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13. Juni 2008, 13:31 Uhr

Zoff am Gymnasium

Wie Schüler ihren Direktor wegstreikten

Es war ein Desaster: Eltern tobten, die Hälfte der Lehrer wollte weg, die Schüler streikten und sangen "We shall overcome" - alle wollten den Direktor des Gymnasiums Scharnebeck loswerden. Nun ist er weg. Das niedersächsische Kultusministerium hatte ein Einsehen.

Es war ein besonderer Tag in der Geschichte des Bernhard-Riemann-Gymnasiums. Donnerstagmorgen in Scharnebeck, Lüneburger Heide: Die Gymnasiasten boykottieren geschlossen den Unterricht. Statt Mathe, Englisch oder Geschichte zu pauken, laufen sie zu einer Vollversammlung auf dem Sportplatz. Rund tausend Schüler schwenken Transparente mit Aufschriften wie "Wir brauchen Hilfe", "Nicht mit uns" oder "Tschüss Nobby!". Und sie singen lauthals den Gospel- und Protesthymnen-Klassiker "We shall overcome".

Schülerdemo gegen den Direx: Nun ist er weg
DPA

Schülerdemo gegen den Direx: Nun ist er weg

Die rebellierenden Schüler haben ein gemeinsames Ziel, dasselbe wie auch viele Eltern und Lehrer: Sie wollen endlich den Direktor des Gymnasiums loswerden. Und das gelingt ihnen auch.

Am späten Donnerstagnachmittag zieht das niedersächsische Kultusministerium die Notbremse und setzt den seit vielen Jahren höchst umstrittenen Direktor ab. Kultus-Staatssekretär Peter Uhlig teilt mit: "Der bisherige Schulleiter wird nicht weiter am Bernhard-Riemann-Gymnasium tätig sein. Er wird mit sofortiger Wirkung an eine Landesbehörde abgeordnet."

Staatsekretär Uhlig hatte sich am Donnerstag zu einer Krisensitzung mit Lehrern, Eltern und Schülervertretern in Scharnebeck getroffen, unter dem Eindruck der Proteste fuhr er nach Hannover zurück. Dort fällte das Kultusministerium am frühen Abend die Entscheidung, auf die das Bernhard-Riemann-Gymnasium so lange gewartet hatte. "Die Grundlage für eine vertrauensvolle, effektive Zusammenarbeit zwischen dem Schulleiter und der Schüler-, Lehrer- und Elternschaft sowie dem Schulträger war nicht mehr gegeben", so Uhligs Begründung.

"Wir stehen hinter unseren Lehrern!"

Es ist eine frohe, eine erlösende Botschaft für die Scharnebecker Schüler, Lehrer, Eltern. Seit über zehn Jahren laufen sie gegen den Direktor Sturm geben ihm auch die Schuld daran, dass das Gymnasium gerade bei der Schulinspektion durchgefallen ist - schon zum zweiten Mal. Er sei vor allem durch seine "autoritäre und dominante Art" aufgefallen und habe gegen den Willen vieler Lehrer eine Weiterentwicklung des Gymnasiums verhindert, sagte Kirsten Kiehn, Vorsitzende des Schulelternrates, am Freitag. An der Schule habe es keinen Austausch zwischen den Fächern, keine Absprachen über Unterrichtsmethoden und sehr viel Frontalunterricht gegeben.

Bei der Vollversammlung am Vormittag auf dem Sportplatz wussten die Schüler noch nicht, dass sie ihrem Ziel so nahe waren. Schülersprecherin Katharina Stierl sagte: "Wir wollen klar machen, dass wir hinter unseren Lehrern stehen und in unserer Schule ein großes Potential steckt."

Zuletzt verzeichnete das Gymnasium eine massive Fluchtbewegung: Schüler nahmen Reißaus, auch die Lehrer wollten weg. 43 Lehrer - gut die Hälfte der Lehrerschaft - hatten damit gedroht, Versetzungsanträge zu stellen. Sie stellten dem Ministerium eine Art Ultimatum, das am kommenden Montag enden sollte.

Die Schülerzahlen an dem Gymnasium sind seit Jahren rapide rückläufig: Nach Informationen des "Hamburger Abendblatts" ist die Zahl der Klassen pro Jahrgang von sechs auf zwei zusammengeschrumpft. Eltern schickten ihre Kinder lieber auf weiter entfernte Schulen etwa in Lüneburg oder in Bleckede.

Der 56-jährige Direktor verstand das alles offenbar nicht: "Sollte es schon seit zehn oder 15 Jahren Probleme mit mir geben, wäre doch die Aufsichtsbehörde längst aktiv geworden", sagte er dem "Hamburger Abendblatt". Und der Einbruch der Schülerzahlen sei mit den Sanierungsplänen zu erklären, die Eltern von Anmeldungen abhielten.

Bereits vor einem Jahr hätten Schulinspektoren dem Direktor bescheinigt, dass sein Führungsverhalten dem Gymnasium schade, eine lähmende Atmosphäre verbreite und Neuerungen blockiere, sagte Elternsprecherin Ulrike Kressel. Anfang April sendeten die Eltern einen weiteren Notruf nach Hannover: Egal ob pädagogische Konzeptpapiere der Lehrer oder Pläne zur Neugestaltung des dringend sanierungsbedürftigen Schulzentrums - alles bleibe am Schreibtisch des Direktors hängen, lautete der Vorwurf der Eltern.

Lehrer brachen in Tränen aus

Als die Inspektoren in den letzten Tagen in der Schule zu Besuch waren, warfen Schüler laut Lüneburger "Landeszeitung" Flugblätter durchs Treppenhaus, auf denen stand: "Die Schulinspektion ist unsere letzte Hoffnung. Bitte schaut endlich hin! Wir wollen wieder stolz auf unsere Schule sein können."

Scharnebecker Schüler: Hilferuf nach Hannover
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Scharnebecker Schüler: Hilferuf nach Hannover

Bei der Nachinspektion fiel die Schule glatt durch. Eine Stunde lang stellten die Prüfer am Mittwoch ihren Bericht vor, das niederschmetternde Ergebnis: "Das Gymnasium in Scharnebeck erfüllt zurzeit nicht die Mindestanforderungen an Schulqualität." Bei der Bekanntgabe in der Aula der Schule sollen einige Lehrer sogar in Tränen ausgebrochen sein, berichtet die Lüneburger "Landeszeitung".

Eine schnelle Entscheidung forderte Elternsprecherin Kressel: "Die Zeit drängt", denn am Montag und Dienstag sollen die künftigen Schüler der fünften Klasse angemeldet werden. Wenn nicht sofort etwas geschehe, würden noch mehr Eltern ihre Kinder auf andere Gymnasien schicken, befürchtete sie. Mit der Entscheidung gegen den bisherigen Direktor sei zwar "die Kuh noch nicht vom Eis, aber dann könnte es wenigstens losgehen", so Kressel. Die Pädagogen an der Schule nahm die Elternsprecherin ausdrücklich in Schutz: Das Problem sei "mit Sicherheit nicht das Engagement der Lehrer", die seien hochmotiviert und hätten bereits Konzepte erarbeitet, wie es weiter gehen soll.

Der Bürgermeister hatte dem Schulleiter laut "Hamburger Abendblatt" unter anderem vorgeworfen, eine gemeinsame Mensa für Gymnasiasten, Real- und Hauptschüler im Schulzentrum abzulehnen, ebenso wie eine gemeinsame Nutzung des Schulhofes. Örtliche Politiker hatten von der Schulbehörde einen Austausch des Direktors verlangt. Der ist derzeit offiziell krankgeschrieben. So fehlte er bei der Vorstellung des Prüfberichts, stellte sich am Donnerstag nicht dem Protest der Schüler und hat auch die Entscheidung des Kultusministeriums noch nicht kommentiert. Die Landesschulbehörde will das Gymnasium nun langfristig beraten, fachlich begleiten und dabei helfen, ein Qualitätsmanagement aufzubauen. Vor allem Zusammenarbeit und Kommunikation müssten sich verbessern.

Kollektive Krankmeldungen als Druckmittel

"Dieser Weg wird kein leichter sein. Dieser Weg wird steinig und schwer" - das Lied von Xavier Naidoo brummte noch am Donnerstagmorgen aus der Verstärkeranlage auf der Sportplatz-Vollversammlung. Diesen Weg gehen wollen die Schüler in jedem Fall, sagte Schülersprecherin Stierl: "Wenn Veränderungen kommen, sind wir bereit, diese zu unterstützen."

Wie massiv die Proteste werden müssen, wenn ein ungeliebter Schulleiter gehen soll, zeigen auch einige andere Beispiele aus den letzten Monaten: In Ludwigshafen etwa hatte sich im April ein ganzes Kollegium kollektiv krankgemeldet, um die Absetzung einer Grundschulleiterin zu erzwingen. An der Schule gab es schon über einen längeren Zeitraum erhebliche Spannungen. Mit Krankmeldungen hatten im Februar auch Lehrer einer Schule in Pforzheim reagiert, die ihrer Rektorin autoritären Führungsstil vorwarfen. Kurz darauf wurde die Schulleiterin abberufen.

Der aktuellste Fall: Ebenfalls am Donnerstag teilte die Schulaufsicht in Rheinland-Pfalz mit, dass die Rektorin der Regionalen Schule Wolfstein an eine andere Schule versetzt werde. Sechs Lehrer der Schule sollen ebenfalls neue Aufgaben wahrnehmen. Dort gab es Streitereien im Lehrerkollegium, die Schulaufsicht entschied sich nach eigenen Angaben für einen "kompletten Neuanfang", um den "Schulfrieden wiederherzustellen".

maf, jol, dpa/AP/ddp

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