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02. Januar 2018, 11:32 Uhr

Digitaler Unterricht

Wer ist der bessere Lehrer - das Whiteboard oder ich?

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Whiteboards im Unterricht sind super. Als Lehrer kann man einen Film zeigen, statt zu unterrichten - bis die Lampe durchbrennt, der Ton kaputt ist oder die Batterie leer.

Ein bisschen stolz war ich neulich schon, denn ich hatte meinen Unterricht in einem Oberstufenkurs für meine Verhältnisse extrem gut vorbereitet: Aufbauend auf ein Schüler-Referat wollte ich am digitalen Whiteboard einen Kurzfilm zeigen und Ergebnisse anschließend mithilfe eines Tafelbilds sichern.

Wie immer wollte ich in der Pause alles vorbereiten. Denn das digitale Whiteboard, also "eine interaktive digitale Tafel, die mit einem Computer verbunden ist" (Wikipedia), kann man nicht einfach so benutzen. Man muss den dazugehörigen Computer erst hochfahren, dann meldet man sich an und meistens müssen die Stifte "kalibriert" werden, damit der Stift auch wirklich dort, wo man ihn aufsetzt, seine Striche zieht. Das alles dauert.

Als ich loslegen wollte, wurde meine gute Laune jedoch binnen Sekunden von einem "Systemfehler" geradezu ausradiert: Ich konnte mich nicht anmelden! Die ersten Minuten der in der Pause nicht vorbereiteten Stunde verbrachte ich mit einem Schüler vor dem Whiteboard - gemeinsam scheiterten wir beim Versuch, meinen Unterricht zu retten.

Batterie leer, Lampe durchgebrannt, Ton kaputt

Insofern hat selbst in dieser Situation das Whiteboard einen konkreten Nutzen gehabt: Mein Schüler und ich sind uns nähergekommen, während die anderen Schüler Zeit hatten, für die Bio-Klausur zu lernen. Und der Schüler, der das Referat halten sollte? Er gab mir zum Beweis, dass er es wirklich vorbereitet hatte, seinen Stick, auf dem eine PowerPoint-Präsentation war, die ich mir am Nachmittag zu Hause allein angeguckt habe.

Es kam auch schon vor, dass die Batterie der Maus leer war. Einmal brannte mitten im Unterricht die Lampe des Beamers durch. Ein anderes Mal ging der Ton nicht.

Bei den einfachen Fällen gibt es übrigens schnell Hilfe - am nächsten Tag funktioniert wieder alles. Bei den komplizierten Fällen wird ein "Amt" benachrichtigt. Das ist eigentlich sogar praktisch, weil man dann immerhin weiß, dass man einige Wochen das Board nicht wird benutzen können und eh alles analog vorbereitet.

Ich weiß nicht, wie oft ich mir in den zurückliegenden Jahren die Schiefertafeln zurückgewünscht habe. Weil Kreide nie kalibriert werden muss. Wenn eine Tafel nicht sofort einsatzbereit ist, bedeutet das nur: Man muss sie wischen.

Filme ersetzen den Unterricht

Ja, ja... stimmt, natürlich funktionieren die digitalen Whiteboards in der Regel. Aber machen sie den Unterricht wirklich besser? Ich selbst erwische mich viel zu oft dabei, wie Filme, die man dank der Whiteboards in Kinoqualität zeigen kann, meinen Unterricht ersetzen. Und habe ich mich nicht erst vor Kurzem selbst für obsolet erklärt, indem ich die Schüler mithilfe eines YouTube-Videos für den herrlichen Klang des französischen Alphabets begeistern wollte?

Ja, ich habe in einem schwachen Moment tatsächlich all meine Kompetenzen an ein Lehrvideo übertragen. Warum? Weil es so bequem war. Und ich werde den entsetzlichen Gedanken nicht los, dass es das Ziel moderner Bildungspolitik ist, uns nach und nach digital zu ersetzen. Sonst würde man nicht in die Digitalisierung Milliarden investieren, sondern neue Lehrerstellen schaffen.

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