Yale-Mail aus Shanghai "Students like sexytime, no?"

Das Elite-Leben kann so hart sein. Yale-Student Thomas König, 19, hat den Campus verlassen, um in Shanghai die Welt da draußen zu sehen. Für Probleme sorgt sein Pulli mit dem "Yale"-Aufdruck. Darauf springen fast alle an - zum Beispiel Prostituierte aus aller Welt.


Eines schönen Tages fand ich nach erledigten Einkäufen während des Urlaubs in Deutschland einen Zettel an meiner Windschutzscheibe:

An das riesige ARSCHLOCH. Fahrer des Scheiß Benz. Wie kannst du es wagen, zwei Plätze zuzuparken!? Einem Absolventen der Uni Yale, sollte man ein bisschen mehr Umsicht zutrauen. Park vernünftig, Wichser!

Meine Mutter und ich hatten bei weitem keine zwei Plätze zugeparkt. Immerhin konnte dieser grobe Mensch den Yale-Aufkleber auf der Heckscheibe entziffern. Aber ich hatte verstanden. Und stieg zwei Tage später in das Flugzeug, das mich nach Shanghai brachte. Es sollte mein erster Ausflug in die reale Welt sein: ein Praktikum bei der Firma Shanghai CIIC, nach einem Jahr in Yale. Ich hatte fleißig Chinesisch gelernt und wollte anderthalb Monate in Shanghai bleiben.

Yale-Student Thomas König: Das Kreuz mit dem Sweatshirt
Erene Morcos

Yale-Student Thomas König: Das Kreuz mit dem Sweatshirt

"Elite-Studenten haben’s doch viel leichter!". "Ach komm, ich hasse diese Kids, die mit Papis Platin-American-Express aufwachsen; wenn ich eine Million hätte, könnte ich auch dort studieren." "Und du glaubst also, dass dein Leben mehr wert als meins ist, nur weil du in Yale studierst, ja?" - solche und ähnliche Konversationsfetzen sollen jetzt mal repräsentativ sein, für das Stigma "Elite-Student".

Bezeichnet werde ich mittlerweile andauernd so, weiß aber noch immer nicht genau, was damit gemeint ist. Als Yalie kommt man mancherorts nicht unbedingt leichter durch den Tag - Animositäten gegen "Elitestudenten" sind durchaus global.

Shanghai für zwei Monate und überall Yalies

China. Das große Unbekannte. Ich war ganz kribbelig ob der Abenteuer, die mich erwarten würden. Während ich durch die Lobby des Pudong International Airport schlenderte, dachte ich vor allem an Freiheit, Unabhängigkeit und Eigenverantwortung. Fernab von Yale, fernab von Düsseldorf. Dachte ich.

Nach 20 Minuten in China traf ich den ersten Yalie.

"Thomas!? Oh. My. Gawwd! It’s so awesome to see you here! What are you doing here? I was SO worried that I’d have to get through this all by myself!"

Da war sie also. E., 20 Jahre alt, lebt auf dem Campus in Yale vielleicht fünf Minuten von mir entfernt. Hätte es mich freuen sollen, zufällig in ein Stück "Heimat" gelaufen zu sein? Just in diesem Moment wollte ich nicht unbedingt nach New Haven zurück. Und, na klar: E. war nur der Anfang.

Jeden dritten Abend lief ich aus Versehen in einen Haufen Yalies, die mich "like, totally" zur nächsten "Yale Night" in diesem und jenen Club einladen wollten. Yale hier, Yale da - ich dachte: Das alles wird sich bessern, wenn ich Shanghai auf eigene Faust erkunde. Nicht wahr?

Nicht wahr.

Mein erster Fehler: Während einer etwas kühleren Nacht zog ich mein Yale-Sweatshirt an und zog um die Häuser. Ehe ich mich versah, schlichen sich Prostituierte heran. Sie sagten, nicht ohne Charme: "Yale students like sexytime, no?" Ich rettete mich erst mal in eine Seitenstraße. Dort stürzten sich quasi Horden von Bettlern auf mich und schrien: "'Gei wo ni de qian!' - Moneten her!" Ich winkte ab, freundlich, aber bestimmt. Sie empörten sich: "'Ni shi Yelu Daxue de xuesheng!' - Du bist doch Yale-Student!", ließen mich dann aber meines Weges gehen.

Ich komme in Yale mit knapp 15 Dollar pro Woche aus. Plötzlich war ich so etwas wie ein Millionär. Vom einen Augenblick auf den anderen. Tolles Gefühl? Wird leider schon nach ein paar Stunden anstregend.

Ich war so einfältig und stieg auch noch in ein Taxi. Erst raunte der Fahrer verheißungsvoll: "So, so, Yale" - um dann mit Freuden eine wesentlich längere und teurere Route zu fahren.

Der blaue Pulli als Aphrodisiakum

Nicht, dass ich Shanghai nicht genießen konnte. Ganz im Gegenteil: Ich sang mich mit Karaoke durch die Nacht, spazierte morgens die Nanjing Lu hinunter. Das werde ich nie vergessen. Dennoch war ich erleichert, als ich im Flugzeug in Richtung Heimat saß. Das alte Europa. Dort reagiert niemand so komisch auf ein Sweatshirt, oder?

Wieder falsch.

Ich besuchte Freunde in Paris, wir liefen nachmittags über die Champs Elysées, ich trug - dummerweise - mein Yale-Sweatshirt. Ein paar Halbstarke bauten sich vor uns auf und schrien mir ins Gesicht: "Fuck Bush!" Danach beleidigten sie uns auf Französisch weiter, volle zehn Minuten haben sie durchgehalten.

Nicht zu vergessen: die Prostituierten, die mir wieder schöne Stunden versprachen und ihre Entschlossenheit mit den Worten "Yes, America!" unterstrichen. Ich stelle fest, dass "Elite" vor allem auf Prostituierte überall auf der Welt aphrodisierend zu wirken scheint. Die scheinen aber auch die einzigen zu sein.

So sitze ich nun wieder in meinem Zimmer in Yale, tippe diese Zeilen nach knapp dreimonatiger Pause und... ja, ich trage dabei mein Yale-Sweatshirt.

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