Abschied vom geliebten Land "Warum bist du bloß so deutsch?"

Einfach ist hier gar nichts. Markus Flohr reist durch Israel, lernt Demo-Rituale pro Palästina kennen und auch orientalisches Feilschen, trennt sich von seiner Freundin und auch vom Land. Leben in Israel: Das fühlt sich an wie mit einem Rucksack voller Wackersteine.

Markus Flohr

Dienstag, 21. Juli

Liat und ich, das ist nicht mehr, wir haben uns getrennt. Es ist schon kompliziert, in Israel irgendwie klarzukommen. Aber noch komplizierter ist es, in Israel einen Menschen zu lieben.

Ich habe meinem Kumpel Adam erzählt, wie das ist, von dem Rucksack, den du mit dir herumträgst, der sich anfühlt, als sei er mit Wackersteinen gefüllt. Einer für die Religion. Einer für den Holocaust. Einer für den Krieg in Gaza. Einer für die Sprache. Einer für die Hitze.

Adam hat gesagt: "Weißt du was, Markus? Ein Israeli zu sein bedeutet, mit diesem Rucksack zur Welt zu kommen. Du merkst gerade, wie es ist, wenn ein Teil von dir israelisch wird."

Mittwoch, 22. Juli

Nidal geht nach Deutschland, darum gibt er eine Party. Nidal ist Palästinenser und kommt eigentlich aus Gaza-Stadt, aber da lebt er nicht mehr, seitdem er bei einer Schießerei ein Bein verloren hat. Jetzt hat er eine Prothese und sitzt im Rollstuhl. Er hat in Gaza Medienproduktion studiert und für eine internationale Nachrichtenagentur gearbeitet. Jeder Zweite auf der Party in Jerusalem ist ein "International", arbeitet also für eine Botschaft, eine internationale Organisation oder die Uno, ist Journalist oder Freiwilliger.

Mit Iris trinke ich ein Bier. Ich frage sie, wo sie herkommt. "Palästina", sagt sie. Wo genau, will ich wissen. "Auf der Mitte zwischen Tel Aviv und Haifa." "Äh, auf der Mitte ..." Den Rest des Satzes bringe ich nicht mehr heraus. Ich frage Iris, ob der Ort, aus dem sie kommt, nicht in Israel liege. Sie sagt, dass "dieses Israel" für sie nicht existiere.

Als ich etwas sagen will, rast Nidal in seinem Rollstuhl auf mich zu. "Weg da!", schreit er, kurz vor der Tanzfläche zieht er die Bremse, springt mit einem Satz in die Mitte. Auf "Thriller" von Michael Jackson muss man einfach tanzen, fast einen Monat nachdem der King of Pop gestorben ist. Ich folge Nidal, und Iris erzählt nun einem anderen Partygast, dass sie nicht aus Israel kommt.

Dienstag, 28. Juli

Liat ruft an. "Wollen wir uns sehen?"
"Aber ... wir ..."
"... sind doch kein Paar mehr? Haben wir einen Vertrag unterschrieben?"
"Nein. Aber ich kann das nicht. Das macht nichts einfacher."
"Es war nie einfach."
"Ich kann trotzdem nicht."
"Warum bist du bloß so deutsch?"

Freitag, 31. Juli

"Wenn das Tränengas kommt, Plastiktüten über den Kopf", sagt Abdullah. Er ist Ende dreißig, groß wie ein Baum und kommt aus dem Dorf Bilin, das direkt an der Westbank-Mauer liegt. Er redet mit etwa dreißig jungen Menschen aus Europa. Sie haben Palästinensertücher um den Hals gewickelt und tragen T-Shirts mit Sprüchen gegen Israel. Heute gehen sie demonstrieren, für die "Freiheit Palästinas". Seit über vier Jahren marschieren die Männer von Bilin jeden Freitag nach dem Mittagsgebet zur Mauer, die hier ein Grenzzaun mit Stacheldraht ist. Auf der anderen Seite wächst die jüdische Siedlung Modiin Iliit, sie hat mehr als 30.000 Einwohner. In Bilin wohnen knapp 2000 Menschen.

Unter europäischen Linken ist das Dorf eine Legende. Auf Internetseiten wird der Mythos gepflegt, von fast jeder Demo gibt es ein Video auf YouTube. Ich bin mit Samuel und Lars hier, zwei deutschen Freunden, die in Israel ihren Zivildienst leisten. Wir wollen uns ansehen, was junge Europäer dazu treibt, am Freitag ins Westjordanland zu pilgern.

Der Protest ist längst Ritual: Etwa 200 Menschen mit Fahnen und Schildern skandieren Parolen gegen Israel und laufen die Dorfstraße hinunter, übers Feld, bis zum Zaun. Dann reißen die Demonstranten einen Teil des Zauns nieder, auf Hebräisch teilt eine Lautsprecherstimme alle fünf Sekunden mit, dass diese Demonstration illegal sei. Dann kommen Soldaten durch den Zaun und drängen alle zurück. Dann schießt die Armee mit Tränengas. Die Demonstranten rennen zurück Richtung Dorf.

Auch heute läuft es wieder so. Etwa 100 der 150 Demonstranten sind Europäer, dazu sechs linke Israelis, der Rest kommt aus dem Dorf. Alle rufen "Israel fascist state!" und "Palestine shall be free - from the mountains to the sea!". Immer wieder sind hier Demonstranten ums Leben gekommen. Erst im April wurde der 31-jährige Bassem Abu Rahma von einer Tränengasgranate am Hals getroffen und starb später im Krankenhaus. Für die Menschen in Bilin ist er ein Held.

Es ist so hoffnungslos hier - das macht mich traurig. Die Europäer interviewen sich gegenseitig mit ihren mitgebrachten Videokameras. Für sie scheint das hier so eine Art antiimperialistisches Disneyland zu sein. Robert aus Schweden steht neben Melanie aus Österreich: "Und? Was machen wir heute Abend?" "Wir gehen tanzen in Tel Aviv, oder?"

© UniSPIEGEL 5/2009
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