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28. Oktober 2010, 10:53 Uhr

90 Tage, 90 Betten

Der Charme des Philosophen Tom

Sie war am Ende, ihre Aufnahmefähigkeit tendierte gen null - doch dann kam ein Philosoph namens Tom: Christine Neder, 25, tourt seit über 60 Tagen durch Berlin und wohnt jede Nacht bei jemand anderem. Tom beeindruckte mit seinen Talenten, Conrad mit seinem kunterbunten Lebenslauf.

Ich bekomme mittlerweile schon einige Mails am Tag von Lesern. Die von Marie habe ich mir besonders zu Herzen genommen.

"Hallo Christine,

ich bin über einen anderen Blog auf deinen aufmerksam geworden. Ist echt spannend. Aber ich denke, dass das auch super anstrengend sein muss. Ständig neue Leute und Eindrücke. Siehst du denn deine eigenen Freunde noch? Keine Freunde sehen, ist hart und bestimmt auch nicht so gut für die Psyche."

Natürlich habe ich keine Zeit, meine Freunde zu sehen und nein, es ist nicht gut für die Psyche, ständig bei fremden Menschen zu übernachten. Es ist zwar nicht der Fall, dass ich einsam bin, aber es ist schon etwas anderes, mit vertrauten Menschen zusammen zu sein.

Kerzen auf dem Tisch, lila Tapeten an der Wand - das muss ein Mädchen sein

Um meiner Psyche etwas Gutes zu tun, habe ich mir spontan ein Zugticket gekauft und habe für ein Wochenende meine derzeitige Kurzzeit-Affäre Berlin verlassen um meine alte Liebe München zu besuchen.

Wobei: Richtig ausgeruht habe ich mich nicht, das Projekt ging auch dort weiter. Ich nahm mir vor, zwölf Wohnungen in zwei Tagen kennenzulernen. Allerdings gehörten die nicht wie sonst mir fremden Menschen, sondern Freunden. Ich kenne viele Menschen sehr gut und lange, war aber noch nie bei ihnen zu Hause. Durch mein Projekt weiß ich jetzt aber: Man versteht Menschen mir ihren Eigenschaften viel besser, wenn man weiß, wie sie wohnen.

Tina zum Beispiel: Kerzen auf dem Tisch, Lebkuchenherzen mit der Aufschrift "Prinzessin", Tapeten mit lila Blumenmuster und einer beeindruckenden Stiefelkollektion in ihrer Wohnung. Ein echtes Mädchen mit Liebe zum Detail.

Sonntag auf Montag war wieder schlafen bei Fremden angesagt: Ich habe die Nacht im Zug verbracht, in einem ganz normalen Abteil. In solchen Situationen freue ich mich immer sehr, nur 1,65 Meter klein zu sein und mich längs zwischen zwei Sitze quetschen zu können.

Das Schnarchen der Mitinsassen empfand ich auch als sehr angenehm. Es hat mir das Gefühl genommen, die einzige Bekloppte zu sein, die nachts Zug fährt. Im Halbschlaf musste ich an einen früheren Gastgeber denken, der einen Nebenjob bei der Bahn hatte, den er von ganzem Herzen hasste. Er entwickelte langsam recht dunkle Phantasien. Ich habe gehofft, dass es nicht diese Nacht sein wird, in der er sie verwirklicht.

Drei sind einer zu viel - oder doch nicht?

Wenig erholt kam ich um 8 Uhr früh in Berlin an. Da wusste ich noch nicht, dass es die härteste Woche meines Projekts werden sollte. Nicht die Gastgeber waren schuld, sondern meine psychische Verfassung. Es war ein sehr schönes Wochenende in München, aber ich wünschte mir, nie dort hingefahren zu sein. Ich habe ein kleines Stückchen Normalität gelebt, mit Leuten, die ich kannte. Da fällt es schwer, wieder in meinen abnormalen Alltag zurückzukehren.

Vor meinem Projekt habe ich in meinem Blog eine kleine Umfrage gestartet, was meine Leser glauben, wie lange ich das durchhalte. Sophie hat geschrieben:

"Ich wette auf 60 Tage. Ein Monat ist zu wenig - drei zu viel. Obwohl - ich denke du schaffst das ganz."

Klar, ich schaffe das - aber am 60. Tag war mein größter Schwachpunkt. Ich konnte nichts mehr erzählen und habe ständig die gleichen Fragen an die Gastgeber gestellt: Seit wann wohnst du jetzt schon in Berlin? Was genau hast du noch mal studiert? Wie alt bist du, wenn ich noch einmal fragen darf? Ich war nicht mehr aufnahmefähig.

Doch Tom holte mich aus dem Loch. Am 61. Tag empfing er mich mit einem Gläschen Crémant de Loire. Er hat extra seinen Kachelofen angeschürt, weil er wusste, dass ich eine Frostbeule bin und ist zur Begrüßung die Treppen runtergelaufen, um meinen Koffer zu tragen. Ich war erstaunt, was er alles wusste über mich. Ein sehr aufmerksamer Leser, aber bei einem Philosophiestudenten ist es ja ein Muss, viel im Kopf behalten zu können. Neben seinem Studium ist er als Fotograf unterwegs.

Die zehn Leben von Conrad

Eine interessante Mischung: Das Tiefschürfende eines Philosophen gepaart mit der Beobachtungsgabe eines Fotografen. Eigentlich analysiere ich ja immer die anderen, aber heute war mir Tom mit seinen Fähigkeiten überlegen und hätte eine Allround-Durchleuchtung meines Wesens machen können. Hat er bestimmt auch heimlich getan - aber ich habe lieber nicht nach dem Ergebnis gefragt.

Ich finde, es sollte zum Ritual werden, dass ich einmal die Woche mit einer Wohnung belohnt werde, die einem Fünf-Sterne-Hotel gleicht. So wie die von Denis. Diesmal hatte ich kein Profil, das ich mir genau anschauen konnte, sondern eine Firmen-Website. Ich wusste also, dass ich zu einem Executive Director einer Strategieberatung in den arabischen Wachstumsmärkten gehe.

Bild und Lebenslauf gab es auf der Seite inklusive, so dass ich also bestens informiert war. Über die Wohnung erzählte er mir etwas von einem Whirlpool und Kaminzimmer. Ich dachte, das war eine witzige Floskel, um mich zu ködern, aber es existierte beides wirklich. Ich muss zugeben, ich habe mich in sein Badezimmer verliebt, mit goldenen Wasserhähnen und Mosaikbetäfelung. Als ich früh noch ein paar Stunden alleine in der Wohnung war, habe ich mich in das Badezimmer gesetzt. Da gab es eine Fußbodenheizung!

Letztes Wochenende habe ich Conrad und seine zehn Leben kennengelernt. Er lebte schon an den unterschiedlichsten Orten, von Wien über Mexiko bis New York und machte schon die unterschiedlichsten Sachen. Meistens war er als Art Direktor unterwegs, gründete zwischendurch zwei Modelabels, hat einmal vier Jahre ein Familienleben ausprobiert, bevor er angefangen hat, Kreativ-Projekte für Online-Plattformen zu entwickeln. Seit ein paar Wochen tuckert er mit einem kleinen fahrbaren Kiosk durch Berlin.

Tag 60, plus die darauffolgende Woche habe ich also gut überstanden, und jetzt kann mich nichts mehr aufhalten, die 90 Tage durchzuziehen. Und irgendwann habe ich dann auch wieder Zeit, meine alten und neuen Freunde zu treffen.


Lesen Sie hier die ersten vier Teile von "90 Tage, 90 Betten":

Öko-Wein trinken mit Hippie Jonny - während Vogel Hansi stirbt
Berliner Kosenamen machen irre - und traue niemals einem Facebook-Profil
Die Tarotkarten von Martha - und was am 12.12.2012 passieren wird Schlafen im Bus - und eine Nacht in einer ehemaligen Drogerie

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