Wir Provinzkinder "In zwei Jahren bin ich hier weg"

Ducherow, ein Dorf in Mecklenburg-Vorpommern, blutet aus: Wer jung ist und es sich leisten kann, zieht fort. Paula, 14, aber muss bleiben - und kämpft mit dem Erwachsenwerden in einer sterbenden Region. Von Jochen Brenner (Text) und Benja Weller (Fotos)


Benja Weller

"Wenn Papa plötzlich sterben würde, würde ich das Abitur schaffen und mit dem Rauchen aufhören", sagt Paula*. "Wenn Mama stirbt, würde alles so bleiben, wie es ist."

Breitbeinig sitzt Paula Dohm, 14, auf der Lehne einer Holzbank am Sportplatz Ducherow und zündet sich eine Zigarette an. Sie inhaliert tief, die Augen zu Schlitzen verengt, zieht hohlwangig an der weißen "Club Menthol", bis die Glut knistert.

Paulas Zukunfts-Szenarien, die der Tod an diesem Nachmittag so stark zeichnet, verlaufen nach festen Regeln: Unglück und Glück gleichen sich aus. Stirbt der Vater, wird Paula in ihrer Fantasie Abiturientin und Nichtraucherin. Für den Tod der Mutter gibt es an diesem Nachmittag keinen Gegenwert in Glück: kein Abitur, immer neue Zigaretten. Möglich, dass am nächsten Tag Paulas Szenario den Vater benachteiligt, möglich, dass sie beide leise verflucht.

Paula empfindet die Stille als Grabesruhe

Am Ende solch starker Sätze horcht Paula manchmal ihren Worten nach, als könne sie nicht glauben, dass es ihre sind, die, als wäre es nichts, vom Tod handeln, fast beiläufig.

Abgeklärtheit, verpackt in große Worte, hat nicht erst die Jugend 2007 als Haltung erfunden, aber so deutlich wie unter Paula und ihren Freunden aus Ducherow tritt sie auch in der Großstadt selten zu Tage.

Zur Serie
Zwei Drittel der Deutschen leben in der Provinz, in Städten mit weniger als 100.000 Einwohnern. Zwei Drittel der Jugendlichen wachsen in der Provinz auf – und viele auf dem Land, in Dörfern und Kleinstädten wie Ducherow, Rennerod, Oberkümmering. Wie lebt es sich dort? Und was bedeutet es, auf dem Land groß zu werden? SPIEGEL ONLINE hat vier "Provinzkinder" zu Hause besucht.
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Wo Deutschland provinziell ist: Oberkümmering, Rennerod, Papenburg und Ducherow
Paulas Schule stand jahrelang vor der Schließung. Freunde ziehen weg, sobald sie können. Und die Ehe ihrer Eltern ist schon so lange geschieden, dass sie nur aus Erzählungen weiß, wann Papa eigentlich ausgezogen ist. Das ist viel Ende für eine 14-Jährige, ungewöhnlich ist es nicht in den Dörfern zwischen Greifswald, Stettin und Neubrandenburg.

Niemand hat bisher erforscht, wie es sich für Kinder anfühlen muss, das Leben in einer Umgebung kennenzulernen, deren Puls immer langsamer schlägt. Schulen und Kindergärten sind für viele Kommunen untragbar geworden, Heizkraftwerke und Linienbusse auch. Demografen haben nur noch Zynismus übrig, wenn sie laut über "Gratifikationen für Wegziehende" nachdenken: Prämien für stillgelegte Haushalte auf dem Land, wie sie den Bauern der EU zustehen, wenn sie wegen übergeordneter Interessen ihren Acker nicht mehr bestellen sollen.

Paula trägt trotz der Wärme an diesem Nachmittag einen schwarzen Ledermantel bis zu den Knöcheln. Außer den schweren Stiefeln, die unter dem Mantelsaum beim Gehen herausragen, sind nur noch ihre zarten, am Daumen beringten Hände zu sehen und über dem Mantelkragen ihr kleiner Kopf. Langes, braunes Haar fällt über ihre Schultern und läuft auf den letzten Zentimetern in sanften Locken aus.

Bloß kein Interesse zeigen

Ein paar Jungs mir Bierflaschen in der Hand schlendern vorbei, Jugendliche aus Ducherow, darunter Freunde von Paula, 13-, 14-, 15-Jährige. Helle Kinderstimmen mischen sich mit Pubertäts-Bässen, erste Bartstoppel kratzen bei der Begrüßung über Kinderwangen.

Sie setzen sich auf die Lehne der Bank nebenan, keinesfalls aber neben Paula. Denn erstens: Von hier haben sie den Parkplatz des Supermarktes im Blick. Und zweitens: Sie wollen gar nicht neben Paula sitzen. Denn Nähe bedeutet Interesse, erklären sie später, und Interesse macht in der Clique schnell die Runde. Gefühle sind aber nichts für die Öffentlichkeit, finden sie. "Gibt nur Ärger", sagt einer. Die Jungs nippen am Bier, rauchen und lassen Spucke zu Boden tropfen, bis die Erde vor den Bänken zu glänzen beginnt.

"Paula, weisste, Wu Tang", ruft ihr Klassenkollege Friedhelm, macht rhythmische Zischgeräusche, Hip-Hop-Gesten und hüpft kurz vor der Jungs-Bank auf und ab, so wie er sich das bei den Rappern des Wu-Tang-Clans abgekuckt hat. Paula lacht, ruft zurück: "Ja, Wu Tang is geil."

Sie ist der Mittelpunkt, obwohl sie scheinbar nichts dafür unternimmt. Vielleicht buhlen gerade darum alle Jungs um ihre Aufmerksamkeit. Wenn es still wird am Sportplatz, weil niemand etwas zu sagen weiß, lässt einer der Freunde eine Handy-Melodie klingeln, den "Verrückten Frosch" oder den "Furzenden Elch". Dann lachen alle, und die Stille stört nicht mehr.

(*Name von der Redaktion geändert)



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Seite 1
Askan 10.08.2007
1.
Zitat von sysopLeben in der Stadt oder auf dem Land: ein lang andauernder Streit. Was ist Ihre Meinung, wo lebt sich's besser? Oder sollte man beides verbinden?
Ich bin auf in einem kleineren Ort (immerhin doch 3000 Einwohner) groß geworden, ich habe in mehreren Städten und Großstädten gelebt. Mein Fazit: in kleineren Orten ist die Lebensqualität höher. Die Natur ringsrum wiegt sehr viel auf. Natürlich ist es für zugezogene in einem größeren Ort einfacher. Die ländlichen Struturen machen es nicht immer einfach, Fuß zu fassn.
DJ Doena 10.08.2007
2.
Stadt, definitv. Zumindest für mich als Single. In der Stadt hab ich Einkaufsmöglichkeiten, Kino und einen Arbeitsplatz. Die meisten Dörfer sind doch nur noch Schlafgelegenheiten für Familien, die ein bisschen grün haben wollen. Aber zu allem relevanten - Einkaufsmöglichkeiten, Kino und einen Arbeitsplatz - kommen sie dann doch frühmorgens in der Blechlawine hereingerollt. Das ist nämlich das bigotte an den Ländlern. Für sich selber saubere Luft und Natur einfordern, aber den Städtern morgens und abends die Luft im Stau verpesten. PS: Derzeit wohne ich auch in einem 9000-Seelen-Kaff. Die Entscheidung die dazu führte, bereue ich noch heute. Wird mir auch nie wieder passieren.
Matt_999, 10.08.2007
3.
Am besten lebt sich's immer da, wo man selbst gern ist. Und das kann für den einen ein 70-Seelen-Dorf sein, für den anderen ist die 10.000-Einwohner-"Stadt" das Richtige. Das Gefühl "Stadt" fängt für mich aber eigentlich erst bei 1 Million Einwohner an. Ich komme aus Frankfurt – und das ist gefühlt eher 'ne Kleinstadt. Irre hab ich hier in Hamburg auch schon mal getroffen, allerdings durchschnittlich nicht mehr Irre als in Bayern (was man so für "irre" hält, kommt ja oft auf die Betrachtungsweise an). Und Gangs, die sich abschlachten, kenne ich auch nur aus dem Fernsehen. Wilhelmsburg – wo sowas schon mal passieren könnte – ist für den Hamburger ungefähr so weit weg wie für die Oberkümmeringer der Hauzenberger Busbahnhof. Ja, das Mini-Dorf ist ein behüteter Traum. Wollen mal hoffen, dass der Gasthof Ritzer grad im rechten Moment einen Koch sucht – sonst müsste der Kinateder Alex ja womöglich in ein anderes Dorf gehen, um Koch zu werden. Und was ist, wenn man Träume hat, die sich auch im Nachbardorf nicht erfüllen lassen? Autodesigner? Journalist? Tiefseetaucher? Oder verkneift man sich solche Träume und wird dann eben Busfahrer?
Jörn, 10.08.2007
4. Stadt
ich bin sogar am überlegen in eine größere zu ziehen (220k -> 1000k Einwohner)
Mike_D 10.08.2007
5.
Zitat von AskanIch bin auf in einem kleineren Ort (immerhin doch 3000 Einwohner) groß geworden, ich habe in mehreren Städten und Großstädten gelebt. Mein Fazit: in kleineren Orten ist die Lebensqualität höher. Die Natur ringsrum wiegt sehr viel auf. Natürlich ist es für zugezogene in einem größeren Ort einfacher. Die ländlichen Struturen machen es nicht immer einfach, Fuß zu fassn.
Kann ich so unterschreiben, nur dass mein derzeitiger Wohnort 15.000 EW hat (ein kleines Städtchen solzusagen) und ich erst in einer Grossstadt lebte. Der einzig wirkliche Nachteil des 'Landlebens' ist der nur sehr eingeschränkte öffentliche Nah- bzw. Fernverkehr, hier bei uns ist man ohne Auto aufgeschmissen während man in Städten eigentlich keins braucht.
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