Ganz harte Schule Wie gehe ich mit schlechten Noten meiner Kinder um?

Was sagt man als Mutter, wenn das Zeugnis des Sohnes einen Notendurchschnitt aufweist, der eine Versetzung unmöglich macht? Andrea Müller muss zuerst mal blöde Sprüche ihres Vaters abschütteln - und eigene, schlechte Erinnerungen.

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Eine Kolumne von Andrea Müller


"Ungerecht", mault der 15-Jährige, knallt das unerquickliche Dokument auf den Küchentisch und zieht ein verzweifeltes Gesicht. Das Zeugnis ist schlimmer als erwartet. Die Fünfen haben sich gleichmäßig darauf verteilt, in Sprachen, Naturwissenschaften, überall. Auch ein spezielles Talent oder Interesse ist nicht auszumachen. Nur in Sport steht dort eine einsame Eins.

Die einzig faire Note, motzt Caspar, alles andere sei eine Unverschämtheit. Denn seine schriftlichen Leistungen hätten locker für ein fünferfreies Zeugnis ausgereicht - hätte er nur mitgemacht im Unterricht.

Hätte!

Wegen der Wuttränen in seinen Augenwinkeln verkniff ich mir den Spruch meines Vaters, den er parat hatte, wenn ich früher mit Fünfen nach Hause kam: "Tja, wenn du groß bist, gehst du zur Müllabfuhr."

Warum ausgerechnet das Mündliche, Caspar? Eine mündliche Beteiligung am Unterricht, die zu 70 Prozent in die Gesamtnote einfließt, wäre für mich früher das Paradies auf Erden gewesen! Gerade in Laberfächern wie Deutsch oder Philosophie ließen sich doch jederzeit Zwischenrufe von der Seite lancieren. Sogar in Chemie konnten wir zum Beispiel Fachbegriffe notieren und bei Gelegenheit als Frage einstreuen: "Wie war das nochmal mit der Wasserstoffbrückenbindung als Basenpaar in der doppelsträngigen Nukleinsäure?"

Zur Autorin
  • Yvonne Schmedemann
    Aufgewachsen in Süddeutschland, hat Andrea Müller als Katastrophenschülerin dann doch noch "irgendwie" das Abi geschafft. Heute lebt sie mit ihren beiden Söhnen (10 und 15 Jahre alt) in Hamburg. Sie arbeitet als Gesellschafts-Journalistin für verschiedene Medien und ist wahnsinnig froh, dass sie selbst nicht mehr zur Schule muss.

Egal, ob es sinnvoll ist oder nicht, so macht das schließlich fast jeder Promi in fast jeder Talkshow. So hätte man aus jeder Vier eine Drei machen können. "Du vielleicht", sagt mein Sohn. Er aber sei nun mal "keine Quasselstrippe". Und ich solle einfach nicht so viel fragen, er hätte ohnehin keine Antwort.

Ich stelle mir seinen Schulunterricht als Stummfilm vor. Vielleicht auch als Unterwasser-Performance, wo nur ab und zu ein paar Luftblasen vor seinem Mund aufsteigen. Oder schläft er so tief, dass er beim Melden den Arm nicht heben kann? Ob die Lehrer seine Stimme kennen?

Aber schimpfen? Nein, das mag ich nicht, denn mein Herz quillt über vor Mitgefühl, für ihn und unseresgleichen: die Schulversager. Für alle Sich-selbst-im-Weg-Steher, Klausurenversieber, Spätzünder, Notenverchecker. Niemals vergesse ich, wie mein Sportlehrer mir die peinlichste Sechs aller Zeiten ins Zeugnis drückte. "Wenn du dich beim Hürdenlauf sehen könntest, würdest du Albträume kriegen", sagte er. Danach nahm ich gar nicht mehr am Sportunterricht teil. Und da pädagogische Unfähigkeit kein Dienstvergehen ist, blieb der Lehrer bis zur Rente an unserer Schule. Damals wie heute: alles eine Frage der Motivation.

Als Schülerin hatte ich selten die passenden Antworten. Die Blackouts kamen immer ausgerechnet in den Klausuren - trotz Hunderter Nachhilfestunden etwa in Mathematik. Warum hatte ich vor Französisch-Arbeiten stundenlang mit Corinna auf der Wiese gelegen, Wolkenbilder interpretiert und mich mit falsch ausgerupften Gänseblümchenblüten bei "Er liebt mich, er liebt mich nicht" selbst betrogen? Warum gehörte ich nicht zu den brillanten Nichtlernern, die dann - wie Corinna - trotzdem eine Zwei schafften?

"Also Müllabfuhr - dafür ist sie zu ungeschickt. Aber als Toilettenfrau, da muss man nur Kleingeld addieren", sagte mein Vater einmal wütend zu meiner Mutter. Ich konnte es mithören. Und weiß noch genau, wie es sich anfühlt, als Schülerin auf dem falschen Trip zu sein. Obwohl jeder weiß, dass Schulversager mitnichten dümmere Kinder sind! Man kennt die Trost-Geschichten von Vorständen, Politikern, Schriftstellern und anderen erfolgreichen Menschen, deren Schulkarrieren aus Stolpern und Straucheln bestanden - ehe sie wieder aufgestanden sind.

  • Hier schreiben abwechselnd Silke Fokken, Armin Himmelrath, Andrea Müller und Birte Müller über das Leben mit Kindern zwischen dem ersten und dem letzten Schultag.

Eine Freundin, Partnerin einer Hamburger Großkanzlei, erzählte so eine Trostgeschichte am Tag von Caspars Zeugnisvergabe. Sie handelte von diversen Fünfen und einer Deutschstunde, wo sie im üblichen Halbschlaf vor sich hindämmerte. Es ging um "Narziss und Goldmund". "Na, Frollein S., worüber sprechen wir denn gerade?", fragte der Lehrer. Ihre Antwort kam prompt: "Über Nazis in Dortmund." Die Klasse grölte, die Anekdote wurde in der Abizeitung verewigt. Selbstredend hat sie ein Super-Abi gemacht.

Aber nicht für jeden schlechten Schüler geht alles gut aus. Caspars Zeit auf dem Gymnasium ist in vielerlei Hinsicht ein Kraftakt voller Stress und Tränen. Gehört er wirklich dorthin? Ist er überhaupt schulkompatibel? Und wann platzt endlich der Knoten?

Sicher, als Mutter weiß ich, dass ich über alles mit ihm reden kann. Ob er mich zur gesellschaftlichen Situation in Marokko befragt oder mir wortreich Fakten über Fußball erklärt, die ich immer wieder zum ersten Mal höre. Ich darf nur bitte nichts fragen.

In wen er gerade verliebt ist, zum Beispiel. Ob er irgendwelche Hausaufgaben hat. Oder ob er eine Arbeit zurückbekommen hat. Dann verdreht er die Augen und sagt: "Mama, frag nicht! Du kriegst eh keine Antwort!"

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Seite 1
tpro 08.07.2019
1.
"...Was sagt man als Mutter, wenn das Zeugnis des Sohnes einen Notendurchschnitt aufweist, der eine Versetzung unmöglich macht?..." Was man da sagt? "Ich hätte mich schon früher darum kümmern sollen, was mein Sohn macht oder nicht macht"
sozialismusfürreiche 08.07.2019
2. falsches Schulniveau
Leider ist es oft einfach das falsche Schulniveau. Realschule, da einen guten Abschluss und wenn dann die Lust besteht direkt auf die weiterführende Schule oder über den 2. Bildungsweg. Ich hatte in Englisch meine schlechtesten Noten in der Realschule (4 und 5) und auch in Klasse 11 und halb 12. Nur im 2. Halbjahr 12. Klasse begann es besser zu werden. Und die 13. hatte ich am Ende eine 2 in Englisch. Warum? Weil ich ab der 12. Klasse erstmals Verwendung und Interesse für Englisch hatte ... Heute muss ich jeden Tag bei der Arbeit mündlich und schriftlich mit Englisch arbeiten ...
Ultras 08.07.2019
3.
Deutsch und Philo sind also Laberfächer. Ein Glück, dann kann man sich ja in Zukunft das mindestens fünfjährige Studium samt Referendariat sparen. Was für eine Respektlosigkeit gegenüber Leuten, die mehrere Jahre ihres Lebens darauf verwenden, Staatsexamina in diesen Fächern zu bekommen. Und ich weiß nicht, auf welcher Schule Frau Müller war, aber mal kurz irgendwas in Chemie reinzuplärren, das rein gar nichts mit dem Thema zu tun hat, hat bei uns mitnichten für eine Drei gereicht, sondern höchstens für die Frage, was der Unsinn soll. Und wenn ein Gymnasiast am Fließband Fünfer produziert, sollte nicht als erstes die völlig ich-bezogene Frage nach dem eigenen Umgang mit den Leistungen den Kindes kommen, sondern die Frage, wie ich meinem Kind helfen kann. Hier wäre zB ein Nachdenken darüber angebracht, ob das Gymnasium mit seinen Anforderungen wirklich die geeignete Schulform ist.
escherischiacoli 08.07.2019
4. Also nein,
bei allem Mitgefühl, aber mit 15 stehen doch die Kinder neben sich und brauchen nicht nur Verständnis, sondern auch mal klare Ansagen. Die Argumente, die der Sohn bringt, kennen alle Eltern. Aber wenn Sie zu nachgiebig sind, wird diese "alle andern sind schuld" Meinung noch bestätigt. Das ist einfach der normale pubertäre Wahnsinn. Es gibt übrigens einen Indianerstamm am Amazons, die die pubertierenden Jungen in ein eigenes Dorf verfrachten, bis das schlimmste durch ist. Das stammt aus einer Sendung von Bayern 2 ich geh mal davon aus dass es stimmt ;-)
pit-m 08.07.2019
5. Oh mein Gott
warum lässt man nicht endlich die Schule erst um 9 beginnen und schafft dieses Notensystem für Pubertierende einfach mal ab. Was bei der pubertären Hirnumgestaltung so abgeht ist doch mit diesem ganzen antiquierten Sytem nicht überein zu bringen. Und das mit der Müllabfuhr kenn ich auch....
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