Wir Provinzkinder Bis der Wind euch scheidet

Seine Rockband probt in der Musikschule, Mobbing kennt er nur aus den Nachrichten. Christian, 15, gefällt es in der norddeutschen Kleinstadt Papenburg. Einmal die Woche streift er die gelbe Schwimmweste über und segelt mit den Freunden raus ins Hafenbecken der Ems.


Christian dreht am Kopf der Gitarre, er stimmt die hohe E-Seite. Lukas jongliert mit den Sticks, Tobias kratzt auf dem Bass herum, Simon trinkt Wasser. Sie müssen warten, weil Arne nicht kommt. Ohne Arne geht es nicht, Arne singt. Der ist noch beim Fußball, so ein Jugendlicher, über den man sagt, er habe einen vollen Terminplan. Christian ist nicht so, er spielt die zweite Gitarre.

Christian Voosen kommt aus Papenburg im Emsland. Er spielt in einer Rockband, die an der Musikschule probt. Heute feiert die Schule ein Fest mit Konzerten, Grillen und Apfelschorle; seine Band soll auftreten. Er ist 15 Jahre alt – seit er geboren wurde, lebt er hier an der Ems.

Christian war pünktlich, na klar, hat schon vor einer Stunde seine Sachen aufgebaut im Raum 1 vorn rechts in der Musikschule. Jetzt schließt er die Gitarre an den Verstärker an, das ist ihm irgendwie peinlich: "Der ist zu klein. Ich brauche einen anderen, größeren. Den gibt es hier nicht. Dafür muss man nach Ibbenbüren. Das dauert mit dem Auto zwei Stunden. Mit den Eltern." Dann lacht er kurz, sehr kurz, und überlegt, ob das jetzt eigentlich lustig war.

"Immer mitten in die Fresse rein"

Papenburg sieht man regelmäßig in der "Tagesschau", wenn wieder ein Kreuzfahrtschiff aus der Meyer Werft die Ems hinab geschleppt wird. Im Fernsehen sieht es aus, als gebe es das Städtchen kurz vor der Grenze nach Holland nur wegen des Schiffbaus. Ganz falsch ist das nicht. Jeder neue Dampfer, der aus der Werft kommt, beruhigt die Papenburger, denn er zeigt: Hier passiert etwas, hier wird gearbeitet. Auf den Weltmeeren kreuzt so ein Schiff aus der Meyer Werft dann wie eine Tochter der Stadt.

Christian steht im Hof der Musikschule, hört der Holzblasgruppe zu und drückt die Hände in die Taschen der Jeans. Er ist etwas kleiner als die anderen, seine kurzen braunen Haare schiebt er immer mit der Hand aus der Stirn, um ein wenig zu verwuscheln, was man eine "ordentliche Frisur" nennen könnte. Arne fehlt immer noch.

Zur Serie
Zwei Drittel der Deutschen leben in der Provinz, in Städten mit weniger als 100.000 Einwohnern. Zwei Drittel der Jugendlichen wachsen in der Provinz auf – und viele auf dem Land, in Dörfern und Kleinstädten wie Ducherow, Rennerod, Oberkümmering. Wie lebt es sich dort? Und was bedeutet es, auf dem Land groß zu werden? SPIEGEL ONLINE hat vier "Provinzkinder" zu Hause besucht.
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Wo Deutschland provinziell ist: Oberkümmering, Rennerod, Papenburg und Ducherow
Michael, der sich "Rockband-Lehrer" nennt, spendiert der Band Bratwürste. Was das ist, "Rockband-Lehrer"? "Ich höre den Jungs die Akkorde aus den Liedern. Nirvana, Ärzte und so. Ist schon besser, wenn man als junge Rockband einen Lehrer hat", sagt Michael.

Sänger Arne hat beim Fußball heute drei Tore geschossen, oder waren es zwei, das erzählt er gleich, als er hereinstürmt, ein paar Schritte vor seinem Papa, der fährt ja. Arne trägt einen geringelten Markenpulli, hat eine Frisur wie Nirvana-Sänger Kurt Cobain, nur gelockt und weniger strähnig.

Zwo, drei: "Immer mitten in die Fresse rein", brüllt Arne, der Schulrektor steht im Türrahmen und runzelt die Stirn. "Rape me!" heißt der nächste Song. Arne geht in die Neunte, wie die anderen – außer Christian, der geht in die Achte.

"Den Unterschied merkt man", sagt Christians Mutter Regine und schaut rüber. Gerade spielt er ein Solo auf der frisch gestimmten E-Seite. Es quietscht ein wenig, aber das ist in Ordnung, das hier ist Rockmusik, keine Symphonie.

Fünf, sechs Songs können sie. Es ist schwierig, Christian zu hören - das Schlagzeug übertönt alles, die Gitarre von Simon röhrt zu laut, der hat einen größeren Verstärker. Nach dem letzten Ton sagt Lehrer Michael: "Gute Jungs. Laute Jungs."



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Seite 1
Askan 10.08.2007
1.
Zitat von sysopLeben in der Stadt oder auf dem Land: ein lang andauernder Streit. Was ist Ihre Meinung, wo lebt sich's besser? Oder sollte man beides verbinden?
Ich bin auf in einem kleineren Ort (immerhin doch 3000 Einwohner) groß geworden, ich habe in mehreren Städten und Großstädten gelebt. Mein Fazit: in kleineren Orten ist die Lebensqualität höher. Die Natur ringsrum wiegt sehr viel auf. Natürlich ist es für zugezogene in einem größeren Ort einfacher. Die ländlichen Struturen machen es nicht immer einfach, Fuß zu fassn.
DJ Doena 10.08.2007
2.
Stadt, definitv. Zumindest für mich als Single. In der Stadt hab ich Einkaufsmöglichkeiten, Kino und einen Arbeitsplatz. Die meisten Dörfer sind doch nur noch Schlafgelegenheiten für Familien, die ein bisschen grün haben wollen. Aber zu allem relevanten - Einkaufsmöglichkeiten, Kino und einen Arbeitsplatz - kommen sie dann doch frühmorgens in der Blechlawine hereingerollt. Das ist nämlich das bigotte an den Ländlern. Für sich selber saubere Luft und Natur einfordern, aber den Städtern morgens und abends die Luft im Stau verpesten. PS: Derzeit wohne ich auch in einem 9000-Seelen-Kaff. Die Entscheidung die dazu führte, bereue ich noch heute. Wird mir auch nie wieder passieren.
Matt_999, 10.08.2007
3.
Am besten lebt sich's immer da, wo man selbst gern ist. Und das kann für den einen ein 70-Seelen-Dorf sein, für den anderen ist die 10.000-Einwohner-"Stadt" das Richtige. Das Gefühl "Stadt" fängt für mich aber eigentlich erst bei 1 Million Einwohner an. Ich komme aus Frankfurt – und das ist gefühlt eher 'ne Kleinstadt. Irre hab ich hier in Hamburg auch schon mal getroffen, allerdings durchschnittlich nicht mehr Irre als in Bayern (was man so für "irre" hält, kommt ja oft auf die Betrachtungsweise an). Und Gangs, die sich abschlachten, kenne ich auch nur aus dem Fernsehen. Wilhelmsburg – wo sowas schon mal passieren könnte – ist für den Hamburger ungefähr so weit weg wie für die Oberkümmeringer der Hauzenberger Busbahnhof. Ja, das Mini-Dorf ist ein behüteter Traum. Wollen mal hoffen, dass der Gasthof Ritzer grad im rechten Moment einen Koch sucht – sonst müsste der Kinateder Alex ja womöglich in ein anderes Dorf gehen, um Koch zu werden. Und was ist, wenn man Träume hat, die sich auch im Nachbardorf nicht erfüllen lassen? Autodesigner? Journalist? Tiefseetaucher? Oder verkneift man sich solche Träume und wird dann eben Busfahrer?
Jörn, 10.08.2007
4. Stadt
ich bin sogar am überlegen in eine größere zu ziehen (220k -> 1000k Einwohner)
Mike_D 10.08.2007
5.
Zitat von AskanIch bin auf in einem kleineren Ort (immerhin doch 3000 Einwohner) groß geworden, ich habe in mehreren Städten und Großstädten gelebt. Mein Fazit: in kleineren Orten ist die Lebensqualität höher. Die Natur ringsrum wiegt sehr viel auf. Natürlich ist es für zugezogene in einem größeren Ort einfacher. Die ländlichen Struturen machen es nicht immer einfach, Fuß zu fassn.
Kann ich so unterschreiben, nur dass mein derzeitiger Wohnort 15.000 EW hat (ein kleines Städtchen solzusagen) und ich erst in einer Grossstadt lebte. Der einzig wirkliche Nachteil des 'Landlebens' ist der nur sehr eingeschränkte öffentliche Nah- bzw. Fernverkehr, hier bei uns ist man ohne Auto aufgeschmissen während man in Städten eigentlich keins braucht.
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