90 Tage, 90 Betten  Auf zwei Quadratmetern mit Miernik

Langsam hat Christine Neder, 25, sich an schräge Orte gewöhnt: Bei einem Lebenskünstler schläft sie im Bus, dann wieder in einer ehemaligen Drogerie. Im vierten Teil erzählt sie von neuen Höhepunkten ihrer Tour durch Berlin, wo sie sich Nacht für Nacht einen neuen Gastgeber sucht.

Christine Neder

Es stand ja eigentlich alles in seinem Profil. Dass er sein Geschirr nur mit Klopapier sauber macht, es kein fließendes Wasser gibt und man mit Isomatte auf dem Boden schläft. Doch diese Details habe ich irgendwie vergessen. Ich wusste nur das Wichtigste: Miernik lebt im Van.

Vor drei Wochen habe ich zum ersten Mail sein Profil gelesen und ihn angeschrieben. Leider musste er mir beim ersten Mal absagen, weil er mit seinem Van spontan zu einem Couchsurfingtreffen nach Polen gefahren ist. Miernik liebt die Freiheit, die Spontanität und möchte jeden Tag aufs Neue individuell gestalten. Deswegen lebt er im Bus, hat Essenvorräte für sechs Monate, ist flexibel und kann deshalb jeden Tag fahren wohin er will.

Wenn er dann mal in Berlin ist, nimmt er gerne Couchsurfer auf und ist bekannt für seine Pfannkuchen. Man sollte aber keine Klaustrophobie haben oder Berührungsängste, wenn man ihn besucht, denn man schläft, kocht und lebt auf zwei Quadratmeter - ein unvergessliches Erlebnis.

Pinkeln in den Plastikkanister

Als ich den ehemaligen Eiswagen betrat, hatte ich mir schon Ausreden überlegt, wie ich in Windeseile die Flucht ergreifen kann. Im Nachhinein bin ich froh, dass ich geblieben bin. Ich weiß, dass das zwar alles nicht mein Ding ist, dass ich mich nicht auf einen Plastikkanister zum Pinkel setzen kann, eine Heizung brauche und Wohnräume mit Fenstern bevorzuge, aber bei Miernik habe ich mich sehr wohl gefühlt. Er war aufmerksam, neugierig und voller Lebensfreude und Energie. Dafür haben sich die Strapazen gelohnt. Außerdem: Wer kann schon von sich behaupten, dass er um die Ecke vor dem Reichstag im Bus geschlafen hat?

Größer hätte der Unterschied von einer Nacht auf die andere gar nicht sein können. Den Tag zuvor war ich in Moabit und hatte ein eigenes Zimmer mit einem Bett so groß wie der Bus von Miernik. Gefolgt war ich einer Mail von Andi: "Wenn Du mal Lust auf eine Nacht in einem gemütlichen Gästebett hast, bei einem netten Homosexuellen mittleren Alters (*ahem*), dann sag einfach mal Bescheid. Ich gewähre Dir gerne Obdach. ;-)"

Dieses Obdach habe ich gerne angenommen. Neben dem hervorragenden Gästezimmer mit blütenweißer Bettwäsche und Betthupferl auf dem Kissen, gab es ein Gästebad, eine Marmorwanne, ein Ankleidezimmer und eine Wohnküche der Superlative. Eine freistehende Küche, ein übergroßes, leuchtendes "S" an der Wand und Marylin in XXL. Aber Andi hat noch weitere Qualitäten, außer seine bezaubernde Wohnung. Er kann die besten Kässpatzen der Welt machen.

Schweinebraten von Mutter und "Tatort" vor dem TV

Sonntags freue ich mich abends immer besonders auf meinen Gastgeber. Denn tagsüber sitze ich meistens nur in irgendwelchen Cafés rum, sehe Touristengruppen wie sie die Stadt entdecken, Familien beim Sonntagsspaziergang, Freundinnen beim Kaffeeklatsch, Pärchen beim Knutschen, und ich sitze allein herum, schlürfe meinen überteuerten Kettenkaffee und sehne mich nach ein wenig familiärer Wärme.

Diese Woche war es deshalb für mich auch besonders schön: Ich wurde von einer kleinen Familie aufgenommen. Max, der eigentlich in Aachen studiert, hat seine Mum in Berlin besucht und mich auch gleich noch eingeladen. Es gab ein richtiges Sonntagsessen, Schweinebraten mit Knödel, den "Tatort" vor dem Fernseher und ich habe mit Max Mum in der Küche Backrezepte ausgetauscht.

Danach ging es ziemlich aufregend in die neue Woche. Ein Filmteam wollte mich nicht nur den Abend begleiten, sondern selbst heraus finden, wie es sich anfühlt, ein Couchsurfer zu sein und hat gleich eine ganze Nacht mit mir gedreht. Mein Gastgeber Ricardo musste also nicht nur mich, sondern auch Kameramann, Tonfrau und Teamchef aufnehmen.

Heiße Platte und Blumen mit Namen

Zum Glück hat Ricardo schon beim Kochen für Unterhaltung der besondern Art gesorgt: Was passiert, wenn man einen Pfefferbehälter auf einer heißen Herdplatte stehen läßt? Bei reflexartigem Wegreißen bleibt der Boden an der Herdplatte kleben, der Pfeffer läuft auf die heiße Platte und sorgt mit seinem Dampf für Erstickungsgefahr. Später am Abend zeigte mir Ricardo noch sein Fruchtbarkeitsmännchen und erzählte mir von seinen Blumen, denen er allen Namen gegeben hat.

Seltsame Einladungen reizen mich auf meiner Reise durch Berlin immer mehr, und so bin ich auch zu Florian gefahren, der in einer ehemaligen Drogerie wohnt. Die Scheiben waren mit einer paraventähnlichen Konstruktion verdeckt, vor der ehemaligen Eingangstür stand der Fernseher und an der Wand hingen noch die original Drogerieregale. Aber das war nicht alles: nebenbei hat Florian sich noch ein privates Fotostudio in die Drogerie-Wohnung eingebaut - mit einer Dunkelkammer im Keller.

In der nächsten Woche erwarten mich eine Wohnung mit Kaminzimmer und Whirlpool sowie ein Apartment, in dem man sich wie ein echter Berliner fühlen soll. Jetzt fahre ich aber erst mal nach München, um meine Wäsche zu waschen.


Lesen Sie hier die ersten drei Teile von "Social Networks im Echttest":

Berliner Kosenamen machen irre - und traue niemals einem Facebook-Profil Öko-Wein trinken mit Hippie Jonny - während Vogel Hansi stirbt Die Tarotkarten von Martha - und was am 12.12.2012 passieren wird



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