Wir sind Helden in der Schule Gekommen, um zu texten

Um Heldentum geht's gerade in einem Erfurter Deutschkurs, darum schickte das Jugendmagazin "Spiesser" Wir sind Helden als Vertretungslehrer. Die Band zeigte, wie man Helge-Schneider-Texte fachgerecht zerlegt - und warum aus Blödeleien oft die besten Ideen werden.


Im Deutschkurs der 11. Klasse des Albert-Schweitzer-Gymnasiums Erfurt wird gerade das Thema "Heldentum" behandelt. Da kann es ja nicht schaden, wenn sich die Schüler auch mit zeitgenössischen Helden auseinandersetzen.

13.30 Uhr, die Vertretungslehrer werden ins Klassenzimmer geschmuggelt. Mark, Pola und Jean-Michel entdecken eine elektrische Orgel, mit der man wunderbar herumblödeln kann. Der Direktor ruft sie zur Ordnung, das Ding war teuer. Außerdem sind Schüler im Anmarsch. 13.50 Uhr, die Klasse wird begrüßt.

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Wir sind Helden zu Gast: Heldenhaftes im Klassenzimmer

Mark: Guten Morgen! Wir teilen erst mal Unterrichtsmaterialien aus. Haben da mal was vorbereitet. Heißt hier jemand Steffi? Kalle? Atze? Susi? Ihr dürft euch auch Namen aussuchen.

Jeder bekommt eine Kopie in die Hand gedrückt und dazu einen fertig gebastelten Namensaufkleber. Dabei ist es den Aushilfslehrern schnurz, ob die Namen stimmen oder nicht - Hauptsache, jeder ist mit einem Schildchen beklebt.

Mark: Ein bisschen mehr Ruhe bitte. Unsere Namen sind: Judith Holofernes, Pola Roy, Mark Tavassol und Jean-Michel Tourette.

Mark schreibt die Namen an die Tafel. Dann müssen alle das Arbeitsblatt zur Hand nehmen. Die Schüler staunen: Es geht heute um den Text "Fitze-Fitze-Fatze".

Judith: Ist der Autor bekannt? Den Text hat Helge Schneider geschrieben!

Mark: Wir wollen das erst mal lesen. Wie wär's mit Bettina und Kevin?

Bettina: Fitze Fitze Fatze Fitze Fitze Fatz.

Kevin: Halleluja Baby.

Bettina: Fitze Fatze Fitze Fitze Fatz.

Kevin: Sehr gut, Peter.

Mark: Und jetzt alle!

Klasse: Fitze Fitze Fatze...

Mark: Wer könnte mit "Peter" gemeint sein?

Die Klasse rätselt, mehr oder weniger ernsthaft: Peter Maffay, Peter Lustig, Peter Silie.

Judith: Vielleicht können wir das ein bisschen eingrenzen? Welche Position nimmt Peter zum Erzähler ein?

Bettina: Ich würde sagen, Peter ist übergeordnet.

Mark: Aha. Ein Machtgefälle zwischen Peter und dem Erzähler. Schade, dann fällt Peter Silie raus.

Mark skizziert Erzähler, Peter und das Machtgefälle an die Tafel. Judith muss nun aber eingreifen:

Judith: Ich darf das mal zusammenfassen: Peter ist der Schlagzeuger von Helge Schneider und kriegt regelmäßig auf die Nase, so auch in Fitze-Fitze-Fatze. Um aus der Nummer herauszukommen: Wir können keinen Deutschunterricht! Wir sind Musiker.

14.10 Uhr. Nach der gescheiterten Interpretation einigen sich alle auf ein Lied, Judith singt mit den Schülern "Denkmal". Dass die Helden keine Ahnung von Deutsch haben sollen, kann die Klasse nicht glauben.

Susi: Ihr singt doch auf Deutsch. Ich würde gern wissen, wie ihr auf eure Texte kommt!

Judith: Es ist so, dass alle Sachen, die lange genug durch meinen Kopf trapsen, irgendwann ein Text werden. Meine Schreibtechnik ist eher chaotisch: Ich hab da einen Satz, zum Beispiel "Mit Parolen beschmieren", das ist der Ausgangspunkt.

Judith schreibt ihren Satz an die Tafel.

Judith: Dann schreib ich drum herum allen möglichen Quatsch, der mir dazu einfällt, und meistens behalte ich den größten Quatsch.

Wer hätte das gedacht, das wär' doch mal ne Idee für die nächste Deutschklausur. Die Lehrerin hinten in der Ecke, heute nur Zuschauerin, kriegt richtig große Augen.

Judith: Vieles ist Spielerei. Dass etwas sinnvoll ist, merke ich erst, wenn ich vor Publikum stehe.

Thomas: Schreibst du heute mehr als früher? Geht das mit der Zeit schneller?

Judith: Inzwischen kommen von allen ganz viele Ideen, früher hab ich alleine geschrieben. Ich hab mich auch davon gelöst, nur unter ganz bestimmten Bedingungen schreiben zu können. Denn ruhig ist bei uns vielleicht zehn Prozent unserer Zeit.

14.25 Uhr. Judith will mit den Schülern eine ungewöhnliche Textinterpretation versuchen. Frank und Kalle werden zu einem Malwettbewerb verdonnert: Sie sollen zeichnen, was ihnen spontan zum Lied "Die Zeit heilt alle Wunder" einfällt.

Mark: Leute, ganz einfach: Sie singt, und ihr illustriert.

Judith: Wir interpretieren in einer anderen Kunstform!

Und los geht's, Frank und Kalle kritzeln zu Judiths Stimmchen ein Hirn, eine Uhr, eine Schlange, ein Feuer und lauter undefinierbares Zeugs an die Tafel. Die Klasse ist am Gackern, so sollte man öfter Texte zerlegen.

Jean-Michel hinter der Orgel: Singen wir eigentlich noch? Nun interpretiert doch mal!

Kevin: Schlangen vielleicht? Und ein Arm und ein paar Narben. Da steht noch eins-zwei-drei.

Mark: Ich glaube, die Zeit ist das, was man noch erkennen kann. Ich sag, unentschieden für Frank und Kalle.

Bing - die Schulglocke unterbricht das Spielchen, und die Helden zeigen sich zufrieden mit ihren Schülern.

Judith: Sehr schön. Noch Fragen?

Mark: Dann bedanken wir uns!

Am Ende wollen die Schüler noch Beweise, dass sie es in Deutsch wirklich mit "Helden" zu tun hatten: Autogramme und Fotos müssen her. Ob der Kurs auch was gelernt hat in der Stunde? Auf jeden Fall, dass Deutsch richtig Spaß machen kann und dass aus Blödelei oft die besten Ideen entstehen.

Susann Springer

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