Zwergschule in Grönland Lernen am Ende der Welt

Kinder in Grönland haben es oft nicht leicht. Gegen Alkoholismus, schlechte Ausbildung und maue Zukunftsaussichten kämpfen die Lehrer einer Mini-Schule in einem Dorf am Polarkreis. Sie wollen ihre Schüler fit machen für ein Leben zwischen Tradition und Moderne.

Kind in Grönland: "Wir brauchen keine Fischer und Jäger."
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Kind in Grönland: "Wir brauchen keine Fischer und Jäger."

Aus Itilleq berichtet


Man muss sich auch über die kleinen Dinge freuen. Zum Beispiel darüber, so sagt Jimmy Hymøller, 34, dass die Mannschaft der Dorfjugend zuverlässig die Teams der Kreuzfahrttouristen wegputzt, die dann und wann über Itilleq herfallen, dieses gottverlassene Kaff 200 Meter nördlich des Polarkreises. Eine Stunde mit dem Boot braucht man in die Kleinstadt Sisimiut im Norden, vier Stunden ist die nächste Siedlung im Süden entfernt.

Das Fischerdorf mit seinen 110 Einwohnern ist in vielerlei Hinsicht eine typische westgrönländische Siedlung: Bunte Holzhäuser - rot, grün, hellblau, dunkelblau, gelb - ducken sich zwischen Felsen. Es ist sehr ruhig, zumindest bis ein Quad mit Anhänger den steinigen Fahrweg vom Hafen zum Ort hinauf knattert. Im Hintergrund hängen Wolken zwischen schneebetupften Bergen. Besonders wird Itilleq bestenfalls dadurch, dass Ex-Premierminister Hans Enoksen ein kleines Holzhaus in der Mitte des Ortes bewohnt und aus einem Klassenzimmer der kleinen Schule früher seine Weihnachtsansprache in die grönländischen Haushalte schickte.

Doch Enoksen, kürzlich abgewählt, ist wieder Privatier, und bis auf gelegentliche Touristenbesuche und das monatliche Versorgungsschiff passiert in Itilleq nicht viel. Die Menschen hier fischen nach Kabeljau, reich werden sie damit nicht. Nicht ansatzweise. Sie jagen Robben, Rentiere, Moschusochsen - und ab und zu auch einen Wal. Alle zwei Jahre bekommen die Einwohner von Itilleq die Erlaubnis, einen Buckelwal zur Strecke zu bringen. Ein blutiges Spektakel, allein der Blick auf die Fotos lässt einen erschaudern.

"Wir brauchen keine Fischer und Jäger"

Im Prinzip gehören alle im Ort zu zwei Inuit-Großfamilien, drei bis vier Kinder hat eine Familie im Schnitt. Wer in Itilleq aufwächst, für den bestehen - mangels geeigneter Perspektiven - auch realistische Chancen, dass alles so weitergeht wie bisher: Alkoholismus, schlechte Ausbildung, wenig wirtschaftliche Perspektiven heißen die Geißeln vieler Grönländer, auch hier.

"Wenn man etwas gegen die Probleme in diesem Land machen will, muss man in der Schule damit anfangen", sagt Jimmy Hymøller. Der junge Mann, Surfertyp mit halblangen dunkelblonden Haaren, stammt eigentlich aus West-Jütland, lebt aber seit sieben Jahren in Grönland. Die letzten fünf davon hat er als Chef der Zwergschule in Itilleq verbracht.

Zusammen mit seiner Frau Merete, ebenfalls Lehrerin, wohnt er in einem grünen Holzhaus direkt hinter dem Fußballfeld. Zusammen mit zwei Kollegen - einer davon mit Ausbildung - unterrichten die beiden die Kinder des Fischerörtchens. Insgesamt gibt es 27 Schüler in drei Klassenstufen: Die erste bis dritte, vierte bis siebte und die achte und neunte Klasse lernen zusammen. Jimmys und Meretes Söhne Hjalte und Frederik sind auch unter den Schülern.

Unterrichtet wird auf Dänisch, Grönländisch - die kehlige Sprache mit den vielen Zischlauten ist seit kurzem offizielle Amtssprache der Insel - und schon ab der ersten Klasse auch auf Englisch. Ein buntes Plakat an der Wand des Klassenzimmers berichtet zum Beispiel vom Schicksal der "Little Miss Muffet", die sich vor einer Spinne erschreckt - in einfachen Worten und mit einer hübschen bunten Zeichnung illustriert. "Wir brauchen keine Fischer und Jäger. Wir brauchen gut ausgebildete Leute, Tischler, Ärzte, Rechtsanwälte", sagt Hymøller. Und dazu gehört eben auch Englisch.

In den Familien ballen sich die sozialen Probleme

Zukunft und Tradition liegen dicht beisammen in Itilleq: Hinter der Schule dösen die plüschigen Schlittenhunde auf ein paar gerundeten Felsen - und schnüffeln interessiert jedem entgegen, der sich ihnen nähert. In den Klassenzimmern stehen schicke Designer-Stühle von Verner Panton, mit blauen Sitzflächen. Sie kippeln fast von allein. Doch momentan sind die Räume leer, kaum ein Laut ist im Haus zu hören, schließlich laufen die zwei Monate langen Sommerferien.

Gerade sind die Kinder zurückgekommen, Schulbeginn ist der 17. August. Vorher machen die wenigsten einen echten Urlaub: Viele lungern im Dorf herum; ein paar kicken auf dem Fußballplatz oder unten am kleinen Hafen. Ein paar drehen eine Runde mit einem kleinen grauen Schlauchboot, und ein paar zelten in den nahen Fjorden.

Die Kinder in Itilleq haben es oft schwer, in vielen Familien gibt es soziale Probleme. Eltern, die trinken und sich deswegen nicht um ihre Kinder kümmern. Kinder, die vollkommen übermüdet, wie Zombies, in die Schule kommen, weil niemand sie rechtzeitig ins Bett bringt. Kinder, die hungrig im Unterricht sitzen - all das gibt es auch in Deutschland, wohl weit häufiger als vielen in unserer Gesellschaft klar ist. Doch in Grönland sind die sozialen Probleme weit gravierender.

Hausaufgabencafé und Essensversorgung in der Schule

"Alle Eltern lieben ihre Kinder. Aber viele haben keinen Kontakt mit ihnen. Sie können keine Forderungen stellen, sie können nicht streng sein", beklagt Jimmy Hymøller die fehlende soziale Kontrolle in vielen Inuit-Haushalten seines Ortes. Er müsse Eltern zum Beispiel immer wieder erklären, dass es nicht akzeptabel sei, dass sie vor ihren Kindern Alkohol trinken. "Die Kinder sollen dieselben Chancen haben wie Kinder aus London, Kopenhagen oder Berlin."

In Itilleq arbeiten Hymøller und seine Kollegen daran, dass diese Vision zumindest ein kleines Stück Wirklichkeit wird. Mittlerweile gibt es ein Hausaufgabencafé und Essensversorgung in der Schule, schneiden die Schüler des Ortes in landesweiten Vergleichstests überdurchschnittlich gut ab. Doch nach der neunten Klasse müssen die Kinder von Itilleq nach Sisimiut, um dort ihre Ausbildung zu beenden. Und sie scheitern häufig, auf sich allein gestellt in einer fremden Umgebung: "Ich weiß nicht, wie viele Leute derzeit einen Abschluss machen, aber es sind nicht extrem viele."

Dazu kommen kulturelle Probleme: Internet, Playstation und Wii treten in Itilleq und all den anderen Dörfern gegen grönländische Traditionen an. Außer der alten Julie, sie wird im kommenden Frühjahr 81, wissen nur noch wenige Menschen in Itilleq, wie man die traditionelle Tracht aus bunten Perlen herstellt, und wie die geschmeidigen Robbenstiefel.

Mittlerweile ist Lehrer Hymøller der einzige im Ort, der noch ein Kajak besitzt. "Ich habe die Menschen oft gefragt, ob sie es auch einmal probieren wollen", sagt er - ohne Erfolg. Dabei, so sagt er, ist das Fahrgefühl in dem traditionellen Wasserfahrzeug einmalig: "Wenn ich im Kajak sitze, bin ich dem Himmel nahe."

Man muss sich auch über die kleinen Dinge freuen.

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