Abschlussarbeit über Headbanger Frau Doktor Death Metal

Brachiale Klänge, kehliges Grunzen, wogende Haarmähnen: Sarah Chaker interessiert sich für harte Jungs - rein wissenschaftlich, ihre Doktorarbeit schreibt sie über Black und Death Metal. Die meisten Headbanger sind höflich, sagt sie, Ärger machen die rechtsextremen Fans.
Von Sonja Pohlmann

Wieder angerempelt, macht nichts. Mit einem kräftigen Schubs stößt Sarah Chaker den Mann zurück auf seine "Spielwiese", wie sie lachend sagt. "Moshpit" heißt die im Slang der Eingeweihten, die Kampfzone entsteht bei jedem Death-Metal-Konzert, sobald die Band ihre ersten Gitarrenriffs spielt.

Auf einer 5 Meter breiten und 20 Meter langen Fläche springen etwa 50 dunkelgewandete Gestalten gegen- und übereinander. Wenn einer zu Boden geht, wird er gleich wieder hochgezogen, dann geht die Testosteron-Show weiter im "K17" in Berlin-Friedrichshain.

Hate Eternal heißt die Vorband, danach ist Misery Index dran, beide aus den USA. Das Publikum besteht hauptsächlich aus Männern, die den Takt mit dem Kopf nicken oder ihre langen Haare dazu kreisen lassen. Die wenigen Frauen halten sich am Rand auf.

Für Sarah Chaker sind alle diese Details Forschungsinhalte: Die Band-Namen, die vielen Männer, die wenigen Frauen und natürlich die Musik. Sie achtet darauf, wann das Schlagzeug einsetzt und wann der Sänger mit seinem gutturalen Grunzen. Die 30-jährige Musikwissenschaftlerin promoviert an der Universität Oldenburg. Thema ihrer Dissertation: "Black und Death Metal. Der Sound, der Markt, die Szene". Sie ist die erste Expertin in Deutschland, die den düsteren Musikstil in einer Doktorarbeit empirisch untersucht.

Nach jedem Amoklauf ist die Doktorandin als Expertin gefragt

Die Ergebnisse werden bald vorliegen, doch schon jetzt ist ihr Fachwissen gefragt: immer dann nämlich, wenn Konsumenten von Metal-Musik furchtbare Dinge anrichten. So hörten die Schul-Amokläufer in Erfurt und Emsdetten, aber auch im amerikanischen Littleton und im finnischen Kauhajoki bevorzugt Metal.

Das Genre steht seitdem im Ruf, gewalttätig zu machen oder zumindest die Bereitschaft zur Gewalt zu befeuern. In den USA schicken Eltern ihre Heavy Metal hörenden Kinder sogar in spezielle Entzugskliniken, weil sie fürchten, diese Präferenz sei der erste Schritt einer Karriere als Massenmörder.

Sarah Chaker sieht das anders. Der Knacks bei den Tätern wäre schon vorher da, ihr Gefallen an der Musik sei nur ein Indiz. "Wer einen Krimi oder einen Horrorfilm sieht, bringt doch auch nicht seinen Nachbarn um", sagt sie. Gewalttätige Death- oder Black-Metal-Anhänger hätten meist schon vorher einen Realitätsverlust erlitten, beispielsweise durch soziale Defekte oder durch maßloses Computerspielen. "In solchen Fällen ist die Musik dann nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt."

Sie selbst könnte als bester Gegenbeleg dienen: Seit zehn Jahren Metal-Fan, und trotzdem fröhlich, von Satanismus keine Spur, nicht einmal eine schwarze Lederkluft hängt in ihrem Kleiderschrank. Schwarzen Kajal benutzt sie gern. Aber das machen auch andere Frauen, die ihre Augen betonen wollen. Chakers sind dunkelbraun, sie hat sie vom algerischen Vater geerbt, ihre Mutter ist Deutsche. Geboren in Gera, flüchtete sie mit ihren Eltern einige Jahre vor der Wende aus der DDR über Algerien nach Kissing bei Augsburg. Jetzt wohnt sie in Berlin.

Die Metal-Forscherin spielte Blockflöte, Klavier und Oboe

Ihre Wohnung in Berlin-Friedrichshain zieren keine Drachenköpfe oder Skelette mit Kapuze und Sichel, sondern eine Büste Johann Sebastian Bachs auf dem Klavier und Bücher über Gustav Mahler und Ludwig van Beethoven.

Zunächst hatte sie sich vor allem für klassische Musik interessiert, sie spielte Blockflöte, Klavier und Oboe und gewann den Wettbewerb "Jugend musiziert" in ihrer Region. Sie las keine "Bravo", in Discos ging sie erst, als sie 18 Jahre alt war.

In der Augsburger "Rockfabrik" hatte sie ihr Erweckungserlebnis, als Marilyn Mansons "The beautiful people" aus den Boxen dröhnte. "Das war eine halbe Erleuchtung für mich", erinnert sich Chaker. Sie ist begeistert von der variantenreichen Weiterentwicklung des Heavy Metal. "Der Text ist nicht so wichtig", sagt sie. Viel mehr zähle der brachiale Gesamtklang.

In ihrer Studienstadt Oldenburg wurde Chaker schnell zu einer Größe der lokalen Metal-Szene. Gemeinsam mit ihrer Freundin Inga Mohrbeck veranstaltet sie in einer Kellerbar "Neck Fracture"-Partys - der Name ist eine Anspielung auf die Risiken des stundenlangen Headbangens. 250 Fans kommen zu den monatlichen Partys, zwei Frauen, die gute Metal-Musik auflegen, so etwas spricht sich schnell rum.

Als Chakers Musikprofessor davon hört, schlägt er ihr vor, ihre Diplomarbeit in Musikwissenschaft über Black und Death Metal zu schreiben. Chaker schafft eine glatte Eins, erhält einen Wissenschaftspreis und bekommt von der renommierten Studienstiftung des Deutschen Volkes ein Stipendium für eine Promotion.

Todesmythen, brachialer Gesamtklang - Was den Death Metal ausmacht

Sarah Chaker gibt eine kurze musikgeschichtliche Einführung: Die Oberkategorie "Heavy Metal" entstand als Abzweigung des "Hard Rock", der seit den siebziger Jahren von Bands wie Black Sabbath oder Led Zeppelin gespielt wurde. Über die Zwischenstation "Thrash Metal", stark beeinflusst von hartem, rasend schnellen Punk, evolvierten die Riffs und brüllenden Gesänge dann ab Mitte der achtziger Jahre in den USA und später in Stockholm zu "Death Metal".

Ungefähr zur gleichen Zeit gründete sich in Skandinavien die Subkultur "Black Metal" aus der Heavy-Metal-Szene. In beiden Varianten spielen mythische Todesthemen eine zentrale Rolle, doch die Anhänger des Death Metal unterscheiden sich von denen des Black Metal in der Inszenierung: Während Death-Metal-Anhänger gern in Kapuzenpullovern, Cargohosen oder mit Band-Namen bedruckten T-Shirts auf Konzerte gehen, kleiden sich die Fans von "Black Metal" komplett schwarz und malen ihre Gesichter so weiß, dass sie dämonischen Fratzen ähneln. Bei Konzerten suchen sie auch nicht wie Death-Metal-Fans den Körperkontakt, sondern springen eher allein vor sich hin.

Im Berliner "K17" grunzt gerade Hate-Eternal-Sänger Erik Rutan seine Songs mit ungewöhnlich tiefer Stimme, das sei eben typisch für Death Metal, erklärt Chaker vom Rand des Moshpit, der auch für sie eine Art Spielwiese ist: Ihre Feldforschung, inklusive Fotografien und Protokollen, betreibt sie auf Konzerten und Festivals.

Vertrauensbildende Maßnahme: Bier trinken

Sie versuche dabei, ihr Vorwissen auszublenden, erklärt Chaker, um die Ergebnisse nicht zu verzerren. "Aber trotzdem war es gut, dass ich die Szene und ihre Regeln kannte, sonst wären die Fans mir gegenüber wohl nicht so offen gewesen", sagt sie. Chaker hat einen Fragebogen ausgearbeitet, den sie bei Festivals wie der Open-Air-Veranstaltung "Party.San" in Bad Berka in vielfältiger Ausfertigung über das schlammige Gelände schleppt, um ihn den verdutzten Fans in die Hand zu drücken.

Das Vertrauen ihrer Probanden gewinnt Chaker mit einer einfachen Strategie: erst mal ein Bier zusammen trinken. Auf solche Grundregeln des Anstands legten die Jungs wert, erzählt Chaker. "Metal-Fans sind sehr höfliche und eher zurückhaltende Menschen." Über 500 Fragebögen hat sie bislang ausgewertet.

Die Ergebnisse: Die meisten Befragten kamen im Alter von 16 Jahren das erste Mal mit Black beziehungsweise Death Metal in Kontakt. Durchschnittlich sind die Death-Metal-Fans 26 Jahre, beim Black Metal gut 23 Jahre alt. "Das zeigt zwei wichtige Dinge", sagt die Forscherin. "Erstens handelt es sich nicht um Jugendszenen im eigentlichen Sinn, sondern um Szenen, die überwiegend aus jungen Erwachsenen bestehen." Zweitens sei die Szenenzugehörigkeit ungewöhnlich lang. "Das betont den Wunsch vieler Anhänger nach Beständigkeit und langen, intensiven Bindungen", vermutet Chaker. Auch seien die Anhänger keinesfalls "sozial unterprivilegiert".

Über 50 Prozent der Death-Metal-Anhänger und fast 40 Prozent der Black-Metal-Fans haben nach Chakers Erhebungen Abitur. "Letztere sind allerdings nicht dümmer, nur ist ihr Altersdurchschnitt jünger, viele gehen noch zur Schule", erklärt sie den Unterschied. Fast alle Befragten kreuzen an, eine glückliche Kindheit gehabt zu haben und auch jetzt mit ihrem Leben zufrieden zu sein.

Die Musik hörten sie, um gut drauf zu sein, nicht um Depressionen weiter zu befeuern. "Die Musik dient eher als Katalysator, um Alltagsstress und Aggressionen ab- und nicht aufzubauen", sagt Sarah Chaker. Bei Konzerten herrsche eine friedliche Stimmung, Schlägereien seien selten.

Starke rechtsextreme Strömungen

Also eine heile Welt in Schwarz, harmlose Headbanger? Nicht ganz. In der Black-Metal-Szene gibt es eine starke rechtsextreme Teilströmung: NS-Black-Metal heißt die Variante, die Songtexte sind oft antisemitisch und ausländerfeindlich, aber meist so verschlüsselt, dass die Bands nicht belangt werden können. 9,6 Prozent der von Chaker befragten Black-Metal-Fans geben an, rechte Parteien wie NPD, DVU oder Republikaner wählen zu wollen, bei den Death-Metal-Fans sind es 2,7 Prozent.

Polizei und Verfassungsschutz kennen das Problem. Auf Konzerten werden T-Shirts daraufhin kontrolliert, ob sie rechte Symbole verbergen. "Normal-Black-Metal-Fans leiden unter den rechtsextremen Strömungen, weil sie dadurch selbst in Verruf geraten", sagt Chaker. Die Bands selbst verstehen sich als unpolitisch. "Es darf nicht sein, dass eine Kunstform wie Metal für Propaganda von politischen Ideologen missbraucht wird", sagt Void, Sänger der Berliner Black-Metal-Band Neithan. Bei Metal gehe es um die Auseinandersetzung mit Emotionen, um Aggression, Freiheit und Individualität.

Eine sehr männliche Sichtweise. Nur etwa 15 Prozent der Heavy-Metal-Hörer sind weiblich, schätzt Chaker. "Metal bleibt damit eine der wenigen Männerdomänen. Früher waren Männer in Vereinen und Burschenschaften, dort konnten sie ihre Leistung messen. Heute müssten sie dazu auf Konzerte gehen." Die Disziplinen dort seien dem Vereinsleben gar nicht so unähnlich - möglichst viel Bier trinken und ausprobieren, wer sich am härtesten aufführt. Dabei gehe es um die Frage: "Was muss ich tun, um von anderen Männern als Mann anerkannt zu werden?" Um "Aufplusterungsversuche", so Chaker, handele es sich etwa beim Festlegen der Hackordnung auf dem Moshpit.

Frauen seien aber in der Szene nicht nur wegen dieser Männlichkeitsrituale selten, sondern auch, weil ihnen die Identifikationsfiguren fehlten. Eine rein weibliche Black- oder Death-Metal-Band, zumindest eine weitläufig bekannte, gibt es nicht. Frauen fänden die düsteren Themen der Songtexte, Krieg, Trauer und Tod, eher abschreckend. Außerdem werde ihnen von klein auf beigebracht, nicht hinzufallen und sich dabei schmutzig zu machen - was im Moshpit einigermaßen schwierig ist. Trotzdem fühlt sich Chaker wohl in der Welt der Kerle. "Wer die von den Männern gesetzten Regeln beachtet und nichttussihaft auftritt, der wird hier auch akzeptiert", sagt sie und stößt den nächsten Mosher zurück auf die Spielwiese.

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