Zukunft der Schule Aus drei mach vier mach zwei

Die Hauptschule ist das Sorgenkind des deutschen Bildungssystems, gerade in Großstädten. Doch die Hilferufe nach dem Pisa-Schock von 2001 haben eine erstaunlich sachliche System-Debatte in Gang gesetzt. Am Ende könnten zwei Schulformen übrig bleiben.

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Die Vorlage der ersten Pisa-Ergebnisse, genau vor fünf Jahren, war ein Schock für die stolze Bildungsnation: Sowohl bei der Lesekompetenz als auch bei der mathematischen und naturwissenschaftlichen Grundbildung schnitten die deutschen Schüler weit unter dem Durchschnitt der Industrieländer ab. Insbesondere Schüler ausländischer Herkunft würden in Deutschland abgehängt, attestierten die Bildungsforscher: Kennzeichen D, eine schwache Marke.

Schulhof der Rütli-Schule: "Ausgesonderte Schülerschaft"
DPA

Schulhof der Rütli-Schule: "Ausgesonderte Schülerschaft"

Dass solche Befunde alles andere als theoretisch sind, bewies der Hilferuf, den die Lehrer der Rütli-Schule im vergangenen Jahr aus dem Problemkiez Neukölln sendeten: Sie kämen gegen Gewalt, Desinteresse und bildungsfeindliche Elternhäuser nicht mehr an, beklagten die Pädagogen.

An diesem Befund hat sich wenig geändert. "Wenn ich vor einer ausgesonderten Schülerschaft stehe, die mit nur geringen Aussichten auf eine positive Zukunft lernen soll, entgleitet mir schnell die Situation", gibt Helmut Hochschild, der scheidende Rektor der Rütli-Schule, im SPIEGEL-Gespräch zu. Er sieht den Fehler im System: Nur vier Prozent der Berliner Schüler besuchen eine Hauptschule. "Von jeder Berliner Grundschulklasse kommt also der problematischste Schüler zu uns, einer, der meistens schon lange von den übrigen abgekoppelt ist." Die Folgen: Gewalt, Kriminalität, Sprachprobleme, ethnische Abschottung.

Isolation durchbrechen

Die Isolation der Problemschüler, so Hochschilds Vorschlag, müsse durchbrochen werden, wenn möglich durch ein integrierendes Schulmodell. "Klar ist, dass unsere Hauptschülerinnen und -schüler mehr Unterstützung brauchen", sagt auch Jürgen Zöllner, neuer Berliner Bildungssenator zu SPIEGEL ONLINE.

Noch vor kurzem hätte die Debatte um das richtige Schulsystem automatisch auf ideologisch vermintes Gebiet geführt: Man wäre entweder im Lager der Gesamtschul-Befürworter gelandet oder hätte sich bei jenen eingereiht, die das dreigliedrige Schulsystem für sakrosankt halten.

Doch die Grabenkämpfe, die die Schulpolitik über Jahrzehnte lähmten, scheinen teilweise überwunden. Denn Zustände wie an der Rütli-Schule sind eine Bankrotterklärung für beide Lager: Die Befürworter der Gesamtschule haben das Desaster an den Hauptschulen erst ausgelöst. Sie installierten in vielen Bundesländern eine vierte Schulform - die Gesamtschule. Sie sorgte dafür, dass nur die absolut schwächsten Schüler an der Hauptschule landeten.

Auf der anderen Seite müssen sich die Traditionalisten vorhalten lassen, dass sie sich immer nur um ein leistungsstarkes Gymnasium kümmerten und nichts dagegen unternahmen, dass Hauptschulen vielerorts in das Chaos schlitterten.

Zweier-Lösung gewinnt Anhänger

Für Bundesländer mit großen Problemen in den Hauptschulen könnte die Formel der Zukunft ungefähr so aussehen: Aus vier mach zwei. Das Gymnasium soll als weitgehend funktionierende Schulform bestehen bleiben, Haupt-, Real- und Gesamtschulen sollen zu einer zweiten Schulform zusammengefasst werden.

Die Berliner Koalition aus SPD und PDS hat in ihrem Koalitionsvertrag festgehalten, dass für ein Pilotprojekt zur Förderung von Gemeinschaftsschulen 22 Millionen Euro bereitgestellt werden. In Hamburg sucht eine Enquete-Kommission der Bürgerschaft auf Anstoß der CDU nach Wegen, die Vielgliedrigkeit des Schulwesens zu reduzieren. Die Hamburger Sozialdemokraten forderten am Wochenende auf einem Landesparteitag, das dreigliedrige Schulsystem abzuschaffen. Das würde bedeuten: Das Gymnasium bleibt bestehen, die übrigen Schulformen schmelzen allmählich zu einer so genannten Stadtteilschule zusammen.

Der Bielefelder Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann plädiert ebenfalls für nur noch zwei Schulformen nach der Grundschule, weil die Hauptschulen zu "Sammelbecken für Kinder aus unteren Sozialschichten" verkämen. Ihre Position auf dem Arbeitsmarkt sei "ungünstig oder sogar aussichtslos".

Auf die Inhalte kommt es an, nicht auf die Form

Die Zweier-Kombi ist jedoch kein Allheilmittel: Das Modell Hauptschule funktioniere in verschiedenen Bundesländern unterschiedlich gut, erläutert Ulrich Trautwein, Schulexperte am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Das hänge unter anderem davon ab, wie viel Prozent der Schüler an Hauptschulen untergebracht sind. In Bayern und Baden-Württemberg seien die Hauptschulen noch gut besucht, so Trautwein, während sich in Berlin Schüler "mit ungünstigen Lernvoraussetzungen sammeln".

In Schleswig-Holstein stößt Ute Erdsiek-Rave, Ministerin für Bildung und Frauen, auf erheblichen Widerstand mit ihrem Zweier-Konzept. Die SPD-Politikerin plant, bis 2010 Haupt- und Realschulen zu so genannten "Regionalschulen" zusammenzulegen. Auch "Gemeinschaftsschulen" sollen möglich sein, in denen Schüler einen Hauptschul-, Realschul- oder gymnasialen Abschluss erreichen könnten.

"Wir setzen auf gemeinsames Lernen", sagte Erdsiek-Rave SPIEGEL ONLINE. "Wir sind der Meinung, dass in Deutschland schon zu früh nach dem vierten Schuljahr aufgeteilt wird. Gerade bei den Hauptschulen entsteht dabei eine Lernumgebung, die nicht förderlich ist."

Das sehen viele Schüler und Eltern anders. Gegen die geplante Zusammenlegung von Real- und Hauptschulen gingen am Wochenende mehrere tausend Realschüler auf die Straße. Allein in Lübeck versammelten sich mehr als 2000 Schüler und Eltern zu einem Zug durch die Innenstadt. In Kiel zogen etwa 1000 Mädchen und Jungen vom Landeshaus zum Bildungsministerium. "Rettet die Realschule" oder "Realschule ohne Hauptschule", schrieben sie auf ihre Transparente.

Allein durch die Abschaffung der Hauptschulen wäre den Hauptschülern noch nicht geholfen, gibt Jürgen Zöllner zu bedenken, "weil die Probleme dann unter Umständen nur verlagert werden. Es geht nicht um die theoretische Optimierung eines Schulsystems, es geht um die optimale Förderung jeder einzelnen Schülerin und jedes einzelnen Schülers", so Zöllner.

Schulexperte Trautwein verweist darauf, dass es Differenzierung in allen Schulsystemen gebe. Auch in Ländern mit Einheitsschulen würden die Schüler in unterschiedlichen Kursen und Stufen untergebracht, oder es würden Formen von Differenzierung innerhalb der Klassen eingesetzt. "Man wird nie allen Schülern das Gleiche bieten können", das wäre eine Illusion. "Eine neue Struktur löst nicht automatisch alle Probleme. Ob Schüler etwas lernen oder nicht, entscheidet sich immer noch im Unterricht."

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Seite 1
Redhalo, 05.12.2006
1.
Die Frage ist falsch formuliert. Wird der Hauptschule noch eine Zukunft gegeben? Das trifft die Sache besser. Denn gerade Hauptschulen sind oft Schauplätze sozialer Brennpunkte. Dies bedarf geschulter Lehrer (was lernt man denn schon im Lehramtsstudium... überwiegend Theorie, viel Fachwissen, wenig Praxisbezug und vor allem wenig Pädagogik). Wo sind denn die Schulpsychologen, die Sozialarbeiter oder auch die Lehrer für das Fach Deutsch als Fremdsprache? Erst wenn diese Einrichtungen fester Bestandteil von Schulen werden, gibt es die Möglichkeit auf einzelne Schüler, die Individuen, einzugehen. Jedem nach seinen Bedürfnissen zu fördern, zu unterstützen und zu lehren. Es darf einfach auch nicht passieren, dass eine Hauptschullehrerin ihren Schülern sagt, sie müssen nicht für die Abschlussprüfung lernen, da sie eh keinen Ausbildungsplatz finden werden. Das ist das genaue Gegenteil von einer hoffnungsvollen Zukunft und deutet auf eine heillos überforderte Lehrkraft hin.
wafi, 05.12.2006
2.
Quatsch! Mein Sohnemann ist auf einer Haupschule und dort sind weder mehr Aggressionen oder Gewalt, als z.B. auf dem Gymnasium meiner Tochter. Perspektivlosigkeit, ja, denn wer gibt nem Haupschüler einen Ausbildungsplatz. Perspektive kann ergo nur durch einen weiteren Schulabschluß kommen. Warum Hauptschule? Nun ja, bei Sohnemann war ne ziemlich extreme Lese-Rechtschreibschwäche und trotz versuchter außerschulischer Förderung, kam er auf seiner alten Schule einfach nicht mit. Ist halt blöd, wenn man wesentlich länger zum Lesen braucht und nen Wort lesen, schon extreme Mühe macht, ganz zu schweigen, das gelesene hinterher noch zu kapieren. Sohnemann hat aber, nun 8te Klasse, eben wegen des langsameren Lernens in der Hauptschule sein Problem ziemlich gut in den Griff bekommen, hat sogar gestern nen Diktat mit ner 3 wieder bekommen, worauf er ... und ich ... echt stolz sind. Insofern gibt es eben Gründe, warum Hauptschule für manchen wichtig ist. Idealer wären natürlich Gesamtschulen ... aber da steht die Politik vor ...
Pnin, 05.12.2006
3.
---Zitat von sysop--- Aggression, Gewalt, Perspektivlosigkeit - hat die Hauptschule noch Zukunft? ---Zitatende--- Nur wenn sie komplett umgestaltet wird: - Kleine Klassen, die Individualförderung ermöglichen - Praxisorientierte Lerninhalte - Betriebsanbindungen als Unterstützung zur Ausbildungsplatzsuche - Stärkere Durchmischung der Schülerschaft - Zusätzliches qualifiziertes Betreuungspersonal für verhaltensauffällige Schüler - Stärkere "Durchlässigkeit" hin zu anderen Schulformen - schulinterne Freizeitangebote undundund
bernhard 05.12.2006
4.
"Die vorhandenen Lehrer passten nicht zu den Schülern.", der Satz hört sich so an, wie wenn der Politiker ein neues Volk fordert, wenn das bestehende nicht so funktioniert, wie er sich das vorstellt. Würde man hier mehr sagen, wie die inneren Verhältnisse in Berlin sich insbesondere unter dem alten inzwischen abgelösten Schulsenat entwickelt haben, wie insbesondere eine machtlose und amateurhafte GEW durch die Landschaft tänzelt, seit an seit mit ihrem Liebling Wowi, dann würde man wahrscheinlich einem Eintrag in die Personalakte nicht entgehen können! So ist die Lage: angstbesessen, weil ideologisierende Theoretiker das Sagen haben.
darkzone, 05.12.2006
5. Hauptschule noch Zukunft?
Die Hauptschule hat - wir ihre Kinder - die Zukunft schon lange hinter sich! Es gibt unzählige wissenschaftliche Studien darüber, die das immer wieder belegen. Inzwischen mahnt die UNO eine Veränderung an, weil das System eklatant gegen das Gleichheitsprinzip verstößt. Das wissen unsere Politiker. Aber dann müssten sie etwas ändern. Sie müssten den oberen Schichten etwas wegnehmen und denen "unten" etwas mehr geben. So wie das alle anderen Staaten machen. Alle Kinder auf EINE Schule. Undenkbar! Was würden die Ärzte, Rechtsanwälte und Gymnasiellehrer dazu sagen! Es bleibt alles beim Alten. Die Diskussion muss hier nicht geführt werden.
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