Wir Außenseiter "Meine Mitschüler sind primitiv und faul"

Marco, 18, ist der Klassenbeste, von dem alle gern die Hausaufgaben abschreiben. Sonst meiden die anderen Schüler ihn oder zischeln und lästern. In der SchulSPIEGEL-Woche der Außenseiter: das fünfte Gespräch über Mobbing, Alleinsein, Anderssein.


Viele halten mich ... für einen Schleimer und Spießer. Sicherlich hält man mich auch für einen Streber; allerdings hat mir das noch niemand ins Gesicht gesagt. Wäre ja auch nicht fies genug. Lieber sagt man mir nach, ich sei schwul oder hätte ein Verhältnis mit meiner Musiklehrerin. Möglicherweise wäre ich tatsächlich ein Streber geworden, hätte ich jemals die Zeit dazu gefunden. Ich bin in der Schülerzeitung, mache beim Theater mit und organisiere Veranstaltungen in der Schule. Die Direktion ist noch nie auf die Idee gekommen, sich in irgendeiner Weise bei mir zu bedanken.

Klassenprimus Marco: "Niemand will was mit mir zu tun haben"
Spiesser

Klassenprimus Marco: "Niemand will was mit mir zu tun haben"

In Wirklichkeit bin ich ... als Künstler eher chaotisch als spießig.

Wenn ich an Schule denke ..., denke ich lieber ganz schnell wieder an etwas anderes. Ist ja bald vorbei. Noch ein Jahr, und man müsste mich irgendwo einliefern.

In der Klasse bin ich ... einerseits der Held, der nach der Lösung der Hausaufgabe gefragt wird und ob er - dank seiner guten Beziehungen zu den Lehrern - schon weiß, was in der nächsten Klausur drankommt. Tja, andererseits will man nicht wirklich was mit mir zu tun haben.

Das Schlimmste, was mir in der Schule je passierte ..., war die Zeit kurz vor meiner mündlichen Lateinprüfung. Damals durfte ich bei meiner Klassenlehrerin den Unterricht schwänzen und stattdessen Latein üben, die Woche vor dem großen Tag bekam ich sogar komplett frei. Da kamen Sprüche wie: "Der Marco kriegt ja immer seine Sonderberechtigung."

Das Beste, was mir in der Schule je passiert ist ..., war das Ergebnis dieser Prüfung: mit 1 bestanden.

Die meisten meiner Mitschüler finde ich ... primitiv, desinteressiert, faul, gleichgültig, intrigant.

Und die Lehrer ... nicht gerade viel besser.

Ich wäre gerne wie ... meine Nachfahren. Die sind noch nicht geboren.

Meinen Freundeskreis ... kann man im weitesten Sinne als gewaltig beschreiben - zählt man diejenigen dazu, die in meiner Gegenwart übertrieben freundlich sind, um dann irgendwann ihren Nutzen aus mir zu ziehen.

Am meisten hasse ich ... – nein, noch besuche ich diese Institution.

Wenn ich könnte, würde ich ... nach der Schule erst einmal ins Ausland gehen, vielleicht in ein buddhistisches Kloster.


Außerdem in der SchulSPIEGEL-Woche der Freaks:

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Montag: Sarah, 17, will sich nicht verstellen, um keinen Preis. Lieber wechselt sie die Schule und lässt sich als Psycho beschimpfen.


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Dienstag: Herbert, 23, zerhackt Stoffpuppen und sammelt japanische Horrorfilme. Er ist gruselig, sagen seine Mitschüler. Ich bin lustig, sagt er selbst.


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Mittwoch: Ihre Freundinnen wissen es, ihre Eltern noch nicht. Carina, 18, ist lesbisch und wünscht sich nichts sehnlicher als ein normales Leben.


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Donnerstag: Sie rufen ihn Nigger und verprügeln ihn auf dem Pausenhof. Jeden Tag muss Salames einen dummen Spruch ertragen - weil er nicht aus Deutschland ist, sondern aus dem Irak.


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Samstag:

Seine Mitschüler haben Ronny, 18, als Loser abgestempelt. Keiner spricht mit ihm, nur über ihn.



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