Wegen Hassbotschaften Abiturient lässt Namen aus Artikel streichen

Ein junger Mann hat die Zeitung "Rheinische Post" gebeten, seinen Namen aus einem alten Artikel zu löschen. Der Grund: Er wird seit Jahren rassistisch beleidigt. In sozialen Netzwerken sorgt der Fall für Bestürzung.

Abi-Prüfung geschafft - und dann rassistisch beleidigt
Yuri Arcurs/ Getty Images

Abi-Prüfung geschafft - und dann rassistisch beleidigt


Seit zwei Jahren werde er rassistisch beleidigt und bedroht, ob die "Rheinische Post" deshalb bitte seinen Namen von der Abiturientenliste im Internet löschen könnte? Mit dieser Bitte hat ein junger Mann, der anonym bleiben will, für Aufregung in sozialen Medien gesorgt. Viele Menschen zeigten sich bestürzt.

Rainer Leurs, Onlinechef der "Rheinischen Post", hatte den ungewöhnlichen Vorgang über Twitter publik gemacht. "Dass sich jemand an uns wendet und seinen Namen aus einem Artikel entfernen lassen möchte, ist bei uns Alltag", sagte er dem SPIEGEL, "aber die Begründung hat mich stutzig gemacht."

"Dadurch, dass mein Name auf Ihrer Website erschienen ist, bekomme ich ständig Hassbotschaften und persönlich angreifende Nachrichten von Rechtsradikalen wie Pegida und AfD", schrieb demnach der 23-Jährige an die Zeitung, die am Donnerstag ausführlich über den Fall berichtete.

Der junge Mann habe mit vielen anderen Schülerinnen und Schülern, die so wie er einen Migrationshintergrund haben, an einer Gesamtschule im Ruhrgebiet im Jahr 2016 Abitur gemacht, so Leurs. Das sei an der Namensliste, die von der Zeitung in einem Glückwunschartikel veröffentlicht worden war, auch zu erkennen gewesen.

"Öffentliche Angriffe bis heute abrufbar"

Ein Jahr nach Schulabschluss habe ein Pegida-Ortsverband aus Bayern die Liste auf Facebook gepostet, versehen mit dem Hashtag "Genug ist_Genug" und dem ironisch gemeinten Kommentar "Immer mehr Deutsche machen Abitur". So habe es der junge Mann erklärt, sagte Leurs, und das sei anhand von mitgeschickten Links auch nachvollziehbar gewesen.

Diese Namensliste sei für viele rechte Kommentatoren offenbar Anlass gewesen, sich äußerst ironisch, sarkastisch und abfällig zu äußern: "Koranschule", "Islamisierung findet nicht statt" und "Und wo sind da die Deutschen?". "Diese öffentlichen Angriffe und die Beschimpfungen sind da bis heute abrufbar", sagte Leurs.

Der junge Mann habe auch persönlich beleidigende Nachrichten über Facebook erhalten. Den Inhalt fasst der 23-Jährige der Zeitung zufolge so zusammen: "Ausländer sind hier nicht erwünscht und wenn sie schon hier sind, sollen sie arbeiten und nicht studieren." Der Ex-Abiturient sei schockiert darüber gewesen.

"Aus der Schusslinie genommen"

Der junge Mann baue gerade ein Unternehmen auf und wolle nicht, dass beim Googeln seines Namens zuerst ein rassistisches Facebook-Posting auftauche, sagte Leurs. Er erfüllte den Wunsch. Am Mittwochabend hatte der Onlinechef schon bei Twitter mitgeteilt: "Wir haben den Namen des jungen Mannes jetzt aus dem Beitrag getilgt, um ihn aus der Schusslinie zu nehmen. Es ist so bitter, dass das heute in Deutschland nötig ist."

Zu den Vorfällen wollte sich der Mann nicht weiter äußern. In einer E-Mail, die dem SPIEGEL vorliegt, teilte er allerdings mit, dass Facebook seine Anfrage ignoriert habe, den Post zu löschen. Er sehe vor allem Politiker in der Verantwortung, bei rassistischen Vorfällen einzugreifen: "Je mehr Spielraum die Rassisten bekommen, desto größer und unmenschlicher werden sie," so der 23-Jährige.

Tausende Menschen gaben dem Tweet von Leurs bis Donnerstag ein "Like". Auch viele Politiker und Prominente äußerten sich zu dem Fall. Die Moderatorin Dunja Hayali schrieb: "Ist man erfolgreich, ist es nicht richtig. Ist man nicht erfolgreich, ist es auch nicht richtig."

Der nordrhein-westfälische SPD-Fraktionschef Thomas Kutschaty twitterte: "Wer den Abschluss in der Tasche hat, ist zurecht stolz und hat Respekt verdient - keinen Neid und schon gar keinen rechten Hass."

fok/lmd

Mehr zum Thema


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.