Studieren in der Provinz Vechta, here I come

Von Berlin nach Wernigerode, von München ins Oldenburger Land, von Manhattan nach Detmold: Manche Studenten sagen der urbanen Anonymität Ade und entscheiden sich fürs Leben XXS. Vier Großstädterinnen berichten vom Studieren in der Provinz - und wie es sie dorthin verschlagen hat.

Von Almut Steinecke


"Vechta??? Was soll das sein? Ist das eine Stadt?" Johanna Henschel war irritiert, als sie den Namen des Ortes las, dessen Uni ihren Wunschstudiengang anbietet. Das war im Jahr 2009, als Johanna überlegte, Gerontologie zu studieren, die Wissenschaft vom Altern. Die gebürtige Berlinerin, heute ist sie 24, hatte gerade in Stuttgart eine Ausbildung als Gesundheits- und Krankenpflegerin abgeschlossen, war dann für einen Job in die Weltstadt München gezogen, als sie Lust bekam, zu studieren. "Außerdem hatte ich wieder Fernweh."

Bei der Suche nach Studiengängen, die ihrer Ausbildung nicht ganz fern sind, ist Johanna auf die Gerontologie gestoßen. Und auf Vechta. Die dortige Universität gehört zu den wenigen in Deutschland, die das Fach im Programm haben. Leider gehört sie auch zu den Hobbits unter den Hochschulen: Die Uni Vechta hat gerade einmal 3100 Studenten, die Stadt selbst zählt rund 31.000 Einwohner. Johanna musste schlucken, als sie diese Informationen einholte, zumal sie schon jede Menge Große-weite-Welt-Duft geschnuppert hatte, nicht nur im superbunten Berlin. Während ihrer Schulzeit, Papas Job machte es möglich, hatte sie bereits fünf Jahre lang in Neu-Delhi gelebt, inmitten der indischen Metropole.

Und jetzt das. Vechta. Kleinstadtmief im westlichen Niedersachsen? Eine gewöhnungsbedürftige Vorstellung, aber irgendwie auch spannend, überlegte Johanna - war Vechta nicht eigentlich die Herausforderung schlechthin? "Ich hatte auch noch Bewerbungen für andere Studiengänge nach Heidelberg und Berlin gesendet", erzählt Johanna, "Heidelberg hat sogar eine Zusage geschickt. Ich habe mich trotzdem für Vechta entschieden. Weil ich niemanden kannte, der Gerontologe ist. Und weil ich keine Vorstellung von Vechta hatte."

Von New York nach Detmold? Unbedingt!

Das änderte sich schlagartig, als sie vor Ort der Hauptstraße ansichtig wurde, "das ist eine Zwanzigerzone - ich hab gedacht, das kann ja wohl nicht wahr sein! So etwas habe ich noch nie gesehen. Die heißt auch noch 'Große Straße'!" Johanna holte erst einmal ganz tief Luft.

Auch Musikstudentin Melodi Kayis, heute 22, zog für ihr Studium von Groß nach Klein, vielmehr von Gigantisch nach Beinahe-Unsichtbar: erst New York, Glitzerstadt, dann - Detmold. Melodi ist Türkin, geboren in der Millionenstadt Ankara, und war im Jahr 2006 mittels eines Stipendiums an die Manhattan School Of Music übergesiedelt, um dort Geige zu studieren. Melodi and the City - "das war einfach cool!", schwärmt die junge Türkin. "Die Ausbildung in New York war sehr gut, und die Stadt ist genau wie in den Filmen", mit der berühmten sprühenden Überdosis Leben.

Aber irgendwann auch sehr stressig. Melodi merkte, wie ihre musikalische Leichtigkeit litt, nicht nur durch die Lichter, den Lärm. An der Musikhochschule herrschte nüchterner Drill. "Alles musste immer perfekt sein, ich hatte das Gefühl, die Menschen dort vergessen, warum wir eigentlich Musik machen." Dazu kamen turmhohe Lebenskosten. 1200 Dollar Monatsmiete zahlte Melodi Kayis für ein winziges WG-Zimmer, das sie sich auch noch mit einer Kommilitonin teilen musste, dazu 40.000 Dollar pro Jahr an Studiengebühren.

Nicht alle entscheiden sich ganz freiwillig für die Provinz

Melodi war klar, dass ihre Zeit in New York mit dem zweijährigen Stipendium ablaufen würde, aber je länger sie sich in der immerwachen Stadt aufhielt, desto weniger trauerte sie, wenn sie an den bevorstehenden Abschied dachte. "Ich fühlte, dass ich einfach mehr Ruhe brauche."

Bei einem Musikfestival in der Türkei lernte Melodi den österreichischen Violinisten Lukas David kennen, der auch schon als Professor an der Hochschule für Musik in Detmold gelehrt hatte. So verschlug es sie von Manhattan nach Ostwestfalen-Lippe, in einen Ort mit 73.000 Einwohnern und einer Hochschule für Musik, an der 750 Studenten eingeschrieben sind. Klein, aber fein, weil fachlich renommiert. "Bist du wahnsinnig geworden?", fragten ihre Freunde, als sie ihnen davon erzählte; Melodi lacht, wenn sie sich daran erinnert.

Als sie dann ankam in Detmold, spürte sie: Es war die richtige Entscheidung. Straßen mit Kopfsteinpflaster, niedliche Fachwerkhäuser aus dem 17. Jahrhundert, ein rapunzeliges Residenzschloss, dazu eine eigene Wohnung für 380 Euro warm. Vor allem aber kam der einfühlsame Unterricht an der Hochschule Melodis Motiven, Musik zu machen, entgegen. "Wenn ich Geige spiele, will ich ausdrücken, was der Komponist gefühlt hat." Am liebsten versucht sie, mit ihrem Violinbogen die Seele Johann Sebastian Bachs zu erspüren.

So freiwillig wie Melodi hat sich Maren Loerzer nicht für ihr neues Leben XXS entschieden. Auf der Suche nach einem außergewöhnlichen Wirtschaftsstudiengang, der sie international möglichst beweglich macht, stieß die 19-Jährige auf die Hochschule Harz in Wernigerode. Der Ort liegt in Sachsen-Anhalt, tiefstes Mittelgebirge, rund 35.000 Einwohner. Die Uni bietet hier International Business Studies (IBS) an, "ein besonderes Programm mit einem doppelten Bachelor-Abschluss", erklärt Maren, "einer von hier und einer von einer internationalen Partnerhochschule".

"Die Professoren wissen sogar von jedem Studenten den Namen"

Mit 3300 Studenten zählt auch die HS Harz zu den Zwergen unter den deutschen Hochschulen, und als Berlinerin fühlte sich Maren bei dem Gedanken an eine Lebensschrumpfung zunächst ziemlich unwohl.

Marens neues Habitat hatte schiefe Fachwerkhäuschen zu bieten, Läden mit kulinarischen Highlights wie "Wildschwein-Leberwurst und Hirschsalami, echten Wernigeroder Spezialitäten", ebenso wie die Harzer Schmalspur-Trasse, auf der Dampfloks durchs Städtchen schnaufen. "Man fühlt sich ein bisschen, als wäre man mitten in der Anlage einer Modelleisenbahn gelandet oder bei Jim Knopf", erzählt Maren.

Damit das Fremdeln auf keinen Fall umschlägt in heißes Heimweh nach der Großstadt, hat Maren vorgesorgt. Kaum angekommen in Wernigerode, trat sie der studentischen Initiative "Interforum" bei, die sich für die Integration von Erasmus-Studenten einsetzt. Seitdem organisiert sie internationale Abende und Fahrten nach Berlin, sie kann da glänzen als ortskundige Stadtführerin.

An jeder größeren Uni wäre Marens Engagement für die Kommilitonen eine gute Methode, Leute kennenzulernen - in Wernigerode ist das nicht nötig. "Wenn man über den Campus geht, kann es nicht passieren, dass man jemanden nicht kennt", erzählt Maren. "Sogar die Professoren wissen von jedem Studenten den Namen."

Die vertraute Atmosphäre hebt sich wohltuend ab von der Anonymität riesiger Massenuniversitäten, das findet mittlerweile auch Johanna in Vechta. Die einzig verbliebene Qual: "Mit ihren Primel- und Stiefmütterchen-Arrangements sehen hier alle Vorgärten gleich aus." Da helfe nur "weggucken, eine Melodie pfeifen und sich sagen, 'Johanna, so wird's bei dir später nicht aussehen'". Die soziale Wärme genießt sie. "Es gibt so ungewöhnlich freundliche Menschen in Vechta, ich bin froh, dass ich mich getraut habe, diese Erfahrung zu machen." Im Kleinen das Große zu entdecken, findet sie, habe sich "echt gelohnt".

Der Charme der Provinz erobert das Herz manchmal schneller, als man denkt. Als das Studienplatzvergabesystem Karima Kurz gnadenlos nach Vechta versetzte, fand die heute 20-jährige angehende Grundschullehrerin es so schlimm, dass sie sich, kaum angekommen, sofort an der Uni Hamburg bewarb. Doch die Hochschule in der Hansestadt ließ sie warten. Karima hätte im dritten Semester mit ihren Fächern Germanistik und Sachunterricht mit Biologie als Bezugsfach quereinsteigen können.

Doch als es so weit war, hatte sie sich schon an Vechta gewöhnt, an "die gute Ausbildung, dieses ganze Wohlfühlklima rund um die Uni". Das mochte sie plötzlich nicht mehr hergeben, nicht einmal für Hamburg. "Das war der Augenblick, in dem ich mich bewusst für Vechta entschieden habe."



insgesamt 22 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
manuelbaghorn 11.07.2011
1. Naja,
mag ja sein, dass in Vechta alles sehr persönlich ist. Ich möchte da trotzdem noch nicht mal tot überm Zaun hängen....
fridericus1 11.07.2011
2. Vechta ...
... ist eingebettet in Katholizismus, dumpfen Schwachsinn und Hühnergülle. Jedem jungen Menschen, der dort studieren möchte, ist dringend angeraten, in dieser matten Perle der südoldenburgischer Landschaft probeweise ein paar Tage zu verbringen um zu testen, ob er das Kaff und seine Bewohner - und zwar die mit oder ohne Federn - erträgt.
lobbie 11.07.2011
3. Leute, seid
nicht so negativ. Einer meiner Söhne zieht zum Wintersemester von Geilenkirchen nach Höxter. Das ist ein Aufstieg! Zumindest landschaftlich, aber sonst eigentlich auch. Und Erfahrungen in der näheren Bekanntschaft zeigen: gerade auf kleinen Hochschulen sind die Studienbedingungen meist besser. Kleine Gruppen, direkter Kontakt zu den Profs und nicht Hörsäle mit hunderten, anonymen Studenten. Knigge für Studenten: Was gar nicht geht: Im Hörsaal mit 400 Studenten dem Prof als Einziger eine Frage stellen.
GyrosPita 11.07.2011
4. Ich gebe keinen Titel mehr an
Zitat von lobbienicht so negativ. Einer meiner Söhne zieht zum Wintersemester von Geilenkirchen nach Höxter. Das ist ein Aufstieg! Zumindest landschaftlich, aber sonst eigentlich auch. Und Erfahrungen in der näheren Bekanntschaft zeigen: gerade auf kleinen Hochschulen sind die Studienbedingungen meist besser. Kleine Gruppen, direkter Kontakt zu den Profs und nicht Hörsäle mit hunderten, anonymen Studenten. Knigge für Studenten: Was gar nicht geht: Im Hörsaal mit 400 Studenten dem Prof als Einziger eine Frage stellen.
Na hoffentlich fehlt ihm das AWACS-Gedröhne nicht. War er vorher auf der FH Aachen? Dann könnte ich ihn verstehen, da würd ich mich noch eher an der Uni Kabul einschreiben...
doc_dawson 11.07.2011
5. ...
Zitat von lobbienicht so negativ. Einer meiner Söhne zieht zum Wintersemester von Geilenkirchen nach Höxter. Das ist ein Aufstieg! Zumindest landschaftlich, aber sonst eigentlich auch. Und Erfahrungen in der näheren Bekanntschaft zeigen: gerade auf kleinen Hochschulen sind die Studienbedingungen meist besser. Kleine Gruppen, direkter Kontakt zu den Profs und nicht Hörsäle mit hunderten, anonymen Studenten. Knigge für Studenten: Was gar nicht geht: Im Hörsaal mit 400 Studenten dem Prof als Einziger eine Frage stellen.
Und leider gibt es an kleineren Unis in der Regel auch nur 1b Personal. Spitzenleute lehren vermehrt an großen Unis. Und die Qualität der Forschenden schlägt sich auch auf die Qualität der Ausbildung nieder. Sei es durch gehobenen Anspruch oder Möglichkeiten an großen Unis. Vom Unterschied zu den vielen unterirdischen FHs gar nicht zu reden.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© UniSPIEGEL 3/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.