Christensekte "Zwölf Stämme" zeigen Fernsehreporter an

Die Christensekte "Zwölf Stämme" hat wegen Misshandlungen das Sorgerecht für ihre Kinder verloren - nun gehen die Fundamentalisten gegen den Reporter vor, der die Beweise lieferte. Ihre Erklärung: Züchtigen sei "ein Gesamtkonzept".
Kreis der Harmonie? Die "Zwölf Stämme" stehen unter Verdacht der systematischen Kindesmisshandlung

Kreis der Harmonie? Die "Zwölf Stämme" stehen unter Verdacht der systematischen Kindesmisshandlung

Foto: RTL

Auf dem bayerischen Gut Klosterzimmern sollen Kinder der christlichen Sekte "Zwölf Stämme" jahrelang systematisch verprügelt worden sein, heimliche Videoaufnahmen lassen daran kaum Zweifel. Die Urchristen streiten die Vorwürfe nicht ab, trotzdem wehren sie sich nun: Sie wollen ihre Kinder zurück.

Über einen Anwalt zweifeln die Fundamentalisten die Glaubwürdigkeit der Filmaufnahmen an, die im vergangen Jahr zum Entzug des Sorgerechts geführt hatten. In dieser Woche zeigten sie den investigativen Journalisten wegen "vorsätzlicher falscher Zeugenaussage und Fälschung beweiserheblicher Dokumente" an. Der Zeitpunkt ist nicht zufällig gewählt: Am Montag soll ein weiterer Beitrag über die "Zwölf Stämme" bei RTL ausgestrahlt werden. Der Sender kündigt "neue erschütternde Details" an.

Nachdem der RTL-"Extra"-Reporter im Sommer vergangenen Jahres heimlich gefilmtes Material bei den zuständigen Jugendämtern eingereicht hatte, war im September 2013 die Polizei mit einem Großaufgebot angerückt: Insgesamt 40 Kinder hatte sie aus zwei Wohnsitzen der Glaubensgemeinschaft geholt. Es gab Hinweise auf erhebliche und dauerhafte Kindesmisshandlung in der Gemeinde. Die Behörden sahen darin den Grund für eine "Inobhutnahme nach vorläufigem Sorgerechtentzug" und brachten die Kinder in Pflegefamilien und Heimen unter.

Dass körperliche Züchtigung zum Erziehungskonzept der Sekte gehört, streiten ihre Mitglieder nicht ab. Trotzdem sehen sie sich als Opfer einer Hetzkampagne und beklagen, ihre Rechte als Eltern würden beschnitten. Zunächst wehrte sich die Sekte, indem sie verharmlosende Briefe, Fotos und Videos im Internet veröffentlichte und so einen seltenen Einblick in ihre verworrene Welt gewährte.

"Züchtigen ist ein Gesamtkonzept"

Auf einer Pressekonferenz am Freitag präsentierte der Anwalt der Sekte nun seine Argumente, um die Gemeinschaft zu entlasten. Der Journalist habe seine Aufnahmen bearbeitet, bevor er sie den Behörden vorlegte, so der Vorwurf. Das schlussfolgert der Anwalt aus den Zeitstempeln im Rohmaterial. Journalist Wolfram Kuhnigk hingegen beteuert die Echtheit seiner Aufnahmen. Kuhnigk erklärte am Freitag, er habe "weder Aussagen noch Filmmaterial manipuliert". Es handle sich "um einen verzweifelten Versuch, hier vom eigentlichen Straftatbestand der Kindesmisshandlung abzulenken".

Schon bei der Übergabe der Prügel-Videos an die Staatsanwaltschaft Augsburg hatte Kuhnigk außerdem Abweichungen in den Zeitstempeln schriftlich erklärt: Diese entsprächen "nicht dem Aufnahmedatum, sie sind meinem Unvermögen geschuldet, die chinesische Bedienungsanleitung zu verstehen".

Die Zeugen seien außerdem "nicht glaubwürdig, weil sie nicht namentlich in Erscheinung treten wollen", behauptet der Sektenvertreter. In dem Verfahren gegen die Sekte waren auch sechs Aussteiger angehört worden, die sich während ihrer Aussage an einem geheimen Ort aufhielten.

Außerdem soll vor Gericht geklärt werden, ob der körperliche Missbrauch das Kindswohl derart gefährdete, dass die Behörden eingreifen mussten. Die Sekte argumentiert: Misshandlungen lägen nicht vor, schließlich habe nie ein Arzt Misshandlungsspuren nachweisen können.

Erneute räumte der Anwalt der "Zwölf Stämme" am Freitag Prügelstrafen für die Kinder ein: "Es ist richtig, dass einzelne Eltern ihre Kinder gezüchtigt haben." Die Schläge würden aber bewusst so praktiziert, dass eine Misshandlung ausgeschlossen sei, denn: "Züchtigen ist ein Gesamtkonzept." Die Sekte vergleicht die Schläge mit der Rute mit einer Beschneidung, die doch ebenfalls "eine Körperverletzung aus religiösen Gründen" sei.

Jeder Schlag ist Misshandlung

Seit dem Jahr 2000 gilt in Deutschland grundsätzlich jede Körperstrafe unabhängig von ihrer Härte als Misshandlung, auch emotionale Misshandlung und Vernachlässigung zählen dazu. Einige Formen stehen nach dem Strafgesetzbuch unter Strafe. Ärzte, Pädagogen und Psychologen unterliegen auch bei Kindern ihrer Schweigepflicht, bis sie den Verdacht hegen, das Kindeswohl könne gefährdet sein.

Im Gesetz ist jedoch auch der Grundsatz "Hilfe statt Strafe" verankert: Vor der Strafverfolgung und dem Sorgerechtentzug soll zunächst den Familien geholfen werden, bei Konflikten ohne Gewalt miteinander auszukommen. Nur wenn Jugendamt und soziale Dienste übereinkommen, die Kinder schützen zu müssen, darf die Polizei eingesetzt werden.

"Ich habe keine Wurzeln und keine Kraft zu fliegen"
Foto: SPIEGEL ONLINE

Sie wurde in eine Sekte geboren und dort von klein auf geschlagen, mehrmals am Tag. Mit 16 Jahren stieg Amitsa bei den "Zwölf Stämmen" aus. Begegnung mit einer jungen Frau, die ausbrach, um ins Leben zu finden. mehr...