Der SPIEGEL

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26. Juni 2012, 12:19 Uhr

Studentische Landlust

Zurück zu den Wurzeln

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Sie wollen Muskelkater in den Armen und Schwielen an den Fingern: Acht Studenten haben einen Schrebergarten gepachtet. Die Hobby-Gärtner genießen das meditative Leben abseits der Uni - und liegen damit im Trend. Denn die Wartelisten in Großstädten sind lang.

Gibt es etwas Spießigeres als eine Kleingartenanlage? Quadratische Grünflächen mit einem Holzhäuschen drauf? Deutschlandfahnen an langen Masten? Stiefmütterchen in Reih und Glied? Gestutzte Hecken, getrimmte Buchsbäumchen, rotwangige Gartenzwerge allüberall? Kann man sich in so einem Umfeld wohl fühlen, wenn man unter 30 ist?

"Ja sicher", sagt Leo, 28.

"Natürlich", findet Verena, 29.

"Und wie!", ruft Tobi, 29.

Ein Tag im April, der Wind weht leicht, noch keine 15 Grad, doch die drei Studenten sind mal wieder gemeinsam mit fünf Freunden im Kieler Kleingartenverein e. V. von 1897. Genauer gesagt auf Parzelle 282, gemeinsam erworben vor drei Jahren für 800 Euro Ablöse plus monatlicher Pacht, inklusive Gartengeräte.

Es ist einiges zu erledigen heute: Blümchen müssen gepflanzt, ein paar Äste geschnitten, der Rasen muss gestutzt werden. Verena trägt Gartenschuhe aus Plastik und sticht mit dem Spaten Löcher für ein paar Spätblüher in den Boden, Tobi steckt in einem grünen Arbeitsoverall und bringt Pflanzen heran, die anderen heizen den Grill vor: Nach der Arbeit soll es Würstchen und Pils geben, da ist jeder Kleingärtner wie der andere, egal ob 28 oder 68.

Die acht Kieler sind nicht allein mit ihrer Leidenschaft. Plötzlich interessieren sich immer mehr Studenten für Schrebergärten, von Norden bis Süden, von Kiel bis Heidelberg. Bloß: Was ist so toll daran, Laubenpieper zu sein, im Mutterboden zu wühlen, Unkraut zu zupfen, Rosen zu beschneiden?

Anne ist 26, kam aus Mecklenburg-Vorpommern zum Studieren nach Kiel und findet die Arbeit im Garten "meditativ". Es sei "schön", Muskelkater in den Händen zu haben und Schwielen an den Fingern. Bevor die Parzelle in ihr Leben gekommen sei, habe sie mit dem Gärtnern nicht viel am Hut gehabt, jetzt sei sie begeistert und finde "innere Ruhe" im Garten.

"Tobi, mach mal den Rasen"

Tobi hat bereits als Kind zu Hause in Freiburg Erfahrungen als Gärtner sammeln können: "Da hieß es dann immer: Tobi, mach mal den Rasen, und ich habe es auch gern gemacht. In der Pubertät war damit Schluss. Es gab plötzlich nur Dinge, die ich lieber tat. Etwas Spießigeres als einen Schrebergarten konnte ich mir damals nicht vorstellen."

Heute, sagt er, genieße er es, Lebensmittel selbst zu produzieren. Und das körperliche Auspowern sei ein schöner Ausgleich zum Sitzen am Schreibtisch.

Verena sagt, die Arbeit in der Parzelle mache den Kopf frei, abends fühle man sich angenehm erschöpft: "Andere gehen joggen, wir gärtnern." Studien haben sogar bewiesen, dass 20 Minuten Gartenarbeit am Tag die Anzahl von Stresshormonen drastisch senken. Und "gestresst" sind heutzutage ja irgendwie alle - vielleicht sind darum auch die Wartelisten für eine Parzelle vor allem in Großstädten so lang.

Rund drei Million Menschen verbringen ihre Freizeit schon regelmäßig in Schrebergärten, fast 45 Prozent der Neuverpachtungen gehen mittlerweile an junge Kleinfamilien. Immer mehr Mittzwanziger lesen das Magazin "Landlust", schenken sich zum Geburtstag Gartenbücher und tauschen sich in Foren über den idealen Dünger für Salatköpfe und über das Glück der ersten selbstgemachten Marmelade aus.

Die Möhren machten schon bei zwei Zentimetern schlapp

Jeder der acht Studenten zahlt rund 18 Euro Pacht pro Jahr, dafür können sie ihr eigenes Gemüse ziehen und ein bisschen Geld sparen, theoretisch zumindest. Die ersten Ernten waren nicht sonderlich üppig, geben Tobi und Anne zu. Fehlt etwa der grüne Daumen? "Ich schiebe es ja auf den schlechten Sommer", sagt Anne. "Nur die Minze und die Radieschen sprossen", ergänzt Tobi.

Die Möhren machten schon bei zwei Zentimetern schlapp, und Kürbis, Zwiebeln, Zucchini und Chilipflanzen verkümmerten. Das hat die Truppe schon enttäuscht: Dieses Jahr soll es anders werden. Anne zieht mittlerweile - ganz Profi-Gärtnerin - die Pflanzen zu Hause vor, bevor sie dann auf Parzelle 282 in die Erde kommen.

Schräg gegenüber, in Parzelle 284, harkt Herr Schröder, 73 Jahre alt, eine Zigarette im Mund, das Beet in Form. Nach eigenem Bekunden ist er "immer hier", und das seit 40 Jahren. Angesprochen auf die Studenten von der anderen Seite, zeigt er sich wortkarg, aber nicht ablehnend.

"Sie könnten ein bisschen mehr tun", gibt er zu, aber dann: "Ich habe Verständnis, ich war ja auch mal jung, und mein Garten war auch nicht von Anfang an perfekt." Dem Klischee des gestrengen Schrebergartennachbarn entspricht Herr Schröder so gar nicht, und auch die anderen Mieter scheinen sich über den Nachwuchs mit dem etwas wilderen Garten eher zu freuen.

Nur ein einziges Mal bekamen die acht Freunde Ärger in den vergangenen drei Jahren, und das war gleich zu Beginn ihrer Vereinsmitgliedschaft.

Da hatten sie einen Pool aufgebaut, doch die Freude währte nicht lange. Schnell kam ein Brief, der darauf hinwies, dass der Wasserverbrauch zu hoch sei, um ihn der Gemeinschaft anzulasten. Der Pool musste also weg. Der Begeisterung tat das jedoch keinen Abbruch, denn ansonsten geht es im Kieler Kleingartenverein eher locker zu.

1,20 Meter Hecken-Regel

An ein paar Regeln müssen sich die Studenten dennoch halten: Der Weg vor der Parzelle soll von Unkraut freigehalten werden, und die Hecke darf nicht höher als 1,20 Meter sein. "Wir sind schon oft später dran als die anderen Pächter, wenn es beispielsweise um das Schneiden der Hecken geht. Wir erledigen es, aber wir hinken stets ein kleines bisschen hinterher", gesteht Verena.

Die Berliner Soziologin Elisabeth Meyer-Renschhausen sagt, die "Zurück-zur-Natur-Bewegung" sei in Wellen bei der Jugend immer mal wieder zu beobachten. Vor rund hundert Jahren vermerkte zum Beispiel Meyers Konversationslexikon "einen Zustrom junger Leute aus den gebildeten Klassen zum Beruf des Gärtners".

Meyer-Renschhausen sieht als Grund für die aktuelle Gärtner-Begeisterung der Studierenden die Sehnsucht nach etwas Greifbarem: "Die Studenten verbringen ja sehr viel Zeit vor dem Computer. Das Studium ist eine entsinnlichte Arbeit. Mit der Arbeit im Garten gehen sie zurück zu den Wurzeln. Das ist etwas Handwerkliches, was man gemeinsam in der Gruppe erlernen kann."

Ein Berliner Architekturbüro hat sich in weiser Voraussicht schon vor einigen Jahren auf die Neu-Gärtner eingestellt und entwirft Lauben in knalligen Bonbonfarben. Verena und die anderen sind mit ihrer alten Hütte allerdings noch recht zufrieden, auch wenn es durch das Vordach tropft. Im Inneren lässt sich sogar schlafen, was in Kleingärten allerdings nicht gern gesehen wird, aber sogar Herr Schröder von schräg gegenüber hat das in früheren Jahren ab und zu "ganz heimlich" gemacht, verrät er leise.

Und wie reagieren die Freunde auf die neue Leidenschaft der Junggärtner? Fast jedes Mal gleich: Erst wird gegrinst, dann finden es alle doch irgendwie cool, und am Ende sitzen sie ständig mit im Garten und packen auch schon mal mit an; eine befreundete Gruppe hat mittlerweile um die Ecke sogar ihren eigenen Garten.

Am späten Nachmittag ist dann irgendwann der Grill so weit, die fleißigen Gärtner versammeln sich um den Tisch, die Bratwürstchen brutzeln, die Vögelchen singen, alles ist gut. Dann gibt's auch endlich ein Bier, und der Trinkspruch ist stets der gleiche: "Auf den Schrebergarten!"

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