Abschlussarbeit ohne Worte Ein Wal schwimmt seinen Weg

Ein Berliner Designstudent hat ein Jahr lang die Geschichte eines mythischen Wals gezeichnet. Sein "Leviathan" kommt ohne Worte aus. Das Comic des Meisterschülers ist jetzt als Buch herausgekommen - und schon für einen Preis nominiert.

Von Kai Kolwitz


"Leviathan": Vorbei an allerlei Kriegsgerät
editions de l'an 2

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Er war schon immer da und er wird immer da sein. Größe ist Stärke, Masse ist Beharrungsvermögen. Alle menschlichen Versuche, des legendären Meeressäugers habhaft zu werden, sind zum Scheitern verurteilt. Der Wal ist ein Mythos.

Nicht erst Herman Melville arbeitete sich in seinem "Moby Dick" an dem Koloss ab. Der Wal findet sich schon in der Bibel. Der englische Staatstheoretiker Thomas Hobbes benutzte den "Leviathan" als Symbol, um seine Weltsicht zu erklären. Auch die Terroristen der RAF gaben sich Codenamen aus "Moby Dick" - die Crew des Walfängers im Kampf gegen den unbesiegbaren Koloss.

Viele Assoziationen, viel Subtext - kein schlechtes Thema für eine akademische Arbeit. Dass dabei am Ende ein Comic herauskommt, ist vielleicht nicht wirklich das, was man erwarten könnte. Aber genau das hat Jens Harder gemacht: "Leviathan" ist seine Meisterschüler-Arbeit im Fach Kommunikationsdesign an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. "Ich habe mich mit meiner damaligen Freundin darüber unterhalten, welche Bücher man auf eine einsame Insel mitnehmen würde, und sie kam sofort auf 'Moby Dick' von Herman Melville", erklärt der 33-Jährige.

Jens Harder: Gezielt nach einer Comic-tauglichen Hochschule gesucht

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Harder kannte bis dahin nur die Kinderbuchfassung des berühmten Werks und wurde neugierig. Recherchen in Antiquariaten und im Internet gaben weitere Anstöße - am Ende stand für den damals frisch Diplomierten der Entschluss, ein Meisterschüler-Jahr zu beantragen, um sich voll und ganz dem Thema widmen zu können: "Das ist einfach die Gelegenheit, für ein Jahr noch einmal alle Möglichkeiten der Uni zu nutzen, die Werkstätten und die Druckerei. Eine Meisterschüler-Arbeit wird noch nicht mal bewertet - es wird nur ganz nett gefunden, wenn man am Ende eine Präsentation macht."

Im Kampf mit Mönchen und Flugzeugträgern

Eine staatstheoretische Abhandlung mit Sprechblasen darf man von "Leviathan" allerdings nicht erwarten. Die Arbeit kommt ohne Text aus, dafür lässt sie den Wal quer durch die Geschichte und durch fantastische Unterwasserwelten treiben: Leviathan als Bestandteil des ewigen Fressens und Gefressenwerdens, im Kampf mit Mönchen, Walfängern und Flugzeugträgern. Als Zuschauer, während die Titanic den Eisberg rammt und am Ende beim Übergang in eine neue Welt, während in der ursprünglichen nur noch der Kadaver verwest. Das ganze wirkt oft dunkel und morbide, gar nicht comicmäßig lustig - das ganze Leben als Kampf auf Leben und Tod gegen Urgewalten und lebendige Feinde.

"Leviathan": Abschlussarbeit als Buch erschienen

"Leviathan": Abschlussarbeit als Buch erschienen

"Es ist sehr vieles assoziativ oder mehrschichtig lesbar", kommentiert Harder seine Arbeit. "Man muss es aber nicht so sehen: Wer dem nicht folgen will, hat einfach ein spannendes Buch über einen Pottwal." Dabei sind Comics als akademische Arbeiten längst noch nicht an allen Hochschulen für Gestaltung akzeptiert. Harder als Überzeugungstäter in Sachen Bildgeschichte entschied sich ganz gezielt für eine Universität, an der er seine Interessen gut umsetzen konnte.

Mit fünf anderen gründete er in Weißensee die Gruppe "Monogatari", die sich auch nach Ende der Studien noch das Atelier teilt und - gemeinsam sind wir stark - das Thema Bildgeschichte endgültig an der Kunsthochschule etablierte, soweit das noch nötig war: "Wir haben schon während des Studiums jedes freie Projekt als Comic abgeliefert. Da war es nur noch die logische Konsequenz - warum sollte man dann als Abschlussarbeit etwas anderes machen?"

Comic: Vielschichtig lesbar
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Auch seine nach-universitäre Zukunft sieht der Kommunikationsdesigner eher weiter im Atelier im Prenzlauer Berg als am Schreibtisch einer Werbeagentur. Mit "Leviathan" könnte er dazu schon mehr als nur den ersten Schritt gemacht haben: Beim Comic-Festival im französischen Angoulême, einer der größten Veranstaltungen der europäischen Szene, ist er im kommenden Januar für den Preis in der Kategorie "Best Graphic Art" nominiert. Bereits in diesem Jahr gelang es ihm hier, die Mappe mit dem ersten Kapitel im Gepäck, einen Verlag für die Uni-Arbeit zu finden, Vorschuss und Umsatzbeteiligung inklusive.

Und auch wenn vom Zeichnen in Deutschland kaum jemand leben kann - demnächst will Harder mit seinem Verleger neue Themen diskutieren. Mit "Monogatari" läuft die Arbeit derweil schon fleißig weiter: Im Rahmen eines Gemeinschaftsprojekts wollen insgesamt 20 Zeichner das Thema Pornographie stilvoll in die Comicwelt übertragen. "Eine Gratwanderung", meint Harder. Aber der große Ralf König hat schon zugesagt.


Jens Harder: "Leviathan" Éditions de l'an 2, Angoulême. 25,00 Euro
Ausstellung zum Buch: Haus Schwarzenberg, Rosenthaler Straße 39, Berlin (16. Januar bis 24. Februar)

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