90 Tage, 90 Betten Heinrich und seine gewisse Vorliebe

Seit gut 70 Tagen reist Christine Neder, 25, durch Berliner Betten und dachte, nichts kann sie mehr überraschen. Dann erlebte sie doch eine Woche voller Premieren: Sie übernachtete bei einer 83-jährigen Dame, traf eine Urlaubsbekanntschaft wieder und schlief bei Freunden von Fesselspielen.

Christine Neder

Ein großer, schlaksiger Mann mit längerem, grauen Krausehaar steht am Klavier. Ein bisschen sieht er aus wie ein verrückter Professor. Er hat diesen autoritären Blick, der einen bis zum Knochenmark durchbohrt, wenn man einen Fehler macht. Die Stunde beginnt. Erst lockern sie sich auf, dann singt sich der Chor warm. Völlig unverhofft trifft mich der paralysierende Blick. Ich habe doch gar nicht falsch gesungen. Ich sitze doch still und ruhig mit meinem Notizbuch in der Ecke und höre zu.

"Du schreibst aber nicht auf, was wir hier machen, oder?", fragt er so eindringlich, dass ich mich bemüßigt fühle, diese Frage unbedingt zu verneinen. Als hätte ich jemals aufgeschrieben, was ich erlebt habe. Niemals…

Krischi hat sich etwas Besonderes für meinen Besuch ausgedacht und mich mit zu seiner wöchentlichen Chorprobe genommen. Schon seit zehn Jahren übt er einmal pro Woche im Gospelchor der Kirche. Ich habe mir vorher auf Facebook ein paar Bilder und Videos von der Gruppe angeschaut. Doch live dabei zu sein, ist natürlich etwas ganz anderes, weil mich mein Gastgeber an seinem Leben teilnehmen lässt.

Eine Nacht beim jungen Olli Kahn

Berlin ist die Stadt der unglaublichsten Zufälle. Wenn man jemanden irgendwo auf dieser Welt wiedertrifft, dann hier! Vor ein paar Wochen war ich auf dem Berlin-Festival am Flughafen Tempelhof. Ein Gelände, auf dem Tausende von Menschen waren, und wer steht da plötzlich vor mir? Bella! Ich habe sie letzten Juli in Rumänien in einer Jugendherberge kennengelernt, jetzt laufen wir uns hier in Berlin über den Weg. Praktischerweise wohnt sie auch hier, und ich habe mich für eine Nacht bei ihr eingeladen, um zu quatschen und zu schauen, wie sie wohnt.

Mir ist aufgefallen, dass ich häufig bei Journalisten und Fotografen lande. Warum das so ist, weiß ich nicht. Bei Andreas hatte ich beide Gattungen im Doppelpack. Er ist angehender Journalist und seine Mitbewohnerin Fotografin. Wir sind ein bisschen durch Berlin gezogen und haben ziemlich viel philosophiert. Andreas sagte mir, er habe mich eingeladen, weil er neugierig war, wie ich bin. Er habe aber auch wissen wollen, wie ich ihn sehe.

Ich habe ihn als sehr direkten und ehrlichen Menschen erlebt. Daher habe ich ihm gesagt, was ich denke: Er wirke sehr zielstrebig. Und dass er einer prominenten Person ähnelt. Das fand er, glaube ich, nicht so gut. Aber er sieht wirklich aus wie der junge Oliver Kahn.

Sonntag ist bekanntlich mein "Depri-Tag". An diesem Tag vermisse ich vertraute Menschen besonders stark. Diese Woche habe ich vorgesorgt und die Einladung von Corinna angenommen. Eigentlich studiert sie in Mannheim, ist gerade aber ein paar Tage in Berlin, um für ihre Bachelorarbeit zu recherchieren und gleichzeitig einen Teil ihrer Familie zu besuchen. Sie kennt das Gefühl, aus dem Koffer zu leben. Ihre Verwandten wohnen nicht in ihrer Nähe, zudem lebte Corinna einige Jahre im Internat. Daher war sie sehr viel unterwegs.

Das Projekt hat mir gezeigt: Ich bin ein Familienmensch

"Wenn du Samstag vorbeikommen würdest, könntest du Sonntag sogar noch das gemütliche und lustige Frühstück mitnehmen, bei dem sich jede Woche die ganze Familie trifft", sagte Corinna.

Also klingelte ich Samstagabend um 19 Uhr. Vor mir stand eine ältere Dame. Sie hatte eine schwarze Wollhose an, einen Pulli und eine sportliche Weste. Ihr Kurzhaarschnitt und das weiße Haar betonten ihre strahlenden, großen Augen. Dahinter stand ein großes, hübsches Mädchen, Corinna, meine Gastgeberin. Sie wohnt in Berlin bei ihrer 83-jährigen Oma, einer quirligen, unternehmungslustigen Musiklehrerin, die mich herzlich aufgenommen hat. Am nächsten Morgen gingen wir zum Frühstücken zum Onkel um die Ecke. Es war sehr schön.

Die Familie ist eine sichere Konstante im Leben. Bei Mutti und Vati zu Hause ist einfach immer alles gleich: Um 12 Uhr wird Mittag gegessen, um 16 Uhr Kaffee getrunken, um 19 Uhr gibt es Abendbrot. Ich glaube, gerade weil ich momentan ohne Regelmäßigkeit lebe, vermisse ich das besonders stark. Das Projekt hat mir jedenfalls deutlich gezeigt: Ich bin ein absoluter Familienmensch.

Fesselspiele im Bett und zwei Frauen zur Freundin

Am Abend lernte ich eine zweite kleine Familie kennen: die Stammgäste des Pavlov's, einer recht unscheinbaren Eckkneipe in Kreuzberg, die Geburtstag feierte. Hier hat es Maler Matze innerhalb eines Jahres geschafft, einen sozialen Raum für die verschiedensten Kiezbewohner zu schaffen. Der Großstädter sucht eben seine Gemeinschaft, um der Anonymität der Stadt entgegenzuwirken. Das kann der Sportverein, der Gospelchor oder die Eckkneipe sein. Hier im Pavlov's ist Torstens Gemeinschaft, und ich freue mich mittendrin dabei zu sein.

Als ich bei Heinrich ankam und sein Schlafzimmer sah, war ich etwas nervös, das gebe ich zu. Er hat Fesseln über dem Bett und ein ledernes Andreaskreuz an der Schlafzimmerwand. Auch dass er mit zwei Frauen gleichzeitig zusammen ist, konnte ich erst nicht begreifen.

Ich wollte das Projekt auch machen, um meine Vorurteile gegenüber fremden Menschen abzubauen. Bei Heinrich traf ich Menschen mit einer gewissen Vorliebe, die ich, ohne sie kennenzulernen, einfach abgestempelt hätte. Als ich aber da war, habe ich gemerkt: Sie sind Menschen mit einem ganz normalen Leben. Nur stehen sie auf Fesselspiele und nicht auf Schokolade. Ich saß mit ihnen in der Küche, aß Rosmarin-Kartoffeln und trank Cocktails. Ich habe ihr freizügiges Leben respektiert und sie mein prüdes.

Man kann bei Fremden erst das Interessante erkennen, wenn man auf sie zugeht. Das klingt so einfach, ist es aber nicht. Und leider wird es viel zu selten umgesetzt.



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