Zurück vom Auslandsjahr Fremdeln in der Heimat

Im Sauerland statt in Peking, wieder bei Mutti und nicht in der italienischen Großfamilie, Abschied von modernem Unterricht: Vier Austauschschüler erzählen nach ihrer Rückkehr von Fernweh und Startproblemen.

Marlena in Norwegen: Keine Zeit mehr für Sport

"In Norwegen hatte ich als Austauschschülerin viel Zeit. Zwar hatte ich von 8.30 bis 16 Uhr Schule, aber dann war auch Schluss. Hausaufgaben hatte ich praktisch nie zu Hause zu erledigen, denn dort wurde anders unterrichtet. Wir erarbeiteten viel in Gruppen direkt in der Schule, bekamen höchstens über mehrere Wochen etwas aufgegeben.

Nachmittags habe ich dann Sport gemacht. Am Anfang habe ich viel Volleyball gespielt, später ging ich auch ins Fitnessstudio. Dort stemmte ich Gewichte oder sprang in Workout-Kursen zu lauter Musik über den Step.

Das war ziemlich lustig, denn in diesem Fitnesscenter arbeiteten praktisch alle meine Mitschüler. Schon mit 16 oder 17 fangen die Norweger an, regelmäßigen Jobs nachzugehen, weil sie eben die Nachmittage zur freien Verfügung haben. So bedeutete die Muckibude bald nicht nur Sport, sondern auch viel nette Gesellschaft für mich.

Das alles ist jetzt vorbei. Ich bekomme nur noch wenig Bewegung, denn hier in Deutschland muss ich richtig bimsen, um mitzuhalten. Ich wollte auf keinen Fall eine Klasse überspringen und stieg in der zwölften Klasse mit ein. Das war vom Niveau auch okay. Weil hier aber Lehrer mit Kreide an der Tafel stehen, statt Handouts zu verteilen, muss ich hier schon mal jede Menge mitschreiben, und das mit Füller ins Heft statt ins Notebook.

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Marlena in Tromsø: Wo die Sonne nie untergeht

Foto: Marlena Schilling

Der Unterricht endet zwischen 14 und 16 Uhr, danach lerne ich etwa noch vier Stunden, um bei den wöchentlichen Tests mithalten zu können. Heraus kommt ein gutes Mittelmaß, ich bin damit keine Einserkandidatin. Vor allem im Chemie-Leistungskurs habe ich viel zu tun, denn unser naturwissenschaftlich ausgerichtetes Gymnasium möchte ein hohes Leistungsniveau halten. Sport und andere Hobbys werden in den nächsten zwei Jahren einfach viel stressiger."

Elisa in Italien: Neunmal zurückgeflogen

"Das Auslandsjahr in Italien war toll. Ich fühlte mich nach einem Jahr wie eine richtige Italienerin. Den Termin meiner Abreise verschob ich immer wieder nach hinten. Als es dann soweit war, habe ich mich schon gefreut, von meiner deutschen Familie abgeholt zu werden.

Trotzdem rannte ich schnurstracks zum nächsten Telefon und rief in Italien an, um zu sagen, dass ich gut angekommen sei und sie vermisse. In Dresden war mir alles fremd, die graue Stadt, die gelben Bahnen und Busse, alles sah komisch aus.

Auch deutsches Essen konnte ich nicht ausstehen. Meine Mutter begann, nur italienische Produkte zu kaufen, aber daran lag es eigentlich gar nicht. Der Rhythmus war so anders. Ich wollte nicht frühstücken, sondern nahm nur einen Kaffee. Stattdessen verlangte ich nach 21 Uhr nach einer warmen Mahlzeit.

Zu Hause kam ich nicht klar. Statt in einer italienischen Großfamilie war ich nun allein mit meiner Mutter. In Italien war immer etwas los gewesen - ging meine Mutter jetzt aus dem Haus, war ich allein. Wir stritten uns wegen jeder Kleinigkeit. Ich konnte nicht aufhören, Deutschland und Italien bei jeder Gelegenheit zu vergleichen.

Dann waren da die täglichen Telefonate mit Italien. Ich bequatschte meine Mutter zu einem vierwöchigen Urlaub auf Sizilien. Zurück in meiner so liebgewonnen Kultur vertrugen wir uns dann allmählich besser.

Zum neuen Schuljahr hatte ich die Schule gewechselt, um dort Italienisch als Leistungskurs zu belegen. Ich kannte also niemanden und fand den ersten Schultag entsprechend blöd. Doch ich rettete mich über die erste Woche mit einem genialen Plan: Zum Geburtstag meines Gastvaters flog ich nach Italien und überraschte meine Familie. Das war das Größte, wir haben uns alle wahnsinnig gefreut, es war, als sei ich nie weg gewesen.

In den letzten anderthalb Jahren habe ich meine Gastfamilie neunmal besucht, und bald wollen sie zu meinem Abi-Ball nach Dresden kommen. Auch wenn sich das nicht so anhört: Ich denke, ich habe zu einem gesunden Maß an Fernweh gefunden, und weiß, dass ich meinem Leben in Italien nicht nachtrauern darf. Hier in Dresden spielt sich das wichtige Leben ab. Und: Ich kann ja jederzeit runterfliegen."

Gregor in China: Aus der Millionenstadt zurück ins Kaff

"Als mein Abflug aus Peking näher rückte, dachte ich nur: Oh nein. Nach dem glitzernden Leben in der Metropole sollte ich wieder zurück in mein Dorf bei Schmallenberg im Sauerland.

Elf Millionen Einwohner dort, zu Hause gerade mal 6000. In Peking hatte ich mich selbstverständlich ins Taxi gesetzt, jetzt wartete ich wieder auf den Schulbus. Statt in Wolkenkratzern mit atemberaubenden Ausblick lebte ich wieder in Einfamilienhäusern. Und statt Englisch und Mandarin musste ich mich wieder an die deutsche Sprache gewöhnen.

Mental blieb ich noch lange in China. Alles in Deutschland berührte mich wenig, deswegen war ich weniger offen für alles, was um mich herum passierte. Zwar dachte ich nie 'Oh, ist das furchtbar hier' - doch ich lebte in meiner eigenen, chinesischen Welt. Oft hörte ich nur halb hin, wenn mir jemand etwas erzählte.

Umgekehrt wollte keiner meiner Freunde mehr über mein aufregendes Jahr wissen als 'War super, hat Spaß gemacht'. Was andere von mir hören wollten, kratzte nur an der Oberfläche. Am besten verstand ich mich mit anderen Austauschschülern. Ich telefonierte viel mit zwei Schülern aus Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern, die mit mir in China gewesen waren.

Außerdem vermisste ich das vielseitige chinesische Essen. Unser China-Restaurant im Ort konnte mir zwar keinen angemessenen Ersatz bieten, weil die Betreiber aus Hongkong kamen, wo man ganz anders isst und spricht als in Peking. Doch ich freundete mich mit dem Küchengehilfen an. Aliu und ich wurden zu einer Art Sprachtandem: Er verbesserte sein Deutsch, und ich vergaß mein Mandarin nicht.

Mittlerweile habe ich mein Abitur gemacht und lebe wieder in China. Statt Zivildienst mache ich ein Freiwilliges Soziales Jahr als Deutschlehrer an einer Sprachenschule in Peking."

Lars in Australien: Zurück im deutschen Schulchaos

"Als sich mein Auslandsjahr in Australien dem Ende zuneigte, fühlte ich mich wie im Film 'Terminal', in dem Tom Hanks einen Mann spielt, der ohne Pass im Transitbereich eines Flughafens lebt. Er kann weder einreisen, noch kann er zurück.

Ähnlich gefangen fühlte ich mich schon in den letzten Wochen in Melbourne. Ich befand mich in Australien, plante aber bereits Praktika in Deutschland und wählte meine Schulfächer. Zurück zu Hause lebte ich mich in mein soziales Umfeld wieder recht gut ein.

Das lag bestimmt auch daran, dass ich in Australien zweimal die Gastfamilie gewechselt hatte. Ich war mit den Familien nicht richtig warm geworden - einerseits war das natürlich schade, andererseits war die Sehnsucht aber auch nicht so groß.

Mich jedoch an die deutsche Schule zu gewöhnen, war nicht leicht. Ich war zurück im Land der fehlenden Schulmittel und kranken Lehrer! Während auf der anderen Seite des Erdballs die Lehrer nie gefehlt hatten, hing hier wieder der fünfseitige Vertretungsplan am Schwarzen Brett.

Jetzt erst wurde mir klar, was für eine Luxuseinrichtung die katholische Privatschule Notre Dame College gewesen war. 1400 Schüler besuchten diese Schule auf einem riesigen Campus. Ich belegte tolle Fächer wie Business-Management oder Psychologie. Es gab Smartboards und Beamer und eine Bibliothek voll mit Computern. 50 Seiten durfte jeder Schüler umsonst am Schulcomputer ausdrucken - zu Hause in Bremerhaven muss jeder zwölf Euro Kopiergeld zahlen.

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Auf der Aussie-Farm: Lars, 16, lernt Holz hacken

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Statt in Anzug und Krawatte gammeln wir Jungs wieder im Kapuzenpulli in Kursen, die uns nicht interessieren, weil wir sie nicht selbst wählen können. Statt vor ausgefeilter Methodik, Powerpoints und Handouts sitze ich wieder in U-Form vor einem Tafel, auf der mit dem letzten Kreiderest gekrakelt werden muss.

Natürlich war der Unterricht im Notre Dame College nur deshalb so pompös, weil dort ziemlich viel Schulgeld gezahlt werden musste. Die Schule war sogar so wohlhabend, dass dem deutschen Austauschschüler die Gebühr erlassen werden konnte. Immerhin war darin auch ein Fünf-Tage-Trip nach Melbourne mit Übernachtungen inbegriffen."

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