Wir Provinzkinder Generation Golf aus dem Westerwald

In Rennerod sind Autos wichtiger als eine Freundin: Sie werden gepflegt, gehütet, getunt. Jobs und Kumpels findet man über den Musikverein. Kfz-Lehrling Lukas Bruch, 17, lebt in dem Nest im Westerwald - und will am liebsten nie mehr weg.
Von Matthias Thiele

Noch will Lukas nicht damit rausrücken. Es geht ums Auto. Der 17-Jährige steht in der Ecke des Vereinsheims der Stadtkapelle Rennerod und nippt an einem Bier. "Rentnerfläschchen" nennen sie hier die kleinen Flaschen.

Tuba-Spieler Lukas Bruch trägt graue Laufschuhe, Jeans, ein kurzärmliges Hemd. Die ersten Bartstoppeln sind zu einem kleinen Kinnbärtchen herangewachsen. Zwei Freunde stehen neben ihm, sie reden über Frauen - und Autos.

"Das mit dem Golf geht übrigens klar. Wahrscheinlich kann ich die Karre in zwei Wochen abholen", sagt Lukas, fast beiläufig. "Das ist ja toll", kreischt Cousine Anne. Jetzt ist es raus. Die Clique ist ganz aus dem Häuschen. "Und wer bezahlt?" – "Die Oma gibt mir 500 Euro", antwortet der Lukas stoisch, "als Belohnung, weil ich mit dem Rauchen aufgehört habe".

Lukas Bruch lebt in Rennerod. Die Autobahnauffahrt Haiger/Burbach in Würgendorf liegt 23 Kilometer entfernt, Frankfurt mehr als eine Stunde.

Ein eigenes Auto, danach sehnen sich viele Jugendliche – ganz besonders hier in Rennerod, auf dem Land, wo ein Auto Unabhängigkeit verspricht, Abenteuer, die weite Welt.

"Obwohl mir eigentlich nichts fehlt." Sicher, ein Kino, das wäre "nicht schlecht", aber sonst – nein, sonst ist Lukas glücklich in Rennerod. Für ihn ist die Kleinstadt im Westerwald Heimat, genau wie für Anne, für Jenny, Stefan und 3952 andere Menschen. 31 Pferde leben hier, 843 Kühe und die 187 übernachtenden Wehrpflichtigen in der Alsberg-Kaserne.

Seine Lehrstelle hat Lukas Bruch im Musikverein gefunden: bei den Posaunen. Autohändler und KfZ-Meister Johannes Deller ist nicht nur Blechbläserkollege, sondern seit gut einem Jahr auch sein Chef im Betrieb. Mit ihm repariert er am Tag den Mercedes-Sprinter in der Halle, und abends spielen sie zusammen Lieder der Band Truck Stop.

Deller ist ein kräftiger Mann mit Stiernacken. Es ist 8 Uhr morgens, der Meister raucht die erste Lucky Strike. 70 Weizen hätten sie neulich am Stammtisch getrunken, mit 13 Mann. Hannes, wie ihn fast alle nennen, gehört die Autowerkstatt. Ihm und seinem Bruder, der heute im Urlaub ist.

Samstag wird am Kadett geschraubt

Zwei Gesellen beschäftigen die Deller-Brüder, drei Lehrlinge und einen Praktikanten. Wenn sie unter sich sind, darf Lukas den Hannes duzen. Wenn Kunden da sind, heißt Hannes für Lukas "Herr Deller" oder einfach "der Chef".

In der Werkstatt riecht es nach Motoröl und Autoabgasen. Trübes Gitterglas durchbricht die Wände, die sechs Dachluken sind mit vergilbtem Wellpolyester abgedeckt. Drei Reihen mit Neonlampen erhellen den Raum.

Am Wochenende basteln sie hier manchmal an ihren Autos: Geselle Mike, der einen C-Klasse-Mercedes Sportsline mit Flüssiggasantrieb fährt, und Lehrling Jacek – der mit dem getunten Kadett GTS. Bald wird auch Lukas an seinem Zweiergolf schrauben und am VW Käfer von Kumpel Pascal – mit Porschemotor!

"Ohne Karre geht hier gar nichts", heißt es in Rennerod. Die Bahnstrecke von hier nach Montabaur ist seit Mai 1981 stillgelegt. Also pflegt man seinen Wagen, hütet und tunt ihn.

Unabhängigkeit, Abenteuer, weite Welt

Lukas trägt seinen grauen Arbeitsanzug. Aus dem "Lucas" auf seiner rechten Brusttasche hat er mit einem Filzstift ein "Lukas" gemacht. An seinen Fingern und unter den Nägeln klebt noch das Öl und der Dreck vom Vortag. "Vielleicht werden die Finger ja mal im Urlaub richtig sauber", sagt er.

Jetzt muss erst der Opel fertig werden, ein graphitfarbener Astra 1,8 i. Routinekontrolle: Gestern hat Lukas einen Liter Frostschutz aufgefüllt und das Scheibenwischwasser. Er hat die Ventildichtung ausgewechselt und das Öl abgelassen, die Bremsscheiben ausgetauscht und den Ölfilter.

Jetzt putzt er den Kolben aus, drückt aus einer Tube eine wächserne Paste auf seinen Zeigefinger und reibt den Zylinder ein. Hannes Deller ist derweil wieder im Büro verschwunden und telefoniert. "Jetzt weiß ich immer noch nicht, wie’s geht", stöhnt Lukas entnervt. "Mike!"

"Heut' machst du aber auch alles falsch"

Auch Geselle Mike Müller trägt einen grauen Arbeitsanzug. Sein linkes Ohr ist gepierct. "Was ist denn los", fragt er. "Ich bekomm den Zylinder nicht in den Kolben", sagt Lukas. Mike nimmt Augenmaß: "Halt mal die Dichtung auseinander!" Er justiert den Kolben, schiebt ihn vorsichtig nach unten. "So geht das!" - triumphierend schaut er Lukas an und zieht die Augenbraue nach oben: "Warum hast du den überhaupt ausgebaut?"

Tatsächlich hatte Lukas bis vor kurzem nichts mit Autos am Hut. Sicher, seine Herkules Prima 5S hat er schon vor zwei Jahren bekommen, und er hat auch gern mal am Mofa gebastelt. Aber Kfz-Mechatroniker? Naja, irgendwann war die Schule vorbei, es musste ein Ausbildungsplatz her. Und dann ist er über die Stadtkapelle in der Werkstatt gelandet.

Die Bremsanlage des Opel Astra braucht neue Dichtungen an den Schläuchen. "Chef, da sind keine mehr auf Lager", sagt Lukas. "Hier, hast du zehn Euro", sagt Hannes Deller, "damit gehst du zum Karl-Heinz und holst sie dir!"

In der Mittagspause geht Lukas nach Hause. Bruder Nils hat Ferien und ist eben erst aufgestanden. "Bei dem Wetter kannst du ja am Wochenende mal wieder Skaten gehen", sagt Mutter Christiane zu ihm. Es gibt Gulasch, Salat und Knödel. "Und, war der Hannes heut’ morgen pünktlich?" fragt sein Vater, 43. Er arbeitet als Landschaftsgärtner für die Bundeswehr. "Naja, Lukas, noch einen halben Tag", sagt die Mutter, "dann hast du erstmal frei. Der Papa hat's schon geschafft: drei Wochen Ferien." "Drei Wochen?", fragt Lukas ungläubig. Dann gibt es zum Nachtisch Erdbeermilch.

Am Nachmittag tauscht Lukas den Verteilerkasten für die Zündkerzen an einem Seat aus. Aber irgendetwas funktioniert wieder nicht. "Heut' machst du aber auch alles falsch, was du falsch machen kannst", sagt Geselle Mike. Böse klingt er nicht, ein bisschen hämisch vielleicht.

Notfalls auch weg aus Rennerod - aber nicht für immer

Vor dem Abendessen zieht sich Lukas zurück auf den Dachboden. Den hat der Vater ausgebaut, nun ist es das kleine Reich von Nils und Lukas. Die Simpsons laufen gleich. "Hoffentlich keine neue Folge", sagt Lukas. "Die alten sind noch immer die besten."

Von der Terrasse der Familie Bruch sieht man die einfache Landschaft des Westerwaldes: idyllische Wiesen und Wälder, abgeerntete Felder. Es weht ein kalter Wind. Im Norden, wo die Hügel fast Berge werden, hängen die Wolken fest. Häuser, umgeben von Hecken wie Festungsmauern, reihen sich entlang der Straße hinab in den Ortskern. Im Süden hat die Sonne die Wolken verscheucht. In der Ferne leuchtet ein Tal. Dort irgendwo liegt Limburg: Autobahnanschluss, ICE-Halt und ein Karstadt.

"Ich würde schon gerne mein Fachabitur machen", sagt Lukas. "Immer will ich nicht in der Werkstatt bleiben." Und dann schaut er aus dem Fenster.

Ob er dafür auch weggehen würde aus Rennerod? "Notfalls wohl schon", sagt er. "Aber nicht für immer. Hier in Rennerod habe ich alles, was ich brauche: Freunde, Arbeit und meine Familie." Und bald auch ein Auto.

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