9/11-Nazi-Vergleich Uni feuert Skandal-Professor

Ward Churchill schockte die amerikanische Öffentlichkeit, als er Terroropfer des 11. September als "kleine Eichmanns" bezeichnete. Jetzt ist der Professor seinen Lehrstuhl los. Die Colorado-Universität entlässt ihn - allerdings mit einer fadenscheinigen Begründung.


Der Verwaltungsrat der Universität Colorado in Boulder hat beschlossen, den Ethnologie-Professor Ward L. Churchill zu feuern. Die Entscheidung war eindeutig: Acht Ratsmitglieder stimmten für Churchills Entlassung, einer dagegen.

Ethnologe Churchill: Zynische Thesen zum 11. September
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Ethnologe Churchill: Zynische Thesen zum 11. September

Eine über zwei Jahre andauernde, verworrene Geschichte voll abrupter Wendungen, trickreicher Winkelzüge und ausufernder Grundsatzdiskussionen nimmt damit ihr Ende. Churchill hatte in den USA hitzige Debatten entfacht: Kurz nach den Terrroranschlägen vom 11. September schrieb der Professor einen verworrenen Essay. Darin kritisierte er die "aggressive" Nahost-Politik der USA sowie die "Technokraten" aus Banken und Konzernen, die ein amoralisches System unterstützten.

Zudem verglich Churchill die Opfer in den New Yorker Zwillingstürmen mit dem SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann. Im Essay schrieb er wörtllich:

"If there was a better, more effective, or in fact any other way of visiting some penalty befitting their participation upon the little Eichmanns inhabiting the sterile sanctuary of the twin towers, I'd really be interested in hearing about it."

Der Skandal kochte allerdings erst Anfang 2005 richtig hoch - und hält die Hochschule seitdem in Atem. Zumindest offiziell wird Churchill jetzt aber aus anderen, viel profaneren Gründen vor die Tür gesetzt. Er habe, so die Auffassung der Universität Colorado, in einigen seiner wissenschaftlichen Publikationen teils Textpassagen aus anderen Quellen abgeschrieben, teils falsch zitiert und obendrein historische Fakten zugunsten seiner eigenen Argumentationslinie gebeugt.

"Geschichte selbst fabriziert"

Universitätspräsident Hank Brown sagte, Churchill habe den Rausschmiss verdient, da er Geschichte nicht nur falsifiziert, sondern auch "selbst fabriziert" habe. Um die Integrität der Universität zu wahren, sei dem Verwaltungsrat keine Wahl geblieben, als Churchill zu feuern. Patricia Hayes, Vorsitzende des Verwaltungsrats, stimmte Brown zu: "Wir wollten das Richtige für die Universität tun."

Bereits im Mai hatte Brown empfohlen, den umstrittenen Ethnologen, seit 1991 Professor in Boulder, vom Dienst zu suspendieren. Die Anschuldigung: Churchill habe die Effekte der föderalen Gesetzgebung auf Indianer falsch ausgelegt; nach seiner Darstellung habe die US-Armee 1837 mutwillig Pockenviren im Mandan-Indianerstamm verbreitet. Zudem habe er die Forschungsarbeit einer kanadischen Umweltorganisation als seine eigene ausgegeben.

Bereits Anfang 2005 zwang die Universität Churchill, als Dekan seiner Abteilung zurückzutreten. Im März gab die Uni-Präsidentin Elizabeth Hoffmann ihr Amt auf. Churchill wurde zwar weiter bezahlt, hielt aber seit dem Frühjahr 2006 keine Lehrveranstaltungen mehr, weil er von seinen Pflichten entbunden worden war.

Nun beteuert die Universität, mit dem abstrusen 9/11-Nazi-Vergleich habe die Entlassung nichts zu tun. "Wir haben Professor Churchills Recht auf freie Meinungsäußerung in unserer Diskussion nicht angegriffen", sagte Verwaltungsrat-Chefin Hayes.

Wissenschaftskritik vermutlich nur Vorwand

Die offizielle Begründung hinterlässt einen etwas windigen Eindruck. Laut "CBS-News" hatte die Universitätsleitung zunächst festgestellt, dass Churchill aufgrund seiner umstrittenen Aussagen nicht zur Rechenschaft gezogen werden könne, da diese unter das in den USA sehr weit gefasste Recht auf freie Meinungsäußerung fielen (siehe Hintergrundkasten).

Churchills Anwalt David Lane dagegen insistiert bereits seit Jahren, der Kommentar zum 11. September sei die treibende Kraft hinter der Untersuchung von Churchills Quellengenauigkeit - Lane hält die ganze Untersuchung für eine schlecht inszenierte Farce.

Der Problemprofessor selbst gibt sich kämpferisch: "Ich gehe nirgendwo hin", sagte Churchill laut "New York Times" auf der Pressekonferenz nach der Entscheidung. Die Vorwürfe, er habe die Integrität der Columbia-Universität bedroht, kommentierte er lakonisch: "Alles, was diese Entscheidung beweist, ist, dass sowohl dem akademischen Verfahren als auch der Universität selbst jegliche Integrität fehlen."

ssu



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