu aufwendig ein passendes Bild zeichnen.

Frage: Hat das Kamel zwei Rüssel, Höcker oder Beutel? Olivias fantasievolle Antwort im Bild
Birte Müller

Frage: Hat das Kamel zwei Rüssel, Höcker oder Beutel? Olivias fantasievolle Antwort im Bild

Als Olivia das erste Heft ENDLICH fertig in der Schule vorlegte, bekam sie von der Lehrerin aber kein Lob, wie mein Kind mir berichtete. Vielmehr sei die Lehrerin entsetzt gewesen, weil die anderen Kinder ja schon viel weiter mit ihren Heften waren. Die Folge: Meine Tochter weigerte sich, das zweite "Lies mal"-Heft jemals aufzuschlagen, und wir quälten uns dann eben durch normale Bücher.

Für den Test üben - aber geheim

Einmal hatten wir einen Jungen aus Olivias Klasse zu Besuch. Typ "Lies mal"-Heft, Band 6. Das Kind sagte, es könne nicht so lange zum Spielen bleiben, denn es müsse noch für den Test üben. Ich wusste gar nichts von einem Test. Olivia auch nicht. Der Junge legte schuldbewusst die Hand auf seinen Mund und flüsterte, er hätte das mit dem Test gar nicht sagen dürfen, es sei ein Geheimnis. Da wurde ich natürlich neugierig und ließ mir genau erzählen, was seine Mutter mit ihm übte.

Am nächsten Tag erzählte mir Olivia, sie hätten in der Schule tatsächlich den Test geschrieben. Und es seien auch genau die Sätze diktiert worden, die das Kind uns am Nachmittag vorher auswendig aufgesagt hatte. Interessant.

Zurückgegeben wurde der Test allerdings nie. Den Grund dafür erfuhr ich einige Wochen später, als ich kurz vor den Sommerferien in der Schule beim Aufräumen half und die Lehrerin danach fragte. Es stellte sich heraus, dass sie eine Schreib- und Leseprobe durchgeführt hatte - ein Test, den es jährlich an allen Hamburger Grundschulen gibt.

Das Besondere daran: Den Lehrern ist ausdrücklich untersagt, die Kinder darauf vorzubereiten. Denn der Sinn der Prüfung ist einerseits, herauszufinden, welches Kind Förderbedarf hat, andererseits lässt sich so das unterschiedliche Lernniveau von einzelnen Klassen oder Schulen vergleichen. Noten bekommen die Schüler für die Tests nicht, Eltern werden nur über das Ergebnis informiert, wenn die Kinder auffällig schlecht abschneiden. Und genau das war bei Olivia passiert - wie ich dann gänzlich nebenbei erfuhr, während ich mit der Lehrerin einen Tisch trug.

Ich war verwirrt. Wie konnte das sein?

  • Hier schreiben abwechselnd Birte Müller, Silke Fokken und Armin Himmelrath über das Leben mit Kindern zwischen dem ersten und dem letzten Schultag.

Wenn der Leistungsvergleich zwischen Kindern irgendeinen Sinn ergeben soll und ein Kind nachweislich Schwächen hat, warum zwitschert man den Eltern dann erst auf Nachfrage und zwischen Tür und Angel das katastrophale Ergebnis zu? Oder hätte die Lehrerin später mit mir noch das Gespräch suchen und mich in Ruhe informieren wollen? Oder ist der Test völlig unwichtig und gar nicht aussagekräftig? Warum drillen Mütter, die irgendwie an die Aufgaben kommen, ihre Kinder dann darauf, gut abzuschneiden?

Es kommt auf die Schublade an

Ich erzählte die Sache meiner Freundin, die vier Kinder und von solchen Dingen deutlich mehr Ahnung hat als ich. Sie meinte: "Ist doch klar. Die Mutter verschafft ihrem Kind mit dem heimlichen Üben einen riesigen Vorteil, selbst wenn es keine Zensuren bekommt. Denn: Ihr Kind landet gleich am Anfang in der Schublade 'gute, leistungsstarke Schüler', und darauf kommt es an".

Als dieses Gespräch stattfand, war das erste Schuljahr für Olivia vorbei - und ich fast so desillusioniert wie meine Tochter selbst. Ich war enttäuscht von der eigentlich netten Lehrerin, den unfairen Methoden anderer Mütter und unserem ganzen Schulsystem. Und irgendwie war ich wohl auch enttäuscht, weil mein "normales" Kind nicht in der Schublade der "Guten" saß, so wie ich mir das vorgestellt hatte.

Aber meine Tochter konnte und wollte sich an diesem ganzen Wettbewerb um Leistung nicht beteiligen. Sie spazierte beim Wettrennen ums Schulgelände Blumen pflückend und singend ins Ziel. Großartig! Doch obwohl ich es für eine Stärke hielt, dass sie scheinbar frei von Konkurrenzdenken war, wurde mir klar, dass man damit in der Schule nicht weit kommen würde. Und vielleicht war die Verweigerung von Wettstreit auch einfach nur Resignation?



insgesamt 105 Beiträge
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Seite 1
kaaliesh 25.11.2019
1. Ohne Olivia...
wäre diese Welt noch ein bisschen ärmer, als sie es ohnehin schon ist. Von meinen drei Kindern ist keines in der Schublade "leistungsstark" gelandet, aber jedes hat ganz eigene Stärken und Fähigkeiten. Darüber traurig und enttäuscht zu sein, dass sie kein Superschüler ist, schadet ihr auf Dauer, denke ich. Sie wird mit soviel Fantasie vermutlich nie Bankmanager, aber ganz bestimmt ein toller Mensch mit Einfühlungsvermögen, wenn man ihr beibringt, dass das völlig ok ist.
BassErstaunt 25.11.2019
2. Mittelmaß!
Das große Panik-Wettrennen würde ich da auch nicht mitmachen wollen. Aber so ganz ohne Engagement klappt es vermutlich auch nicht. Ich kenne sie auch, die überbemühten Eltern. Nur scheint mir da nur ein geringer Zusammenhang zwischen der Leistung der Kinder und dem Druck zu bestehen. Ein begabtes Kind, das locker seinen Weg geht ist meist am Ende der Schule dann doch deutlich dem unbegabten Kind überlegen, egal wie sehr das von den Eltern gequält wurde. Als Eltern können wir bestenfalls motivieren, damit die Kinder ihre eigenen Leistungsfähigkeiten ausprobieren. So ganz ohne Anstrengung dürfte das auch nicht gehen. Die Illusion, man könne lange einfach mal so machen und irgendwann, wenn es mal wichtig wird (Oberstufe? Studium? Arbeitsplatz? Rente?) dann ja immer noch Schub geben, teile ich nicht. Unsere Kinder sind bislang ganz gut damit gefahren (hoffe ich), sich anzustrengen, aber die Dinge nicht zu verbissen zu sehen. Schauen, was man schaffen kann - aber auch lernen, dass "von nix auch nix kommt". Nicht nach anderen Schülern schielen (Konkurrenz), sondern experimentieren, was man selber mit als gesund empfundenen Aufwand schaffen kann (Freude an der Selbstwirksamkeit). Wie beim Sport - man muss kein Spitzen-Sportler werden, aber die eigene Fitness auf einem gesunden Niveau halten, damit man nicht schon bei den 20m von der Tanksäule bis zur Kasse zu schnaufen beginnt - das sollte gehen. Oder sich freuen, dass man die 10km schafft und in 1:10 statt wie früher in 1:30 läuft, egal ob das der Nachbar als geeignete Zeit für einen Halbmarathon ansieht. Und das Bild mit dem Kamel finde ich klasse - aber das muss ja nicht ausschließen, dass man zumindest die Mindestaufgaben eigenständig abarbeitet. So lernt man dann nicht nur malen, sondern auch ein wenig Rechnen (kann man oft gut gebrauchen) und die deutsche Sprache, etwa den Unterschied zwischen scheinbar und anscheinend. Aber - solange die Lütte nur scheinbar frei von Konkurrenzdenken ist, kann ja noch was draus werden ;-).
spon-facebook-1228080679 25.11.2019
3. Schule ist kein Wettbewerb
Auch wenn viele meinen, die Schule sein ein Wettbewerb (das deutsche dreigliedrige System ist genau auf dieser Voraussetzung basiert): ist sie es nicht. Bewertungen - egal, ob im Sport oder ganz einfache Schulnoten - sind nicht dazu da, um sich mit anderen zu messen, sondern dazu, seinen eigenen Fortschritt zu messen. Um an den Schwachstellen zu arbeiten und sich der Stärken bewusst zu werden. Man muss nicht immer der Beste sein, man muss nur besser sein als man selbst vorher war. Das gilt übrigens auch für das erwachsene Leben.
dagmar1308 25.11.2019
4. Kalter Kaffee
Das war doch schon immer so. Jetzt wird es nur über die vielen zusätzlichen Medienkanäle verstärkt publiziert. Wahrscheinlich mit dem Hintersinn, via Haushaltstitel und Steuersatz anderen in die Taschen zu greifen. War selbst fast drei Jahre ohne Schulabschluß Hilfsarbeiter und dann ging es trotzdem weiter, wenn man sich berappest hat und die zweite Chance für jeden endlich genutzt hat. Meist gibt es auch eine dritte. Ohne Leistung eines jeden ist aus der Produktionsgesellschaft nichts zu holen. Übrigens ist das der Hauptgrund, warum Wachstum unerlässlich ist.
fördeanwohnerin 25.11.2019
5. -
Machen Sie sich nichts draus. Ich hatte nach meinem ersten Schulhalbjahr auch die Einstufung "muss wohl die erste Klasse wiederholen". Trotzdem bekam ich in der 4. Klasse die Empfehlung fürs Gymnasium, ohne großen Stress durch meine Eltern oder sonstwen. Falls Sie in einem Bundesland mit Gemeinschafts- oder Gesamtschulen leben, können Sie auch entspannt bleiben. Wenn Ihr Kind irgendwann was will, läuft es automatisch auf einen vernünftigen Abschluss hinaus. Und selbst wenn Sie in Bayern leben, so gibt es immer noch den sog. zweiten Bildungsweg, den Ihre Tochter einschlagen kann. Aber gar kein Wettbewerb ist auch nicht sinnvoll, weil später außerhalb der Schule das dicke Ende kommt. Und Schule soll auch aufs Leben vorbereiten, oder nicht? Diejenigen, die Leistung und Wettbewerb komplett ablehnen, haben leider keine Ahnung von Menschen im Allgemeinen. Irgendwie messen wir uns naturgegeben immer an anderen, selbst wenn wir es nicht wollen. Sogar die oben genannten Wettbewerbsverweigerer wetteifern mit anderen darin, wer am wenigsten wetteifert.;-)
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