Wir Provinzkinder "In der Stadt wohnen nur Irre"

Oberkümmering, ein Dorf im Bayerischen Wald, 70 Einwohner. Viel los ist dort nicht. Keine Clubs, keine Action, kein Shopping. Trotzdem: Wer dort zu Hause ist, lernt Gelassenheit. Ein Besuch bei Jugendlichen, die Stadtleben nur aus dem Fernsehen kennen.

Es hört nicht mehr auf zu regnen. Es hat in München geregnet, es hat auf 190 Kilometern nach Passau geregnet. Der Regen verhüllt die Felder, zerstäubt den Rauch über den vereinzelten Häusern, zermahlt mit feiner Geduld alles Feste, auf das er trifft. Bis zu dem kleinen Straßenschild hat es geregnet, das in den Wald zeigt. Nach Oberkümmering.

In Oberkümmering endet die Straße. Sebastian*, 16, sitzt im Haus seiner Eltern am Küchentisch unterm Kruzifix und schaut aus dem Fenster. "Geiles Wetter", sagt der Realschüler, "geiles Fußballwetter."

Bastian ist der Libero der Jugendmannschaft des TSV-DJK Oberdiendorf. Er spielt mit 18-Jährigen, weil es in dem Dorf nicht genügend 16-Jährige gibt. "Hauptsach da Bua roast a weng", sagt seine Mutter, also: Hauptsache, er tobt sich aus. "Hier gibt's nichts anderes als Fußball", sagt er selbst.

Montags und mittwochs fährt Bastian mit dem Roller oder einer Fahrgemeinschaft zum Training, am Wochenende zu den Spielen, dazwischen kickt er mit seinem Bruder im Garten.

"Wer nicht Fußball spielt, landet am Busbahnhof"

70 Haushalte zählt Oberkümmering, im Nachbarort Oberdiendorf sind es ein paar mehr. Die nächste Stadt, Hauzenberg, liegt ein paar Autominuten entfernt. "Die Hauzenberger sind ein anderer Schlag Mensch", sagt Bastian. Hauzenberg hat 12.000 Einwohner.

Menschen aus München würden Hauzenberg vielleicht ein Dorf nennen; aber, darauf legen die Hauzenberger Wert, Hauzenberg ist eine Stadt. "Stadt Hauzenberg", steht deshalb auf dem hölzernen Ortsschild und auch auf den Kanaldeckeln. Es ist Samstagmittag, doch außer der Konditorei "Zum Stemplinger Hansl" haben fast alle Läden geschlossen. Die Fußgängerzone ist verwaist, eine alte Frau schleppt zwei Plastiktüten über den Marktplatz.

Es gibt hier keine Clubs, keine Kinos, kein Theater. Der Fußball bestimmt, worüber am Sonntag gesprochen wird, und am Montag, und an allen anderen Tagen. Er bestimmt auch, wer befreundet ist und wer verfeindet.

Bastian und sein Team spielen heute gegen SV Kropfmühl. Schon eineinhalb Stunden vor Spielbeginn wartet er vor dem Vereinsheim. Nur Torwart Manni ist auch schon da. "Heid foangst da koans", sagt der Bastian zum Manni. "Eh ned!", ruft der Michi, der jetzt zusammen mit dem Andi und dem Korbi über den Parkplatz schlurft. Die Jungs begrüßen sich mit Handschlag. Sie spielen nicht nur gemeinsam Fußball, sie verbringen auch sonst die meiste Zeit zusammen. Sie besuchen die gleiche Schule, die Johann-Riederer Realschule in Hauzenberg, nach dem Training gehen sie oft ein Bier trinken im Gasthaus Ritzer.

Vor eineinhalb Jahren, erzählt Bastian, habe er sich beim Fußballspielen am Knie verletzt. Eigentlich wollte er aufhören, doch er machte weiter. Weniger wegen des Sports, eher wegen seiner Freunde.

Im Fußballclub lässt es sich leichter Freunde finden als anderswo. Und wer Fußball spielt, läuft nicht Gefahr, seine Zeit am Busbahnhof in Hauzenberg zu verschwenden.

"Am Land gibt's noch Zusammenhalt"

Der Hauzenberger Busbahnhof ist eine Bushaltestelle, die Bahnhof heißt, weil sie überdacht ist. Eine Gruppe Teenager trifft sich hier jeden Nachmittag, am Wochenende schon mittags. Wer es sich leisten kann, fährt mit dem eigenen Auto vor – oder zumindest mit dem der Eltern. Am Boden liegen zertretene Dosen und Zigarettenkippen, es riecht nach Bier.

Robert, ein Junge mit Baseball-Cap und Baggy-Jeans, sitzt auf der Motorhaube seines VW Golfs und schaut dem Rauch der Marlboro nach. "Hab jetzt mal wieder fett aufgerüstet", sagt er und zeigt mit der Zigarette auf sein Auto. Die Fensterscheiben sind getönt, die Türgriffe verchromt, der Wagen ist tiefergelegt, der Unterboden beleuchtet. Robert arbeitet als Zivi bei den Maltesern und steckt viel Geld in seinen Golf. Die anderen Jungs nicken anerkennend. "Hol uns doch noch nen Sixpack", sagt Robert zu einem der Jüngeren und dirigiert ihn mit seiner Zigarette zur Shell-Tankstelle gegenüber. "Wir wollen schließlich nicht im Trockenen hocken."

Bastian "meidet" den Busbahnhof: "Da treffen sich ganz andere Typen. Nichts für mich." Am Schreibtisch in seinem Zimmer, mit Postern von Lukas Podolski und Che Guevara, tippt er Mails. Wenn er sich mit Freunden unterhalten will, ruft er nicht mehr an, er schaltet seinen Computer ein. Alle haben ICQ, ein Chatprogramm. Bastian sagt, der Chat helfe, mit den anderen in Kontakt zu bleiben. "Einfach mal so an die Tür klopfen geht ja nicht, wenn sie teilweise entfernt wohnen."

Vor der offenen Balkontür quaken die Frösche und zirpen die Grillen. Bastian blickt auf die grünen Hügel des Bayerischen Waldes, es riecht nach nassem Gras. "Schön hier, nicht wahr?", sagt er. Später will er als Koch arbeiten. Er könne sich auch vorstellen, eine Weile in einer Stadt zu leben. Aber irgendwann möchte er nach Oberkümmering zurückkehren. "Auf Dauer in der Stadt zu wohnen, das wär' mir zu anstrengend", sagt Bastian.

"Gangs schlachten sich ab"

Die Stadt ist Hauzenberg; Passau, das 50.000 Einwohner zählt, liegt eine Halbestunde mit dem Auto entfernt. Nur ein paar Mal im Jahr nimmt Bastian den Bus nach Passau, um Klamotten zu kaufen oder ins Kino zu gehen. Zu laut ist es ihm dort, zu hektisch - und die Menschen seien hochnäsig. "Die glauben, sie wären was Besseres und wir alle Landeier."

Manchmal beneide er die Jugendlichen in der Stadt schon um die Möglichkeiten, die sie hätten. "Einfach mal mit Leuten ins Café gehen oder auf ein Konzert, das fehlt mir." Auf dem Land könne es doch sehr schnell langweilig werden.

Bastian und einige Freunde haben deshalb vor einem Jahr mit dem Bürgermeister gesprochen und ihm gesagt, dass Oberdiendorf Jugendlichen zu wenig biete. Der Bürgermeister schickte sie daraufhin zum Pfarrer, der Pfarrer riet ihnen, eine kirchliche Jugendgruppe zu gründen.

Jeden Dienstag trifft sich die Gruppe nun im alten Geräteschuppen des Kindergartens. Ein abgewetztes Sofa haben sie dort aufgestellt, eine Musikanlage und einen Fernseher. Zu sechst sind sie meist, manchmal zu siebt. Sie spielen Karten und reden über Frauen und Fußball, wenn Mädchen dabei sind, nur über Fußball. Manchmal bringt der Manni eine DVD mit. Bevor es die Gruppe gab, trafen sich die Kids an der großen Kreuzung in Oberdiendorf. "Ungemütlich" sei das gewesen, sagt Bastian.

Er tippt fahrig auf den Tasten seines Computers. Gleich muss er los, zur Grillfeier des FC-Bayern-Fanclubs im Gasthof Ritzer.

"Na Buam, wie habt's gspuit?", grüßt der Wirt. Er hat auf der Terrasse ein großes Zelt aufgestellt. In der Luft klebt der Geruch von gegrilltem Fleisch. In der Ecke neben dem Bierfass sitzen der Stefan, der Michael, die Sandra und die Christine und kauen an Bratwürsten. "Am Land gibt’s noch Zusammenhalt", sagen sie.

Würde keiner von ihnen lieber in der Stadt wohnen?

"Niemals, da wohnen doch nur Irre!", ruft die Christine und lacht. "Am Land", sagt Bastian, "da hat man wenigstens seine Ruhe."

(*Name geändert)

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