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15. Mai 2017, 17:40 Uhr

Kinofilm übers Referendariat

"Alles, was Spaß macht, ist verboten"

Ein Interview von

Wer Lehrer werden will, muss nach dem Studium eine harte Zeit überstehen: das Referendariat. Jakob Schmidt hat einen Dokumentarfilm darüber gedreht - und Schüler und Lehrer getroffen, die am System verzweifeln.

Mit dem Studium ist die Ausbildung nicht vorbei. Angehende Lehrer müssen sich danach in der Schule bewähren - als Referendare. Drei von ihnen hat Jakob Schmidt, 27, für seine Abschlussarbeit an der Filmuniversität Babelsberg zwei Jahre lang begleitet: an einer Grundschule, einer Gesamtschule und einem Gymnasium in Berlin.

Das Ergebnis: der 100-minütige Film "Zwischen den Stühlen", der schon einige Preise abgeräumt hat. An diesem Donnerstag kommt er nun in deutsche Kinos.

SPIEGEL ONLINE: Herr Schmidt, wie sind Sie darauf gekommen, dass das Referendariat genug Dramatik für einen Kinofilm bietet?

Schmidt: Ich bin Lehrerkind und mein Vater hat oft erzählt, wie er im Referendariat gelitten hat. Ich erinnere mich außerdem an eine Referendarin aus meiner Schulzeit, die uns im normalen Unterricht für das Fach Deutsch wirklich entflammen konnte, in ihren Prüfungen aber immer sehr nervös war. Einmal hat sie eine Lehrprobe mit uns vorher fast wie ein Theater inszeniert: Wer meldet sich wann? Wer sagt was? Absurd.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Film vermittelt den Eindruck, dass Theorie und Praxis in der Lehrerausbildung heute noch immer nicht zusammen passen. Zum Beispiel in dieser Szene:

Katja, Referendarin an einer Berliner Gesamtschule, schärft den Schülern kurz vor einem Unterrichtsbesuch ein, dass sie auf jeden Fall zu zweit arbeiten und sich austauschen müssen, weil die Gutachter "kooperative Lernformen" sehen wollen. Die Schüler lenken sich gegenseitig eher ab. In der Klasse klettern einige über Tische und Bänke.

Schmidt: Ja, das ist so ein Beispiel. Was in der Theorie funktioniert, klappt in der Praxis nicht immer, jedenfalls nicht mit allen Schülern. Ich glaube, dieser Widerspruch ist ein Grund dafür, dass Referendare unter so einem riesigen Druck stehen. Dazu kommt, dass angehende Lehrer im Studium leider zu wenig darauf vorbereitet werden, was sie in der Schule wirklich erwartet, auch wenn sich da schon viel getan hat. Manche werden ziemlich ins kalte Wasser geworfen.

SPIEGEL ONLINE: Der Film wirft aber auch die Frage auf, welche Menschen überhaupt als Lehrer geeignet sind und welche nicht.

Die Referendarin Anna wirkt oft unsicher, schüchtern. Sie arbeitet mit einem Coach, um ihre Stimme und Körperhaltung zu verbessern und vor der Klasse selbstbewusster aufzutreten. Sie möchte als Lehrerin aber "menschlich und verwundbar" bleiben - und droht im Referendariat zu scheitern.

Welche Persönlichkeit müssen Lehrer haben?

Schmidt: Das Spannende ist, dass Menschen völlig unterschiedlich sein können und trotzdem allesamt für den Lehrerberuf geeignet. Das zeigen die drei Referendare. Es gibt nicht die eine Schablone, in die jeder Lehrer passt. Wie ein guter Lehrer sein muss, bewerten auch nicht alle Menschen gleich. Ich spoiler hier mal: Im ersten Anlauf wird Anna aufgrund ihrer Vornoten nicht zur Prüfung zugelassen und muss die Schule wechseln. Beim Abschied ist zu sehen, wie sehr die Kinder an ihr hängen. Die hätten Anna sicher anders bewertet als die Prüfer.

SPIEGEL ONLINE: Teilweise scheinen Referendare aber sehr verzweifelt. Der Film zeigt wenige Momente, in denen Lehrer-sein Spaß macht, sondern öfter Stress, Druck.

Katja: "Die ganze Zeit fragen mich Leute, ich müsste doch jetzt total glücklich sein. [...] Aber irgendwie bin ich nach der Prüfung in so'n Loch gefallen. Ich bin dauernd traurig und müde und fertig."

Schmidt: Die Referendare, die ich begleitet habe, arbeiten heute alle begeistert in ihrem Beruf, auch Katja. Aber ich wollte schon zeigen: Sich jeden Tag vor eine Klasse zu stellen und guten Unterricht zu machen, ist eine Herausforderung. Referendare stehen noch dazu dauernd unter Prüfungsdruck. Damit gehen alle anders um. Das Referendariat und später das Lehrersein ist sicher weniger schmerzhaft, wenn man die Ansprüche an sich selbst herunterschraubt und in Einklang bringt mit den Möglichkeiten, die man hat.

SPIEGEL ONLINE: So wie der Referendar Ralf?

Der sagt: "Wenn ich jeden Tag vor 30 Schülern stehe und eine realistische Chance habe, dass die alle so werden, dass man sich in späteren Jahren nicht um sie sorgen muss, und dass man sich nicht vor ihnen zu fürchten braucht, weil sie alle die wichtigsten Werte dieser Gesellschaft verstanden haben, dann mache ich doch ne tolle Sache. Wenn man das als Herstellung systemrelevanter Zahnrädchen bezeichnen will, gut."

Schmidt: Vielleicht hilft es Ralf, dass er seinen Beruf etwas pragmatischer angeht.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt, als müssten angehende Lehrer im Referendariat auch lernen, sich an das System Schule anzupassen, "systemrelevante Zahnrädchen" herzustellen und dafür den eigenen Idealismus zumindest teilweise aufgeben. Anna dagegen stellt das System sehr deutlich in Frage:

"Öfter habe ich auch den Eindruck, dass vom politischen System her der Anspruch ist, dass das System verwertbares Humankapital erzeugt. Das ist für mich eine Missachtung derjenigen, mit denen wir es zu tun haben."

"Man hat das Gefühl, alles, was Spaß macht, ist verboten. Die Schüler dürfen nicht rennen, nicht toben. Dann dieses Still sitzen im 45-Minuten-Takt. Das ist wahnsinnig brutal und nicht angemessen, finde ich."

Schmidt: Mich hat bei den Dreharbeiten überrascht und beeindruckt, wie viele Menschen in diesem riesigen System Schule als Lehrer, Schulleiter oder Ausbilder arbeiten und dieses System kritisch sehen. Sie werden aber nicht zum Berufszyniker, sondern wollen gerne etwas ändern. Nur wie, das ist nicht immer klar.

SPIEGEL ONLINE: Die Berufszyniker gibt es aber auch, wie in einer Lehrerzimmer-Szene mit zwei Kollegen zu hören ist.

"Da kommt nur die Hälfte der Klasse."
"Na, da hab ich nichts dagegen."

Schmidt: Ja, solche Lehrer gibt's natürlich auch.

Offizieller Kinostart: 18. Mai 2017

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