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Jugend in Brasilien: Wir wollen mehr

Foto: Philipp Lichterbeck/ dpa

Abgehängte Jugend Boom Boom Brasilien

Ihr Land boomt so sehr, dass viele nicht mehr Schritt halten können - der Aufschwung hängt sie ab: Während Tausende im Elendsviertel leben, verdient ein junger Brasilianer wie Dembore Silva, 25, mit Slumtouren das Fünffache eines Durchschnittslohns.

Dembore Silva steht auf einem Aussichtspunkt in Rocinha, der größten Favela Rio de Janeiros, und zeichnet mit dem Zeigefinger eine imaginäre Linie durch das Meer aus ineinander verschachtelten Häusern der Armensiedlung. Dort laufe er mit den Touristen entlang und erkläre ihnen, wie das Leben in der Favela funktioniere, sagt Silva. "Die meisten sind begeistert." So wie ihm geht es vielen jungen Menschen in Brasilien: Denn dank des Wirtschaftsbooms stehen sie finanziell deutlich besser da als noch ihre Eltern.

Als Silva vor 25 Jahren geboren wurde, deutete wenig daraufhin, dass er einmal Australier, Amerikaner und Deutsche durch eine Favela in Rio führen würde. Er wuchs in São João do Oriente, einem Dorf im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais auf. "Meine Eltern waren bitterarm. Wir besaßen kein Land, keine Tiere. Dann ging mein Vater illegal in die USA." Silva blieb bei seiner Mutter und aß jeden Tag in der Schule, "weil wir uns zu Hause nichts Warmes leisten konnten".

Heute bietet er seine Touren auf Englisch oder Spanisch an. Er hat die Sprachen gelernt, als er seinem Vater für einige Zeit in die USA folgte. In den neunziger Jahren gingen Hunderttausende junge Brasilianer in die USA. Dann drehte sich der Trend um - seitdem kehren sie scharenweise zurück, so wie Silva.

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Einmal um die Welt: So leben Jugendliche

Foto: Llywelyn ab Eleri/ dpa

Als er vor ein paar Jahren nach Rio zog, arbeitete er zunächst in einem Restaurant, verdiente 750 Reais, das sind etwa 240 Euro im Monat. Dann bekam er den Job als Touristenführer und macht jetzt in der Hauptsaison 3500 Reais, stolze 1250 Euro und damit das Fünffache des brasilianischen Mindestlohns. "Es geht mir besser als früher meiner Familie", sagt er.

35 Millionen Brasilianer sind seit 2002 in die Mittelschicht aufgestiegen. Ihr gehören nun mehr als die Hälfte der fast 200 Millionen Brasilianer an, wie das brasilianische Statistikinstitut IBGE ermittelte. Das vielleicht wichtigste Detail: Der Anteil der arbeitslosen Jugendlichen beträgt 15 Prozent - er ist seit 2002 um mehr als 7 Prozentpunkte gesunken. Seit 2002 sind 18 Millionen neue Jobs entstanden.

Silva ist ein kräftiger Typ mit Tätowierungen auf den Armen, wie man sie oft am Strand der Copacabana bewundern kann. Er läuft zum Büro seines Arbeitgebers, der kleinen Agentur Favela Adventures. Sie ist einer von mehreren Anbietern, die sich auf die Erkundung Rocinhas spezialisiert haben. 70.000 Menschen leben laut Zensus in dem Viertel, das in weiten Teilen einer Kleinstadt gleicht. Es gibt Supermärkte, Banken, Hotels und Modeboutiquen. "Ich mag Rocinha", sagt Silva, der selbst ein Haus in dem Viertel gemietet hat.

Während andere Touranbieter ihre Kunden im Geländewagen durch die Favela kutschieren, wandert Silva mehrere Stunden durch das Gassenlabyrinth. "Ich zeige den Touristen die Gastfreundschaft der Bewohner", sagt er. "Aber auch die Realität unter der Oberfläche des neuen Brasiliens: Armut, Müll, offene Abwasserkanäle."

"Brasiliens Jugend weist den Weg in eine bessere Demokratie"

Wie viele junge Brasilianer hat Silva persönlichen Erfolg erlebt - und ist doch verärgert über den Kurs des Landes. "Die Politiker stopfen sich die Taschen voll und lassen die öffentliche Infrastruktur verrotten", schimpft er. "Ich habe ja mein Englisch auch nicht in der Schule gelernt." Die Jugendproteste, die seit Juni in Brasilien stattfinden, sind Ausdruck dieser Unzufriedenheit. Auch Silva lief bei einer Demo mit.

Die Politologin Sonia Fleury von der Getúlio-Vargas-Stiftung in Rio erklärt die Wut junger Brasilianer so: "Sie haben besseren Zugang zu Informationen und spüren die Diskrepanz zwischen dem offiziellen Bild Brasiliens und ihrem Alltag." Silva drückt es so aus: "Der Staat zahlt Milliarden für neue Fußballstadien, aber bei uns fällt der Strom aus."

Über die Proteste informiert er sich per Facebook, der wichtigsten Informationsquelle junger Brasilianer. "Man bekommt Nachrichten von allen Seiten", sagt er. Im Mai 2013 waren laut Facebook rund 73 Millionen Brasilianer bei dem Netzwerk angemeldet. Das Land weist eine der höchsten Nutzerzahlen der Welt auf.

Der Jugendforscher Paulo Carrano von der Bundesstaatlichen Universität in Rio (UFF) sieht, dass junge Brasilianer das Netz nutzen, um sich neu zu definieren: "Sie artikulieren ihre eigenen Themen, Codes und Forderungen." Er ist sich sicher: "Brasiliens Jugend weist den Weg in eine bessere Demokratie."

Philipp Lichterbeck/dpa/fln
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