Abschlussarbeit Sechs Tipps für den großen akademischen Wurf

Sobald die Frist einmal läuft, packt viele Examenskandidaten das große Heulen und Zähneklappern. Wie man sich, sein Thema und einen Betreuer findet, Fachliteratur statt "Feuchtgebiete" liest und die Aufschieberitis in den Griff bekommt - ein Routenplaner.
Von Philipp Braun

1. Themenfindung - wer Visionen hat, sollte ins Archiv gehen

Momentan befindest du, lieber Absolvent in spe, dich mit deiner Arbeit noch ganz am Anfang. In dieser sehr frühen Phase hast du bestenfalls eine vage Vision, wie dein Gesellenstück aussehen soll. Dabei gilt, frei nach Helmut Schmidt: Wer Visionen hat, sollte ins Archiv gehen. Es empfiehlt sich ein Blick ins lehrstuhleigene Archiv (oder der Gang in die Bibliothek): Hier kannst du Abschlussarbeiten der vergangenen Jahre einsehen und bekommst einen Eindruck, wie Qualität, Länge und Struktur aussehen könnten.

Als erster Zugang sind speziell Dissertationen hilfreich, weil sie in der Regel den aktuellen Forschungsstand widerspiegeln. Du solltest, falls du den Verfasser der jeweiligen Arbeit nicht persönlich kennst, herauszufinden versuchen, ob der Autor nun eher links vorn oder rechts hinten im Taxi sitzt - auch wenn das nicht zwangsläufig etwas mit der Qualität der Abschlussarbeit zu tun haben muss.

Die Wahrheit ist jedoch: Sehr gute Arbeiten inspirieren meist zu einer recht passablen eigenen Idee, schlechte Arbeiten verwirren unnötig, kosten Zeit und lassen die Vision Abschlussarbeit ins Stocken geraten. Je nach Studienrichtung können zudem Fachzeitschriften, Fachmedien oder ganz normale Medien helfen. Oftmals gibt ein "Zeit"-Dossier eine Anregung, die sehr wertvoll sein kann.

Nach so viel Einstiegslektüre sollte nun deine Vision zu einem konkreten Vorhaben gereift sein, du kannst dich dem ersten echten Anstieg widmen: der Literaturrecherche.

Literaturrecherche - Fachliteratur statt "Feuchtgebiete"

Literatur gilt es nun zu sichten. Viel Literatur. In Werken wie "Feuchtgebiete" (Charlotte Roche) zu blättern, ist es allenfalls dann zielführend, wenn du deine Abschlussarbeit zum Thema "Schorf als Metapher für Verwundbarkeit? Englische Migrantenliteratur zwischen Ekel und Erfolg" verfasst.

Ansonsten gilt: Hände weg von populärer Literatur. Jetzt würde dir weder das Buch noch das Credo "Ich bin dann mal weg" irgendwie weiterhelfen. Du bleibst in der Bibliothek und fängst an, relevante Bücher zu deinem Thema zu lesen. Ansonsten verschwendest du wertvolle Zeit, die dir später fehlen wird!

Vergrabe dich also in der Fachliteratur zu deinem Themenfeld: Wer wird ständig zitiert, wem kann man Glauben schenken? Welches Buch hat ein Vorwort respektive Qualitätssiegel von einem namhaften Wissenschaftler? Wer hat sich einen Doktortitel in Osteuropa erschlichen und saß dafür in Westeuropa im Gefängnis? All dies findest du in der Regel heraus, wenn du dich mit den ersten wissenschaftlichen Publikationen eingehend beschäftigst.

Verharre nicht lediglich beim üblichen Scannen der Inhaltsverzeichnisse, sondern lies dir relevante Kapitel des Buches wirklich durch. Nur so steigst du durch das System der Fußnoten und Sekundärquellen. Und nur so kannst du letzten Endes eine sinnvolle Gliederung und das Exposé deiner Abschlussarbeit verfassen. Mit diesem Exposé in der Hand solltest du dich nun auf den Weg machen zum Professor deines Vertrauens - falls du denn einen hast.

Betreuer finden - Termin beim Abschlussarbeitsamt

Wenn du deine Professoren nur vom Hören und sie dich nicht vom Sagen kennen (weil du über Jahre hinweg in den hinteren Reihen des Seminars geschwiegen hast), dann hast du ein ernsthaftes Problem. Du musst nun die "Ochsentour" antreten, wie man in der Politik sagen würde. Daher solltest du jetzt damit beginnen, tagsüber ungefragt die Aktentaschen von Lehrstuhlmitarbeitern zu tragen und abends mit diesen Ochsen Wodka trinken zu gehen, um in heiterer Atmosphäre alle nötigen Informationen über deine Professoren einzuholen.

Denn: Meist haben die Professoren nur eine begrenzte Zahl an Plätzen zu vergeben. Die ersten vier bekommen die Mitglieder der Vereinigung "FdL" (Freunde des Lehrstuhls), der du nicht angehörst. Die nächsten vier Plätze gehen an die Studenten, die bereits mit einem Diplomandenvertrag eines Praxispartners beim Professor vorstellig werden. Auch dazu gehörst du leider nicht.

Somit bleibt dir nur die letzte Chance, dich in die Schlange vor dem Abschlussarbeitsamt, dem Büro deines Professors/deiner Professorin, einzureihen und auf einen der letzten vier Plätze für Bachelor-, Magister- und Diplomarbeiten zu hoffen.

Du hast lediglich ein paar Minuten in der Sprechstunde, um den honorigen Wissenschaftler, der einen ihm fremden Studenten vor sich sitzen hat, zu beeindrucken. Das solltest du nun schon allein hinkriegen. Erinnere dich dabei an deine ersten Rendezvous: Zieh dir was Nettes an, sei ehrlich und bluffe nur im Notfall!

Anfangen - Konsultation beim Facharzt für Prokrastination

Du hast ein Thema, die passenden Bücher und deine Betreuer, da kommt dir der Dichter Hesse in den Sinn. Der stellte einmal fest, dass doch jedem Anfang ein Zauber innewohne. "Zauber oder Zaudern?" Das hast du nie so ganz verstanden. Du willst den Zauber einfach nicht entdecken.

Dir bleibt aber nichts anderes übrig als anzufangen, denn etwas anderes hat bereits angefangen - die Bearbeitungszeit deiner Arbeit. Du solltest dringend aufhören, immer neue Dinge in Angriff zu nehmen, für die du bisher im Studium keine Zeit hattest: ausschlafen, brunchen oder dich für Fußballgroßereignisse einkleiden.

Kannst du diese Freizeitaktivitäten nicht aus eigener Kraft einstellen, solltest du einen Facharzt für Prokrastination konsultieren. Das können Freund, Freundin, Mutter, Vater, nicht aber dein Hund sein, mit dem du drei Tage am Stück Gassi gehst. Diese eher konstruktive Therapie fügt deinem Krankheitsbild nur ein neues Symptom hinzu.

Statt eines Hundes nämlich, der bewegt werden will, brauchst du Leute, die dich dazu bewegen, täglich ab 9 Uhr in der Bibliothek zu sitzen und endlich die Einleitung zu schreiben. Du wirst sehen: Sind das erste Wort und das erste Kapitel geschrieben, lebt es sich leichter, und du kannst das nächste Kapitel erstmal auf nächste Woche verschieben.

Schreiben - und besser nicht in der Bibliothek wohnen

Hast du einige Tage lang Fortschritte gemacht und entsprechend gute Laune, dann nimm dies: Das geht nicht so weiter! Das erste Tief kommt bereits morgen. Dann befallen dich Lustlosigkeit und Zweifel an der intellektuellen Güte deiner bisherigen Zeilen. Ob zu Recht oder Unrecht, kann zu diesem Zeitpunkt noch keiner nachprüfen.

Jetzt nicht die Nerven verlieren! Wenn es gar nicht geht, dann überarbeite das bisher Geschriebene, aber halte dich damit nicht zu lange auf. Erst wenn der erste Leser deiner Arbeit dir sagt, dass die Qualität deiner Ausführungen zu wünschen übriglässt, dann ist das ein ernsthafter Hinweis. Davor gilt es, einfach voranzukommen und eine gute Rohfassung runterzuschreiben.

Wenn dein Leben in dieser monatelangen Phase geprägt ist von Müdigkeit und Misanthropie, bist du wahrscheinlich zur Zwischenmiete in die Bibliothek gezogen. Du solltest schleunigst wieder zuhause einziehen - oder mal raus an die Luft gehen!

Plagiatvorwürfe kannst du im Keim ersticken, indem du präzise den Satz, das Wort und die Silbe aus einer Quelle zitierst, die auch wirklich verfügbar war und die du mit eigenen Augen gelesen hast. Der Trend "Pimp your Literaturverzeichnis", das gezielte Aufhübschen der Literaturliste, indem man Sekundärquellen aus anderen Büchern als Primärquellen ausgibt, ist gemein und gefährlich. Erst recht gilt das für ganze Copy-Paste-Kapitel oder -Absätze in deiner Arbeit. Ebenfalls gemeingefährlich, lass es sein!

Abgeben - jedem Ende wohnt ein Zauber inne

Eine wissenschaftliche Abschlussarbeit abgeben - das klingt so simpel, wären da nicht diese Angstmechanismen: Du wirst das Gefühl (und damit deine Abschlussarbeit) nicht los, dass "da irgendwas nicht stimmt, dass es von Rechtschreibfehlern nur so wimmelt, dass das intellektuelle Niveau einer wissenschaftlichen Arbeit nicht genügt" etc.

Diese Gedanken gilt es zu ignorieren. Handle nach dem Prinzip: erst die Verantwortung, dann die Arbeit abgeben. Lasse dein Werk von mindestens zwei Menschen lesen. Das beruhigt. Der erste Lektor (Kommilitone, Freund, Fachverständiger) sollte die Arbeit inhaltlich durchgehen und vor allen Dingen Zeit und Lust für diese Aufgabe mitbringen. Er sollte weder dir noch deinem Fach fremd sein.

Der zweite Leser (Mutter/Bruder/Germanist) sollte das Werk danach professionell auf Rechtschreibfehler überprüfen. Er kann von deinem Fachgebiet - von A wie Altbauinstandsetzung bis Z wie Zölibatwissenschaften - nur Bahnhof verstehen, sollte aber Ahnung von der Rechtschreibung haben und sehr gewissenhaft sein.

Nach diesen zwei Überarbeitungsschleifen sollten sich deine Ängste in Luft aufgelöst haben. Die Anmerkungen beider Leser arbeitest du ein, liest dir deine Arbeit noch genau einmal in Ruhe durch und gibst das "zauberhafte" Werk in Druck.

Wer weiß, vielleicht stehen bald darauf doch ein paar Menschen vor dem Prüfungsamt, die dir applaudieren und zuwinken. Und du trabst müde zwar, aber in bester Laune nach Hause. Denn: Jedem Ende wohnt ein Zauber inne. Du musst ihn nur entdecken!


Autor Philipp Braun, 26, studiert PR/Kommunikationsmanagement an der Universität Leipzig und arbeitet daneben als freier Journalist. Derzeit schreibt er seine Abschlussarbeit beim Praxispartner Scholz & Friends Group in Berlin. Der Abgabetermin rückt näher und näher und näher ...

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