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03. Februar 2008, 12:43 Uhr

Abschied von StudiVZ und Xing

Mein digitaler Selbstmord

Es wird gegruschelt, genetzwerkt, gelästert - Facebook, Xing und StudiVZ gehören zum Studentenleben. Doch was passiert, wenn man aussteigt? Hat man dann keine Freunde mehr? Frauke Lüpke-Narberhaus will es wissen: Sie hat ihr digitales Leben beendet.

Drei Jahre habe ich mich in den Netzen von StudiVZ, Facebook und Xing verstrickt. Ich gehörte zwar nicht zu jenen Nackedeis, die sich online komplett entblößen und ihre Privatsphäre ins Internet stellen. Und trotzdem: Ich habe gratuliert, geschrieben, gegruschelt, genetzwerkt, gemustert, gelästert, gelacht. Das ist ab heute vorbei. Ich steige aus.

Nicht mehr bei Xing zu finden: Web-2.0-Aussteigerin Frauke Lüpke-Narberhaus
Malte Florian Klein

Nicht mehr bei Xing zu finden: Web-2.0-Aussteigerin Frauke Lüpke-Narberhaus

Ein letztes Mal surfe ich im StudiVZ. Hangle mich von Freund zu Freundin, klicke mich durch Pinnwandeinträge, Nachrichten, Fotos. Und ein bisschen sentimental werde ich nun doch. An langweiligen Abenden, an denen ich mutterseelenallein vor dem Laptop saß, waren StudiVZ, Facebook und Xing das Fenster zur Welt.

Ich bekomme Muffensausen: Doch nicht abmelden? Bricht mein soziales Netzwerk zusammen - oder ist ihm mein Austritt völlig Schnuppe?

Meine Ausbeute nach knapp drei Jahren interaktiver Netzwerkpflege:

Xing: Mitglied seit 03/2005, 5163 Seitenaufrufe, 125 Kontakte, 52 Nachrichten im Posteingang, 39 Nachrichten im Postausgang, 8 Gästebucheinträge, ein paar Praktikumsangebote, eine Handvoll Avancen männlicher Mitglieder.

StudiVZ: Mitglied seit 05/2006, 193 Freunde, 454 Nachrichten im Posteingang, 452 Nachrichten im Postausgang, 232 Pinnwandeinträge, unzählige verplemperte Stunden.

Facebook: Mitglied seit 05/2007, 76 Freunde, 19 Nachrichten im Posteingang, 14 Nachrichten im Postausgang, 25 Pinnwandeinträge, der Kontakt zur Erasmus-Gemeinde.

Ich wandere mit meiner Maus zum "Account" und dann wird gelöscht. Jetzt bloß nicht zweifeln, weitermachen! Wenn schon digitaler Selbstmord, dann richtig. Bei Facebook ist es nicht so einfach - erst werde ich gefragt, warum ich austrete. Und dann wird mein Account auch nicht gelöscht, sondern nur deaktiviert. Die Fragerei ist aber noch harmlos gegen Xing: Die haben Austritte anscheinend gar nicht im Programm. Ich kann mich ausloggen, aber nicht löschen. Überall Texte, Banner, Klimbim - aber kein Ausgang. Erst über den Hilfe-Assistenten schaffe ich es, ich bin raus. Das Web 2.0 läuft nun ohne mich.

Ich sitze vor dem Laptop. Auf der Tastatur liegt ein Wust an Zetteln, ich versuche mich auf die Uni zu konzentrieren. Immer wieder checke ich meine Mails, das Handy. Nichts. Vier Stunden nach meinem Austritt die erste Reaktion. Meine beste Freundin, die treue Seele, ist entsetzt: "Du bist nicht mehr im StudiVZ??? Wie kann ich dich finden - anonym oder wirklich finito?" Ihre Entrüstung schmeichelt meinem Ego: Ich werde vermisst!

"Was ist passiert??" werde ich an Tag zwei gefragt

Am nächsten Tag kein Post-Web-2.0-Blues, sondern stolze Überlegenheit. Ich erinnere mich an die Startseite vom StudiVZ. "Vergiss keine Geburtstage mehr, automatische Geburtstagserinnerung!", heißt es dort. Heute hat ein Freund Geburtstag, und es ist nicht mal mein bester, und ich habe den Tag trotzdem im Kopf behalten.

Am Abend die zweite Reaktion. Eine E-Mail: "Was ist passiert? War Dir das mit den neuen AGB doch etwas zu heikel oder hast Du es einfach noch nicht geschafft, die neuen Richtlinien zu bestätigen? Wie auch immer ... Gut, dass ich noch Deine E-Mail Adresse habe ..."

Recht hat er. Ich klappe den Bildschirm runter und ein bisschen komisch ist es jetzt doch. Etwas verloren sitze ich mit einer Zeitung auf dem Sofa. Ich fühle mich außen vor. Als würde in der Nachbarwohnung eine Riesenparty steigen und ich bin nicht eingeladen.

Erste besorgte Anrufe am Tag drei

Am Morgen des dritten Tages vibriert mich mein Handy aus dem Schlaf. "Frauke, kann es sein, dass du nicht mehr im StudiVZ bist?", fragt Anna, um sich dann auf diesem - fast schon altmodischen Weg - mit mir zu verabreden. Und es surrt weiter.

Meine beste Freundin springt auf: "Frauke, ich bin gerade dabei, meinen Account zu löschen. Ich habe mir überlegt: Ich muss ja jetzt meine Diplomarbeit schreiben und ich bin doch alle zehn Minuten im StudiVZ - so wird das doch nichts ..."

Später ruft Sabine an. Sie ist immun gegen den Web-2.0-Virus, hat noch nie ein digitales Leben geführt und weiß trotzdem immer Bescheid: "Du ich hab gehört, du bist draußen und ich muss dich jetzt mal fragen warum ..."

In der allergrößten Not - am Tag vier - hilft der Account des Bruders

Am vierten Abend sitzen Sabine und Ramona bei mir auf dem Sofa. Ramona verkündet: "Ich habe übrigens ein super cooles neues Profilbild." Sie lacht und nimmt sich damit selbst nicht ganz ernst. Es ist ja nun mal so, dass jeder von sich ein super cooles Foto reinstellt, damit andere es auch super cool finden. Super cooles StudiVZ-Posing

Ramona erhebt den Zeigefinger in meine Richtung: "Dir soll ich übrigens von der Simone sagen, dass sie schwer enttäuscht ist von dir. Du bist ja gar nicht mehr im StudiVZ ..." Kürzlich erst habe ich mich nämlich noch aufgeregt über den neuen Inkognitowahnsinn im StudiVZ: Neue AGB hin oder her, wenn jetzt alle aus ihrem Namen Buchstabensalat machen, sich hinter Sonnenbrillen verstecken und am besten noch die falsche Uni angeben, ist das StudiVZ doch witzlos. Mein Credo damals: Mein Name bleibt im StudiVZ. Jetzt ist er draußen. Und ich auch. "Möchten Sie sich zu ihrem Austritt äußern, Frau Lüpke-Narberhaus?" bohrt Ramona weiter. Nein - im Zweifel für den Angeklagten.

Am nächsten Abend ruft mich meine beste Freundin an. Sie fühlt sich einsam. Heute, so gesteht sie mir, hat sie den Account ihres Bruders missbraucht und sich ins StudiVZ eingeloggt. Sie musste einfach wissen, ob sie was verpasst hat. Hat sie nicht. Alles beim Alten. Vielleicht sollte ich auch mal meinen Bruder anhauen ...?!

Maßloses Erstaunen am Tag acht: "Du bist jetzt ganz draußen, oder?"

Am Tag acht treffe ich zum ersten Mal auf einen Haufen Freunde aus dem realen - und digitalen Leben. Wir fahren gemeinsam nach Köln und irgendwie hoffe ich auf ein Kreuzverhör. Ich will wichtig sein. Ich will, dass mein digitaler Tod eine Lücke hinterlassen hat in ihren digitalen Herzen. Aber nichts. Niente.

Später kommt das Thema doch aufs StudiVZ. Gehört ja schon zum Small-Talk-Repertoire dazu. "Jaja, das StudiVZ ist schon ein sehr angenehmer Kommunikationskanal", sagt Annika. "Aber es regt mich total auf, dass niemand mal mehr anrufen oder eine SMS schreiben kann. Es heißt immer: Ich schreibe dir noch eine Nachricht über das StudiVZ ... Ätzend!", schimpft Kim. Malte beugt sich zu mir: "Du bist jetzt ganz draußen, oder?" Die Mädels schrecken von ihren Kaffeetassen hoch: "Echt?" Pause. Annika stützt ihren Kopf auf die Hand: "Ich könnte sicher auch ohne StudiVZ leben ... Aber muss man's ...?!

StudiVZ drückt auf die Tränendrüse, erfahre ich an Tag neun

Tag neun. Abends spreche ich mit einem Freund. Er war auch ein StudiVZ-Junkie, hat die Notbremse gezogen und den kalten Entzug geschafft: Kein MySpace mehr und auch kein StudiVZ. Eigentlich eine super Sache, findet er. Ganz viel freie Zeit, kein zwanghaftes Surfen. Und ein "Aber" gibt es doch: Sein Bett ist so leer, seitdem er nicht mehr dabei ist. Das StudiVZ als Stalkerschaltzentrale und Affärenlieferant fällt für ihn jetzt flach.

"Meine Freundesliste schrumpft täglich", jammert Anna am zehnten Tag. Ich befinde mich in guter Gesellschaft: Das StudiVZ leidet scheinbar an Schwindsucht, bekommt Nervenflattern und ändert seine Taktik, um nicht noch mehr Schäfchen zu verlieren. Vor zehn Tagen noch ging die Abmeldung ratzfatz.

Neuerdings ist es so schwer wie bei Facebook, dem großen Bruder des StudiVZ: Wer aussteigen will soll angeben, warum er dem Portal die Freundschaft kündigt. Als Nächstes steht da, dass alle Daten vertraulich behandelt werden und das Tüpfelchen auf dem I kommt zum Schluss: Das StudiVZ drückt auf die Tränendrüse. Als ein Bekannter sich abmelden will, werden all seine Freunde mobilisiert. Das StudiVZ lässt sie auf dem Bildschirm antanzen und textet: "Deine Freunde werden Dich vermissen - und wir auch!"

Lang leben die echten Freunde - ist die Erkenntnis am Tag zehn

Humbug! Nach zehn Tagen sage ich: Es ist Jacke wie Hose, ob man noch drin ist oder nicht. Zugegeben: Den ein oder anderen Xing-, Facebook- oder StudiVZ-Freund vermisse ich schon. Und trotzdem bin ich ohne digitales Netzwerk bislang nicht zur Einsiedlerin mutiert.

In diesem Sinne: Lang leben die echten Freunde! Die kann man nämlich nicht nur gruscheln, sondern knuddeln. Und wenn sie einem die Freundschaft kündigen, gibt es richtig Rambazamba und sie verschwinden nicht einfach heimlich, still und leise aus dem digitalen Leben.

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