Austausch über Kinder Dürfen Eltern und Lehrer auf WhatsApp chatten?

Kommunizieren in der Grauzone. Die Regeln für Eltern und Lehrer zu Messengerdiensten variieren je nach Bundesland. Auch der Druck permanenter Erreichbarkeit ist Teil der Debatte.

WhatsApp-Logo
REUTERS

WhatsApp-Logo


Die Kommunikation zwischen Lehrern und Eltern über WhatsApp fällt in Deutschland offensichtlich häufig in eine Grauzone. Eine Umfrage der Nachrichtenagentur dpa kommt zwar zu dem Ergebnis, dass manche Bundesländer den Lehrkräften untersagt haben, dienstliche Nachrichten über den Messenger auszutauschen. Es gibt jedoch keine einheitliche Linie. Niedersachsen zum Beispiel lotet derzeit die Möglichkeiten aus, eine Kommunikation über einen alternativen Kurznachrichtendienst zu ermöglichen, der den Anforderungen des Datenschutzes besser gerecht wird.

Was den Datenschutz angeht, ist WhatsApp unter Fachleuten umstritten (lesen Sie hier, was die Datenschutzbeauftragte 2017 zum Thema sagten). Der Messengerdienst, der zum Facebook-Konzern gehört, steht vor allem wegen der Übertragung der Adressbuchdaten aus dem Smartphone auf Facebook-Server in der Kritik.

Etliche Datenschützer sind der Meinung, dass dafür jede Person aus dem Adressbuch des WhatsApp-Nutzers aktiv seine Zustimmung geben müsste. Experten sehen aber auch positive Datenschutz-Aspekte: Die Chats bei WhatsApp seien geradezu vorbildlich Ende-zu-Ende verschlüsselt, heißt es.

Wie handhaben unterschiedliche Bundesländer das Thema? Eine Übersicht mit acht Beispielen:

  • Die Hamburger Schulbehörde hat bisher keine Vorschriften zum Thema Eltern-Chats erlassen. "Im Unterschied zur Kommunikation Lehrer-Schüler, die via WhatsApp untersagt ist, gibt es keine Regelungen bei der Kommunikation Eltern-Lehrer", sagte ein Behördensprecher. "Wir empfehlen insbesondere bei sensiblen Umständen und Informationen das direkte Gespräch oder verschlüsselte Mails."
  • Auch in Bayern sind WhatsApp-Chats zwischen Eltern und Lehrern nicht verboten. Es handele sich um eine "Grauzone", sagte eine Sprecherin des bayerischen Kultusministeriums. "Die Nutzung von WhatsApp ist als dienstlicher Informationskanal von Schulen nicht vorgesehen. Privat ist Lehrkräften die Nutzung von Messengerdiensten selbstverständlich erlaubt; es liegt in ihrer Verantwortung, Privates und Dienstliches entsprechend zu trennen." Ein offizielles Verbot bestehe nicht.
  • Auch in Nordrhein-Westfalen gibt es grundsätzlich keine rechtliche Regelung, die Schulen und Lehrkräften ausdrücklich die Verwendung von modernen Kommunikationsmedien wie WhatsApp verbietet - immer vorausgesetzt, dass keine Daten mit Personenbezug verarbeitet werden.
  • In Thüringen dürfen Lehrer personenbezogene Daten nur verschlüsselt übermitteln, berichtete das Bildungsministerium. Welche Mail- und Messengerkonten dafür verwendet werden sollen, ist nicht vorgeschrieben. WhatsApp werde aber nicht empfohlen, "da dieser Messenger auf das Telefonbuch des Nutzers zugreift und damit auf eine große Menge von Daten", so das Ministerium. "Ein weiterer Nachteil von WhatsApp ist, dass dort in den Verteilern alle Handynummern für alle sichtbar sind." Seien Lehrer und Eltern aber einverstanden, über WhatsApp zu kommunizieren, sei dies auch erlaubt.
  • Lehrkräfte in Hessen dürfen über WhatsApp und andere Messenger überhaupt keine personenbezogenen Daten und Dokumente teilen. "WhatsApp und andere Messengerdienste sind datenschutzrechtlich kritisch zu sehen", heißt es aus dem hessischen Kultusministerium. Noten, Krankmeldungen, Adress- und Telefondaten, Hinweise auf Hausaufgaben sowie Feedback zur Lernleistung dürften somit nicht über Messengerdienste oder soziale Netzwerke ausgetauscht werden. Das Ministerium empfiehlt Eltern und Lehrern, wenn überhaupt, diese Kommunikationswege nur sehr eingeschränkt zu nutzen. Es wird dazu geraten, sich alternativ über eine Lernplattform oder via E-Mail mit den Eltern der Schüler austauschen. Ob Lehrkräfte darüber hinaus mit Eltern und Schülern über WhatsApp kommunizieren, liege in ihrem persönlichen Ermessen.

    Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Hessen wünscht sich klarere Anweisungen, die Handreichung des Landes sei zu vage. "Wir raten den Kollegen deutlich von der Nutzung des Mediums ab. Nicht nur aus Datenschutz-, sondern auch aus Arbeitsschutzgründen", hieß es von der Gewerkschaft. Lehrkräfte müssten vor der permanenten Erreichbarkeit sowie dem zeitlichem Druck geschützt werden. Das betrifft aber nicht nur WhatsApp, sondern auch andere Messenger wie Threema, Signal oder Telegram.
  • Doch auch dort, wo feste Regelungen existieren, greifen sie offenbar nicht immer: Obwohl Lehrkräfte in Baden-Württemberg keine sozialen Netzwerke für dienstliche Zwecke benutzen dürfen, halten sich laut der Dienststelle des Landesdatenschutzbeauftragten nur sehr wenige an das Verbot. "Die Handreichung des Kultusministeriums ist vielen Lehrkräften leider nicht bekannt", hieß es von der Datenschutzbehörde. Die Lehrergewerkschaft GEW im Südwesten widersprach dieser Einschätzung. Das Kultusministerium hatte die Nutzung sozialer Netzwerke an Schulen im Jahr 2013 verboten.
  • Auch in Rheinland-Pfalz sollen WhatsApp oder Facebook für den schnellen Austausch von Lehrern, Schülern und Eltern außen vor bleiben. Sofern Lehrer den Einsatz eines Messengers für nötig erachten, sollen sie nur Dienste europäischer Anbieter verwenden, die Verschlüsselung über den gesamten Kommunikationsweg gewährleisten - so heißt es im Leitfaden des Bildungsministeriums und des Landesdatenschutzbeauftragten in Mainz. WhatsApp bietet diese geforderte Ende-zu-Ende-Verschlüsselung allerdings auch.
  • Das Land Niedersachsen sucht inzwischen nach einem Kompromiss in der Frage. Derzeit werde die datenschutzkonforme Nutzung eines möglichen alternativen Kurznachrichtendienstes geprüft. Denn längerfristig müsse es auch an Schulen entsprechende Kommunikationsmöglichkeiten geben. Bisher gelte: "Dienstliche Informationen über WhatsApp zu versenden, ist aus Datenschutzgründen unzulässig", sagte ein Sprecher des niedersächsischen Kultusministeriums. Lehrer dürften sich auch nicht an WhatsApp-Gruppen von Schülern und Eltern beteiligen.

Mehr zum Thema WhatsApp im Schulalltag: In ihrem Buch "Ich muss mit auf Klassenfahrt - meine Tochter kann sonst nicht schlafen" berichten die SPIEGEL-ONLINE-Redakteurinnen Lena Greiner und Carola Padtberg auch von irren Beispielen der digitalen Eltern-Kommunikation.

Lesen Sie hier Buchauszüge aus dem Kapitel "Das ist echt nervig! Die schlimmsten Elternchats" (Namen, Orte und signifikante Details wurden geändert und einige Chatverläufe gekürzt):

Christof Bock, dpa/mbö



insgesamt 56 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
static_noise 17.02.2019
1.
Digitalkompetenz deutscher Schulleiter und Bildungspolitiker in 2019: Aus Datenschutzgründen gegen WhatsApp sein (weil wegen Telefonnummernaustausch/Anschluß kennung, mit Server... hyperventilier) aber hochsensible Informationen als reguläre Mail per 'an alle antworten' verschicken.
CharlieBrownXV 17.02.2019
2. ...
Die Sache ist einfach, sie ist so unglaublich einfach. Lehrer: Sie brauchen dann noch WhatsApp. Selbst: Nein, brauche ich nicht. Lehrer: Doch zwingend (heftiges nicken der sozialpädagogisch angehauchten anwesenden Mutterschaft). Selbst: Ich brauche Ihre Aufforderung dann schriftlich, bitte. Mit Schulstempel und Rechtsbehelfsbelehrung. Lehrer: Das machen wir nicht. Selbst: Dann sind wir uns ja einig: Ihr ganz privater Wusch ist abgelehnt und wenn Sie etwas zu klären haben rufen Sie an wenn ich nicht Arbeiten bin, also nach 17 Uhr, oder schreiben einen guten alten Brief. Thema durch... WhatsApp eh mal sowieso nicht. Andere Messenger auch nicht. Und nein, ich gehe "Auf Arbeit" auch nicht ans Telefon. In sehr dringlichen Fällen darf man mir eine SMS schicken. Ich beurteile dann ob es dringlich ist und rufe, wenn es dringlich ist, zurück. Und nein, ich begleite das arme Schulkind auch nicht in die Schule und setze es köpfchenstreichelnd in die Klasse. Die dürfen beide um 7 Uhr gehen, 3 Km laufen, respektive 7 Km mit dem Bus fahren, selbstständig das Klassenzimmer betreten, selbstständig lernen, selbstständig nachhause kommen. Wer das mit 15 bzw. 16 nicht schafft ist erst 5 und gehört um 19 Uhr ins Bett. Der ist auch zu klein für Handy, Abendfernsehen oder nach 18 Uhr draussen rumhängen. Es klappt und sie leben noch. Und man hat die wage Hoffnung sie müssen nicht Sozialpädagogen werden.
SNOWSTAR 17.02.2019
3. eigentlich logisch, oder?
Dass ich den Schülerinnen und Schülern nicht die Noten per WhatsApp o.ä. mitteile, versteht sich von selbst. Auch Gespräche über Lernleistungen, Verhalten, Laufbahnempfehlungen, sprich ALLES, was Dritte nichts angeht, bedarf keiner Handreichung, sondern logischem Verstand. Dass ich aber Schüler (oder Eltern) daran erinnere, dass sie morgen doch bitte an den einen wichtigen Zettel denken, S. 14, Nr. 3 Hausaufgabe war, oder wir uns zum Ausflug um 8 Uhr Treffen und nicht um 9, oder nein, morgen ist nicht schulfrei, lasse ich mir nicht verbieten! Das Problem sind nicht die Apps, sondern die Nutzer vor dem Bildschirm. Wer mit modernen Medien nicht umgehen kann und datenschutzrechtliche Inhalte darüber verbreitet, sollte sie nicht nutzen.
CW-Wert 17.02.2019
4. Einfach Threema Education für Schulen nehmen
Über 7 Mio. aktive Nutzer hat dieser sehr sichere Messenger schon. Und in der Education-Variante: Zentrale Administration - Einmalige Lizenzgebühr - Lizenzen können an nachrückende Schüler weitergegeben werden - Sichere & Verschlüsselte Kommunikation ohne FB und Konsorten - Threema hat kein Mindestalter und ist DSGVO-konform. In der Schweiz ist Threema Education schon der Renner. Threema stellt auch eine kostenlose Testversion zur Verfügung.
der_rookie 17.02.2019
5. Hm
Wie war das mit den Lizenzbedingungen von WhatsApp? Abschnitt : WhatsApp darf alle Inhalte die über den Dienst ausgetauscht wurden nach eigenem Gutdünken weltweit kostenfrei reproduzieren und anderen zur Verfügung stellen. Wenn also ein Lehrer darüber Eltern schreibt, dass das Kind doch bitte sorgfältiger schreiben könnte oder den Unterricht stört, dann darf der Facebookkonzern diese Info später beliebig nutzen oder Leuten verkaufen, die sich für ein Persönlichkeitsprofil des Kindes interessieren.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.