Abgeschrieben und erwischt Der Plagiator

Was tut ein Forscher, der entdeckt, dass eine fremde Arbeit Wort für Wort aus der eigenen Dissertation abgeschrieben ist? Der Salzburger Wissenschaftler Stefan Weber lässt nicht locker, bis ein Doktor nicht länger Doktor ist - ein Plagiats-Drama in drei Akten.
Von Kerstin Humberg


Der Plagiator. Ein Campus-Drama.

Es treten auf:

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Der Plagiator: Die Hauptdarsteller des Dramas

Foto: Kerstin Humberg

  • Peter Stein*, 33 - der Plagiator
  • Stefan Weber, 35 - der Plagiierte
  • Debora Weber-Wulff, 48 - die Expertin
  • Andreas Holzem, 44 - der Dekan

Erster Akt - die Entdeckung

Salzburg im April 2005. Zwei Wochen lang hat der Medienwissenschaftler Stefan Weber auf diesen Tag gewartet. Endlich liegt das bestellte Buch in seinem Postkasten. Auf dem Weg zu einem Termin klemmt sich der 35-Jährige die Versandtasche unter den Arm und eilt in die Tiefgarage. Kaum sitzt er im Auto, reißt er das Buch aus seiner Verpackung. Was ist dran an dem Verdacht, den er seit Anfang April hegt? Wenige Sekunden später ist der Schock perfekt: "Ich dachte, ich spinne. Ich habe mir das Inhaltsverzeichnis angeschaut und gedacht: Um Gottes willen, das ist ja alles von mir!"

Weber ist entsetzt. Ein Doktorand der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen, der Berufsschullehrer Peter Stein*, hat aus seiner Promotion abgeschrieben, sich ohne Nennung der Quelle an seinem geistigen Eigentum vergriffen. Rund 100 Seiten der medienwissenschaftlichen Promotion stammen aus Webers Arbeit von 1996. Die Motive des falschen Doktors bleiben Weber schleierhaft. Eines aber steht fest: Er will, dass Peter Stein seinen Doktortitel verliert.

Angefangen hat alles mit einer vermeintlich harmlosen Einladung. Am 5. April 2005 findet Weber in seiner Mailbox die Anfrage eines Beamten des Landes Baden-Württemberg, ob er im Rahmen einer Lehrerfortbildung ein Referat über Medientheorie halten wolle. Nichts Ungewöhnliches für Stefan Weber - seine Salzburger Dissertation mit dem Titel Die Dualisierung des Erkennens, ein für Laien schwer zugängliches Werk, in dem er Elemente aus Konstruktivismus und Systemtheorie verarbeitet, ist auch über sein Fach hinaus bekannt geworden, Geisteswissenschaftler aller Fächer bedienen sich seines "beobachterzentrierten" Ansatzes. Stutzig macht Weber der letzte Absatz der E-Mail.

In seiner Freizeit beschäftige er sich gern mit geisteswissenschaftlichen Themen, schreibt ihm der Berufsschullehrer Peter Stein. So habe er im Jahr zuvor eine "philosophisch-theologische Abhandlung" in einer kleinen Auflage drucken lassen. Auf der Suche nach geeigneten Referenten für seine Lehrerfortbildungen habe er nun in diesem Buch nachgeschlagen und bemerkt, "dass sich wohl in der Hektik der Redaktion ein Fehler eingeschlichen hat". Dummerweise sei "versehentlich" ein Abschnitt gelöscht worden, sodass Webers Promotion nicht angemessen erwähnt worden sei. Weiter schreibt Peter Stein: "Obwohl mir obiger Lapsus fast peinlich ist, halte ich es für eine Frage des guten Stils, Sie hierüber zu informieren. Derzeit arbeite ich an einer überarbeiteten und erweiterten Version meines Werkes. Sobald diese fertig ist, würde es mich auf jeden Fall freuen, Ihnen ein Exemplar zukommen lassen zu dürfen."

Sollte Weber sich geschmeichelt fühlen? Als freischaffender Medienwissenschaftler, der gerade an der Schlusskorrektur seiner Habilitationsschrift feilt, kann er jede Namensnennung für die Steigerung seiner wissenschaftlichen Reputation gut gebrauchen. Oder plagt da jemanden das schlechte Gewissen? Weber spürt: Irgendwas ist da faul. Noch am gleichen Tag bestellt er das Werk des anderen in einer Buchhandlung.

"Der ist unser bestes Pferd im Stall"

Nach der Offenbarung in der Tiefgarage greift Weber zum Telefon und wählt die Nummer der Professorin für Medieninformatik, Debora Weber-Wulff von der Berliner Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW). Die 48-Jährige ist bei ihrer Lehrtätigkeit wiederholt über plagiierte Studienarbeiten gestolpert und hat nun dem grassierenden Plagiarismus den Kampf angesagt.

Stefan Webers Fall kommt ihr wie gerufen, er ist für sie eine Art Systemtest: Was hat die deutsche Wissenschaft aus früheren Skandalen gelernt? Wie funktioniert die Selbstkontrolle, die nach den großen Betrugsskandalen der vergangenen Jahre institutionalisiert worden ist? Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) erließ Richtlinien zur "Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis". Seither ist jede Universität verpflichtet, lokale Vertrauensleute als Ansprechpartner für zukünftige Verdachtsmomente einzusetzen. Im vergangenen Jahr gab es insgesamt 36 Anrufungen beim nationalen Ombudsmann, in 18 Fällen ging es um Autorschaftsstreitigkeiten und Plagiate.

Dem Salzburger Medienwissenschaftler empfiehlt die Plagiatsexpertin, sich direkt an den Ombudsmann der Universität Tübingen zu wenden. Stefan Weber ist skeptisch. Der für Geisteswissenschaften zuständige Ombudsmann ist Theologe und selbst an der betroffenen Fakultät tätig. Weber handelt auf eigene Faust, telefoniert mit einer Sekretärin der Fakultät, um den Namen des Promotionsbetreuers herauszufinden. "Als ich sagte, es geht um einen Plagiatsvorwurf, meinte die Sekretärin: Beim Herrn Stein? Das glaube ich nicht. Der Herr Stein ist unser bestes Pferd im Stall!"

Am 27. April informiert Weber den Rektor der Universität Tübingen über den Fall - mit deutlichen Worten: "Die im Februar 2004 an der Katholisch-Theologischen Fakultät angenommene Dissertation Beobachterzentrierung und Negative Theologie von Peter Stein ist zu mehr als der Hälfte des Gesamttextes nahezu wortidentisch mit meinem Buch Die Dualisierung des Erkennens." Der Plagiator hat an Webers Formulierungen herumgefeilt, teilweise ein wenig anders zitiert, hier und da gekürzt. Aber reicht diese Leistung schon aus, um an der Universität Tübingen zu promovieren?

(* Name geändert)

Zweiter Akt - der Prozess: "Das Plagiat ist schon beim ersten Daumenkino zu erkennen"

Zweiter Akt - der Prozess

Wie bei jeder regulären Sitzung des Promotionsausschusses der Katholisch-Theologischen Fakultät sind am frühen Abend des 3. Juni knapp 20 Professoren und Privatdozenten im Sitzungssaal des Theologicums der Universität Tübingen versammelt. Dekan Andreas Holzem ergreift das Wort. Der Fakultätsvorstand ist bereits informiert, aber die anderen Kollegen ahnen noch nichts von dem Plagiatsfall. Die Mitglieder des Promotionsausschusses reagieren bestürzt, als Holzem ein Kapitel aus Webers Dissertation als Beweis in die Höhe hält. Holzem selbst hat alle Stellen farbig markiert, die von Stein übernommen worden sind. Entsprechend bunt sind die Seiten in seiner Hand. Von den Theologiestudenten kennen und erwarten die Professoren eigentlich höhere ethische Standards. Einer zitiert spontan die Bibel: "Wozu brauchen wir noch Zeugen?"

Original und Kopie

Für die Theologen besteht kein Zweifel: Die Promotion von Peter Stein ist ein Plagiat. "Das ist schon beim ersten Daumenkino zu erkennen", bestätigt Dekan Holzem. Trotzdem hat eine Mitarbeiterin seines Dekanats beide Arbeiten Seite für Seite verglichen: Exakt 86 Prozent der ersten 100 Seiten stammen nicht aus der Feder von Peter Stein. Selbst personalisierte Ich-Aussagen hat der Tübinger übernommen, ohne jeden Verweis. Webers Name taucht lediglich im Literaturverzeichnis auf. "Externe Gutachten waren danach nicht mehr nötig", sagt Andreas Holzem.

Vor diesem Hintergrund wirkt die offizielle Stellungnahme von Peter Stein wie der blanke Hohn. Seine Dissertation sei von Anfang an so aufgebaut gewesen, dass "Webers Position der Beobachterzentrierung mit klassischen Aussagen der Theologie verglichen werden sollte", rechtfertigt sich der Plagiator. Diese methodische Vorgehensweise habe er nicht nur in der Einleitung detailliert beschrieben, sondern auch bei verschiedenen Lehrerfortbildungen vorgestellt. Alle seien begeistert gewesen. Seine Arbeit werde sicher eine Lücke in der theologischen Forschung füllen.

Dass der von ihm beschworene Absatz in der Einleitung seiner Promotion fehlt, kann er nicht nachvollziehen. Wie von Geisterhand müssten die alles entscheidenden Zeilen bei der Generalüberarbeitung zwei Monate vor Abgabe verschwunden sein. Natürlich sei das ein Fehler, verteidigt sich Peter Stein. Aber genau deshalb habe er sich ja bei Weber gemeldet.

Der Plagiator will seinen Titel behalten

Verschwundener Absatz hin oder her - wissenschaftlich korrekt hätte Peter Stein bei jeder übernommenen Textstelle auf Weber verweisen müssen. "So oft, dass das Kernkriterium einer wissenschaftlichen Promotion, der Nachweis eigenständiger wissenschaftlicher Arbeit, von vornherein nicht erfüllt gewesen wäre", sagt Dekan Holzem. Auch deshalb gehen die Mitglieder des Promotionsausschusses von Vorsatz aus.

"Sogar die Ich-Aussagen eines anderen zu übernehmen - das halte ich für so absurd und krass, da gibt es wenig zu deuteln", entfährt es Michael Eckert, dem ehemaligen Promotionsbetreuer des überführten Plagiators. Warum sein Schützling bei Weber abgeschrieben habe, könne er beim besten Willen nicht nachvollziehen. Schließlich sei Stein nicht irgendwer. "Ich kannte ihn ja. Alle Kollegen kennen ihn. Ein ausgezeichneter Mann." Einer, der es gar nicht nötig gehabt hätte abzuschreiben. "Aber dass er kein Bewusstsein für sein Fehlverhalten zeigt - das setzt dem Ganzen die Krone auf." In der nächsten regulären Sitzung am 15. Juli beschließt der Promotionsausschuss, Peter Stein den Doktorgrad zu entziehen. Keiner der Professoren stimmt dagegen, niemand enthält sich. Nichts anderes hat Dekan Holzem erwartet. "Unsere Fakultät betrachtet das Plagiat als eines der schwerwiegendsten Vergehen gegen die wissenschaftliche Redlichkeit und als völlig inakzeptabel."

Als Stein vier Tage später den Aberkennungsbescheid in der Hand hält, fällt er aus allen Wolken. Am 15. August legt er formalen Widerspruch ein - zur Fristwahrung und Akteneinsicht. Er will seinen Titel behalten.

Dritter und letzter Akt - die Vergeltung: "Der Plagiats-Stempel bleibt ein Leben lang"

Dritter Akt - die Vergeltung

Am 16. August meldet die österreichische Nachrichtenagentur APA den Plagiatsfall. "Deutscher schrieb Doktorarbeit eines Salzburgers ab" titeln die Salzburger Nachrichten.

Einen Tag später klingelt Webers Telefon. RTL-Explosiv wünscht sich eine direkte Konfrontation der beiden Akademiker. Am nächsten Vormittag steht Weber vor dem Haus des Plagiators, das RTL-Team ist im Gebüsch versteckt. Eine halbe Stunde lang soll er unter vier Augen mit Peter Stein diskutieren, anschließend vor die Tür treten und ein Interview geben. Doch noch während die Wissenschaftler im Haus debattieren, klingelt es. Peter Stein öffnet die Tür und weicht zurück. Ein Überraschungsangriff des Filmteams, der ihn wohl aus der Reserve locken soll. Der Berufsschullehrer reagiert erstaunlich besonnen. Bei der Sichtung des Materials heißt es später: "Zu wenig Aggression!" Der Beitrag wird nie gesendet.

Vier Tage später kommentiert die Stuttgarter Ausgabe von "Bild": "Zu hoch gestapelt, Dr. Lässig!" Davon erfährt der Plagiator erst durch "ZeitWissen". "Was? Ich stand in der 'Bild'-Zeitung?", fragt er ungläubig und grinst. Über den "Dr. Lässig" könne er ja noch schmunzeln. Aber der Tag mit RTL sei ein schwarzer Tag für ihn gewesen.

Stein tritt den Rückzug an. "Der Doktortitel verschafft mir beruflich keinerlei Vorteile. Somit habe ich auch keine Nachteile, wenn ich ihn nicht mehr führe", sagt er. Am 2. September zieht er seinen Widerspruch zurück. Damit wird die Entscheidung der Fakultät rechtskräftig.

Gesteht er damit seinen Betrug? Von wegen, entrüstet er sich. "Ich war mir doch keiner Schuld bewusst. Wenn ich einen Täuschungsversuch hätte starten wollen, hätte ich Weber niemals die E-Mail geschrieben!" Die Auffassung seiner Fakultät, dass seine Arbeit auch mit einmaliger Nennung Webers ein Plagiat wäre, teilt er ganz und gar nicht. Seiner Ansicht nach wäre ein "wissenschaftlicher Disput über die Korrektheit meiner methodischen Vorgehensweise" vonnöten. Aber dafür sei es ja nun zu spät.

Ein langer Rachefeldzug

Insgeheim hofft er auf eine zweite Chance und feilt im Geiste schon am Konzept der nächsten Doktorarbeit. Rein rechtlich kann die Universität Tübingen ihm den zweiten Anlauf nicht einmal verweigern.

Für Stefan Weber dagegen ist der Rachefeldzug noch nicht zu Ende. Schon am Tag der Aberkennung der Doktorwürde hat der Salzburger nicht nur den Buchverlag des Plagiators informiert, sondern auch dessen Arbeitgeber. "Der Universität Tübingen war das nicht möglich - Datenschutz", sagt Weber. Auch andere theologische Fakultäten darf das Dekanat nur dann informieren, wenn es dadurch "erheblichen Schaden von der Öffentlichkeit" abwenden kann.

Die Schummel-Expertin Debora Weber-Wulff ist trotz allem zufrieden. "Früher haben sich solche Prozesse über viele Jahre hingezogen. Oft ohne Ergebnis", erzählt Weber-Wulff. Nun beobachtet sie gespannt, wie es weitergeht: Der aberkannte Doktorgrad muss von der Visitenkarte, vom Türschild und aus dem Ausweis verschwinden, sonst greift Paragraf 132a des Strafgesetzbuchs, der den Missbrauch von Titeln, Berufsbezeichnungen und Abzeichen unter Strafe stellt.

Auch die Kennzeichnung der gefälschten Doktorarbeit in der Bibliothek ist laut Weber-Wulff Pflicht. Der Plagiats-Stempel ist in ihren Augen eine besonders schöne Strafe. "Der bleibt ein Leben lang." Außerdem findet sie, dass Plagiatoren der Weg zu jeder weiteren Promotion versperrt bleiben sollte. "Zur Promotion gehört immer zweierlei: die wissenschaftliche Redlichkeit und der moralische Grundtenor."

Und Stefan Weber? Den hat der Ausgang der Geschichte offenbar noch immer nicht befriedigt. Alle paar Tage fahndet er im Internet nach Seiten, die Peter Stein mit Doktortitel listen. Einen Treffer fand er Ende August besonders reizend: Am 24. November sollte es eine Lehrerfortbildung mit "Studienrat Dr. Peter Stein" in Tübingen geben (inzwischen hat ein anderer Dozent die Leitung übernommen). Titel der Veranstaltung: "Was ist denn jetzt wahr?"