Wiener Staatsoper Sonderkommission rügt Diskriminierung und Vernachlässigung in Ballettakademie

Demütigungen, Drill und Gewalt: Der Abschlussbericht über den Umgang mit Schülerinnen und Schülern der Ballettakademie der Wiener Staatsoper offenbart "erschütternde Zustände".
Susanne Reindl-Krauskopf, Vorsitzende der Untersuchungskommission: Kinder seien mit Vornamen und Konfektionsgröße angesprochen worden

Susanne Reindl-Krauskopf, Vorsitzende der Untersuchungskommission: Kinder seien mit Vornamen und Konfektionsgröße angesprochen worden

Foto: Hans Punz/ APA/ DPA

An der renommierten Wiener Ballettakademie wurde das Kindeswohl gefährdet. Das hat eine von der österreichischen Regierung eingesetzte Sonderkommission mit ihrem Abschlussbericht  nun bestätigt. Kulturminister Alexander Schallenberg sprach von "erschütternden Zuständen".

Die Kommission war seit April Berichten nachgegangen, wonach eine Lehrerin ihre Schülerinnen offenbar jahrelang gedemütigt und misshandelt haben soll. Verletzende Bemerkungen über ihr Äußeres sollen an der Tagesordnung gewesen sein. Einige Mädchen sollen davon in die Anorexie getrieben worden sein. Psychologische Betreuung und ernährungswissenschaftliche Beratung hingegen habe es an der Akademie so gut wie keine gegeben.

Die Kommission sollte untersuchen, wer für die Zustände verantwortlich war. Parallel ermittelte die Staatsanwaltschaft in dem Fall.

Fehlendes Problembewusstsein

Die Untersuchungskommission attestierte der Führungsebene an der Ballettakademie nun, dass ihr ein Problembewusstsein in Bezug auf Kinderschutz und Kindeswohl fehle. Für die Kommission stehe fest, dass die Kinder und Jugendlichen nicht ausreichend vor "Diskriminierung, Vernachlässigung sowie gesundheitlicher Beeinträchtigung" geschützt wurden.

Aufseiten der Lehrerinnen und Lehrer beklagte der Bericht hingegen teils mangelndes Bewusstsein für Grenzüberschreitungen. Das hätten "erniedrigende Kommentare, die Art der Maßregelungen zum Essen, (vermeintlich) ästhetische Anforderungen und eine unterentwickelte Kommunikationsstruktur" gezeigt.

Es sei Kindern geraten worden, mit dem Rauchen anzufangen, um die Figur zu halten, fand die Kommission heraus. Kinder seien mit Vornamen und Konfektionsgröße angesprochen worden. Dieses Verhalten sei von einzelnen Lehrern über einen längeren Zeitraum gezeigt worden, sagte die Kommissionsvorsitzende Susanne Reindl-Krauskopf.

Kaum Bezugspersonen für Internatskinder

Die Kommission kritisierte zudem, dass es den Schülern an Bezugspersonen und einem familiären Rahmen fehle. Das sei insbesondere relevant, weil vier von fünf Kindern aus dem Ausland kämen und schon in jungen Jahren aufs Internat gingen. An der Ballettakademie, die als Sprungbrett für eine Karriere auf der großen Bühne gilt, lernen zurzeit rund 130 Schülerinnen und Schüler im Alter von zehn bis 18 Jahren.

Harte Kritik äußerte die Kommission an der Leitung von Staatsoper und Ballettakademie. Die Qualitätskontrolle durch diese beiden übergeordneten Instanzen sei "so gut wie inexistent", heißt es in dem Bericht weiter. Zudem seien Entscheidungsprozesse nicht klar nachvollziehbar. Insgesamt sei "eine Situation verschwimmender Verantwortlichkeiten" entstanden.

Staatsoper sei eher um Ruf als um Kindeswohl besorgt

Die Staatsoper wiederum wies die Vorwürfe zurück. Es seien viele Maßnahmen ergriffen worden. Die Situation habe sich bereits grundlegend verbessert.

Diese Schritte würdigte die Kommission zwar. Doch erweckten die Maßnahmen den Eindruck, "dass die Motivation der Änderungen nicht primär dem Wohle der Kinder und Jugendlichen gilt", sondern um im Blick der Öffentlichkeit möglichst aktiv zu wirken.

sun/dpa
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