Umstrittene Sekte "Zwölf-Stämme"-Eltern wehren sich gegen Sorgerechtsentzug

Seit gut einem Jahr leben Kinder der Sekte "Zwölf Stämme" in Heimen und Pflegefamilien, seitdem kämpfen ihre Eltern. Drei Elternpaare haben das Sorgerecht endgültig verloren. Aber damit ist der Streit längst nicht beendet.
"Zwölf Stämme": Sekteneltern legen Beschwerde ein

"Zwölf Stämme": Sekteneltern legen Beschwerde ein

Foto: Karl-Josef Hildenbrand/ picture-alliance / dpa/dpaweb

Die umstrittene Sekte "Zwölf Stämme" wehrt sich gegen eine Entscheidung des Amtsgerichts Ansbach: Drei Elternpaare haben Beschwerde gegen den Entzug des Sorgerechts eingelegt, teilte das Gericht mit. Begründet hätten sie ihre Beschwerde bislang nicht.

Bereits Ende Oktober hatte das Gericht den Eltern auf Antrag des Jugendamtes unter anderem das Recht zur Regelung der schulischen Belange und der medizinischen Versorgung entzogen sowie das Aufenthaltsbestimmungsrecht. Betroffen sind sechs Kinder, sie sind zwischen einem und sechs Jahren alt.

Fotostrecke

Eine Sektenaussteigerin erzählt: Leben auf dem Minenfeld

Foto: SPIEGEL ONLINE

Eltern können nur dann das Sorgerecht verlieren, wenn das Kindeswohl gefährdet ist. Laut Gesetz muss die Gefahr konkret, gegenwärtig und nachhaltig sein. Im Laufe des Verfahrens hätten die Eltern sich "nicht überzeugend" von ihren Erziehungskonzept distanziert, teilt das Gericht mit; dazu gehört, Kinder körperlich zu züchtigen. Schließlich folgt die Sekte der Bibel treu, wo es heißt: "Wer die Rute spart, hasst seinen Sohn, wer ihn liebt, nimmt ihn früh in die Zucht." Hinzukommt, so das Gericht, dass die Sekte staatliche Schulen ablehnt sowie dort geforderte amtsärztliche Untersuchungen ihrer Kinder.

Das Gericht betont, sie hätten mit den betroffenen Eltern über mildere Maßnahmen verhandelt: So sollten die Eltern mit ihren Kindern unter Aufsicht des Jugendamtes in Deutschland bleiben, die Sekte unterhält Standorte in mehreren Ländern, zudem sollten sie ihre Kinder zu staatlichen Schulen anmelden und zur Spieltherapie. Die Eltern aber hätten das Land verlassen wollen und staatliche Schulen weiterhin abgelehnt.

Rechtskräftig sind die drei Entscheidungen des Gerichts noch nicht, und mit der Beschwerde geht der Streit jetzt weiter: Nun muss das Oberlandesgericht Nürnberg über die drei Fälle entscheiden. Auch am Amtsgericht Nördlingen beschäftigen sich die dortigen Richter weiterhin mit der Sekte: Rund ein Dutzend Sorgerechtsverfahren würden noch laufen, teilte Direktor Helmut Beyschlag auf Anfrage mit. Wann sie enden, sei noch nicht absehbar.

Deutsche Behörden kennen die Misshandlungsvorwürfe gegen die "Zwölf Stämme" schon seit 20 Jahren. Weil die Sekte die staatliche Schulpflicht missachtet, mussten sieben Väter 2004 sogar ins Gefängnis. Im vergangenen Jahr holte die Polizei in einem Großeinsatz dann 40 Kinder aus der Sekte. Zuvor hatte der RTL-Reporter Wolfram Kuhnigk mit versteckter Kamera gefilmt, wie Sektenmitglieder Kinder mit der Rute schlagen. Die meisten Kinder leben seitdem in Heimen und Pflegefamilien. Einige Kinder durften allerdings bis zur endgültigen Entscheidung der Gerichte zur Sekte zurückkehren.

fln
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.