Zivi im China-Erdbeben "Die Straße rollte auf mich zu"

Er wollte die Welt sehen und landete in der Katastrophe: Julius Engel, 21, ging als Zivi nach China, an die Waldorf-Schule von Chengdu in der Provinz Sichuan. Dann zitterte die Erde - und er stand mitten im schwersten Erdbeben, das China seit langem erlebt hat.


"Als ich am 12. Mai zur Mittagspause ging, war es schwül und heiß wie immer in Chengdu. Als ich am frühen Nachmittag wieder bei meiner Schule war, in der ich im Moment arbeite, war alles anders. In Chengdu bebte die Erde.

Ich war auf dem Weg zurück zur Schule, um auf die Kinder aufzupassen. Ich arbeite in der ersten Waldorfschule in China, dort ist alles noch im Aufbau. Die Schule steht am Rande von Chengdu, nahe der dritten Ringstraße, zwischen Großbaustellen und privaten Gärten, zwischen einer Autobahn und kleinen Gassen, auf denen reges Treiben herrscht.

Die Schule liegt da wie eine grüne Oase: Ein See davor, umgeben von Bambus, daneben eine Wiese, auf der die Kinder spielen können. Bäume und Klettergerüste gibt es, einen selbst gebauten Backofen, einen Sandkasten.

Ich ging die staubige Straße zur Schule hinauf, ich schwitzte selbst in meinem T-Shirt. Noch war alles ruhig, ein Gärtner schnitt das Gras und lächelte mir zu.

Ich verlor den Boden unter den Füßen

Auf einmal hörte ich ein heftiges Rauschen. Es kam vom Westen her, ich drehte mich um und sah eine dunkle Wolkenfront am Horizont. Komisch, dass man den Sturm so weit hört, dachte ich - und ging weiter.

Einen Moment später verlor ich buchstäblich den Boden unter den Füßen - ich versuchte, einen Schritt zu setzen, wankte aber zur Seite und hielt nur mühsam das Gleichgewicht. Erst dachte ich, mein Kreislauf würde die Hitze nicht mehr mitmachen. Meine Knie waren weich, ich versuchte, mich hinzusetzen.

Mein Blick fiel auf das Haus neben mir. Es wackelte heftig, Äste schlugen gegen die Mauer. Dann schoss es mir in den Kopf: ein Erdbeben! Ich bin in Berlin aufgewachsen - und ich habe nie für möglich gehalten, dass ich so etwas einmal erleben würde. Plötzlich war ich mittendrin.

Ich lief in die Mitte der nächsten Kreuzung, um nicht von herab fallenden Teilen getroffen zu werden. Die Straße rollte in Wellen auf mich zu, alles war in Bewegung. Ich stand auf einer kleinen Anhöhe 200 Meter von der Schule entfernt und konnte die umliegenden Häuser gut sehen: Die Vorhänge rüttelten, selbst die Häuser schwankten hin und her.

Von einem Dach löste sich ein ganzer Brocken und fiel in die Tiefe. Die Strommasten am Straßenrand wankten, die Leitungen zitterten. Überall kamen Menschen aus den Häusern heraus auf die Straße gelaufen. Wir standen da, in der Mitte der Kreuzung, schauten uns an und warteten - und warteten. Es waren nur wenige Sekunden, aber es fühlte sich an wie eine Ewigkeit.

Der Boden unter den Füßen wurde weich wie Butter. Auf dieser Straße aus Beton zu stehen, war wie auf einem Surfbrett bei kräftigem Wellengang zu reiten.

In wartete in der Mitte der Kreuzung

Als der Boden wieder versteinert war, ging ich die letzten Meter zur Schule. Schüler und Lehrer waren auf die große Wiese hinaus gestürmt. Manche Kinder weinten, andere spielten einfach miteinander. Eine solche Situation hatte noch nie jemand erlebt. Einige Lehrer hatten in ihrer Kindheit zwar schon Erdbeben gesehen, aber das hier war etwas anderes.

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Ich setzte mich auf einen großen Stein und versuchte zur Ruhe zu kommen. Viel mehr konnte ich jetzt nicht tun. Das Mobilnetz war überlastet, ich konnte nicht telefonieren oder SMS verschicken. Wir waren von der Außenwelt abgeschnitten. Vielleicht würde es noch einmal beben, womöglich stärker? Der Boden wankte immer wieder.

Später wurde es ruhiger. Wir planten. Viele Häuser hatten Risse im Mauerwerk, sie konnten jeden Moment einstürzen. Schüler und ihre Familien durften auf dem Gelände der Schule übernachten. Wir trugen Tische aus den Klassen und bauten daraus Betten, stellten Zelte auf, die eigentlich nur aus Planen bestanden. Vorsorglich füllten wir Wasser ab und verteilten Decken.

Ein Nachbeben reißt mich aus dem Schlaf

Ich fuhr durch die Stadt: Überall bereiteten Menschen ihr Nachtlager im Freien vor. Andere tankten ihre Autos voll und suchten einen Parkplatz, auf dem sie stehen und übernachten konnten. An Orten, die sonst still sind, herrschte ein buntes Treiben. Krankenhäuser wurden evakuiert, die Patienten unter Planen auf den Bürgersteigen im Freien betreut.

Und mittendrin saßen einige Chengduer, tranken Tee und spielten Mah-Jongg. Man darf sich eben nur nicht aus der Ruhe bringen lassen. Es wurde immer später und ich wurde müde. Es fing es an zu nieseln, die Leute in den Zelten und Planen wurden leiser.

Ich wohne in einem Studentenwohnheim - auch hier war vieles durch das Beben kaputt oder beschädigt: Viele Studenten mussten im Freien auf Sportplätzen oder auf Wiesen auf dem Campus übernachten. Einige durften bis heute nicht in ihre Wohnungen zurück.

Ich hatte Glück: Meine Wohnung lag in einem Gebäude aus massivem Stahlbeton, das erst vor vier Jahren errichtet worden war. Es gab keine sichtbaren Risse, das Haus im gesamten noch gut aus. Ich konnte am Abend in mein eigenes Bett kriechen.

Das Tropfen des Regens und ein leises Murmeln waren das letzte, was ich hörte, dann schlief ich ein. Ein Nachbeben riss mich in der Nacht aus dem Schlaf, es brachte das Haus erneut zum Wanken. Stimmengewirr vor dem Fenster, Hektik - ich hatte vor dem Schlafen gehen alles bereit gestellt, um im Ernstfall das Haus sofort verlassen zu können. Das Beben legte sich schnell wieder, ich schlief erneut ein.

Am nächsten Tag fiel die Schule aus. Das Hauptgebäude hatte Risse, niemand durfte das Haus betreten. Ich ging in die Stadt und wollte einkaufen - aber fast alle Geschäfte waren zu. Auf den Straßen saßen die Menschen und warteten. Jeder fürchtete weitere Beben und traute sich nicht zurück in die Wohnung. Viele Häuser hatten Risse, es lagen heruntergefallene Kacheln, Putz und Bauschutt auf der Straße. Viele Gebäude waren geschlossen und die Unterführungen der großen Straßen waren gesperrt.

Cola zum Zähneputzen?

Dann fing die Panik an. Panik vor verunreinigtem Wasser, Angst vor zu wenig Lebensmitteln. Die Chengduer kauften alle Supermärkte leer. Das Trinkwasser war schon nach wenigen Stunden weg, auch Kekse und andere Trockenlebensmittel waren schnell kaum mehr zu finden. Selbst Reis und Eier kauften die Leute in großen Mengen. Vor den Geschäften bildeten sich lange Schlangen: Die Menschen versuchten, irgendwie noch etwas zu bekommen.

Ich wollte mich nicht so lange anstellen - am Ende habe ich nur noch die letzte Cola bekommen. Zum Zähneputzen nicht gerade geeignet, aber in der letzten Not immerhin etwas Flüssiges.

Wenn ich jetzt aus dem Fenster sehe, sieht es fast schon wieder so aus wie vor dem Beben. Das Gewirr von Stimmen und der Geruch von "Hotpot" liegen wieder in der Abendluft und ziehen in mein Zimmer. Aber wenn man den Menschen in die Augen schaut, steht ihnen die Angst, die Erinnerung an den Tag, als die Erde bebte, noch ins Gesicht geschrieben."



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