Absturz einer Privatuni Missmanagement an der Managerschmiede

Bis vor einem Jahr galt das SIMT in Stuttgart als eine der wenigen deutschen Business Schools, denen man den Sprung in die internationale Top-Liga zutraute. Doch dann ging die Privathochschule Pleite und kam in die Obhut staatlicher Universitäten. Nach dem Finanzdesaster steht sie jetzt vor dem endgültigen Aus.

Von Bärbel Schwertfeger


Die Nachricht kam völlig überraschend: "Die Vorsitzenden des Verwaltungsrats haben uns heute morgen informiert, dass es trotz intensiver Bemühungen nicht gelungen ist, das SIMT auf eine wirtschaftlich tragfähige Grundlage zu stellen", schrieb Bernhard Seitz, Geschäftsführer des Stuttgart Institute of Management and Technology (SIMT), am Mittwochmittag in einer E-Mail an die Lehrbeauftragten der Business School. Trotz erheblicher finanzieller Zuschüsse des Landes Baden-Württemberg und der Stadt Stuttgart verbleibe ein sehr hohes Defizit, das weder durch die Gesellschafter des SIMT noch durch Spenden aus der Wirtschaft gedeckt werden könne.

SIMT Stuttgart: Gehen bald die Lichter aus?

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"Das SIMT wird daher im Herbst 2004 keine neuen Studenten aufnehmen und nach Abschluss des laufenden Studiengangs im April 2005 schließen", teilte Seitz mit. Eine offizielle Stellungnahme gibt das SIMT noch nicht ab; der Verwaltungsrat mit Vertretern der drei beteiligten Universitäten und der Wirtschaft tritt erst am 14. Mai zusammen. Doch alles spricht dafür, dass eine der hoffnungsvollsten Business Schools in Deutschland endgültig gescheitert ist.

Dabei stand das SIMT für eine neue Generation deutscher Hochschulen. Als Mitte und Ende der neunziger Jahre Bildungspolitiker in mehreren Bundesländern den behäbigen staatlichen Universitäten mit privater Konkurrenz Beine machen wollten, schickte Baden-Württemberg gleich zwei Kandidaten ins Rennen: die International University Bruchsal (IUB) und das SIMT. 1998 als Public-Private-Partnership von den drei Universitäten Stuttgart, Tübingen und Hohenheim sowie der deutschen Industrie gegründet, sollte es vor allem durch die Zuwendungen der Unternehmen und Studiengebühren finanziert werden. Einer der Gründer war Bertold Leibinger, Inhaber und geschäftsführender Gesellschafter des erfolgreichen Werkzeugbauers Trumpf GmbH + Co. KG in Ditzingen. Zu den Förderern gehörten auch DaimlerChrysler, Bosch, Siemens und BASF.

Musteruni im Ländle

Angeboten wurde ein 20-monatiges Studium zum Master of Business Administration (MBA) nach angelsächsischem Vorbild: Fallstudien, Teamarbeit und intensive Betreuung gehörten zum Programm, die Unterrichtssprache war Englisch. Die Mehrzahl der Studenten kam aus dem Ausland.

Vor allem seit Hans J. Tümmers im September 2000 die Führung der Stuttgarter Managementschule übernommen hatte, ging es bergauf. Mit über hundert Teilnehmern avancierte das MBA-Angebot rasch zum größten Vollzeitprogramm in Deutschland; dank der guten internationalen Kontakte von Tümmers wurden Austauschprogramme mit renommierten ausländischen Business Schools eingerichtet. Denn der ehemalige Direktor der Managementschule IECS Strasbourg kennt den weltweiten Markt der Business Schools und die Unterschiede zu deutschen Universitäten. "Wer im MBA-Markt Erfolg haben will, muss die internationalen Qualitätsanforderungen erfüllen", so Tümmers.

Bizarres Finanzierungsmodell

Im Mai 2003 kam dann der jähe Absturz. Das SIMT war pleite, wegen eklatanter Fehler bei der Finanzierung. Denn die sollte nach dem Kapitalstockmodell erfolgen: Die Grundkosten der Schule sollten weitgehend durch Zinserträge eines Stiftungskapitals in Höhe von 20,5 Millionen Euro finanziert werden. Dieses Stiftungskapital sollten jeweils zur Hälfte die öffentliche Hand (Land Baden-Württemberg und Stadt Stuttgart) und die Wirtschaft aufbringen.

Studenten am SIMT: Weniger Anmeldungen

Studenten am SIMT: Weniger Anmeldungen

Doch das Geld ging nur in Raten und niemals vollständig ein. So verfügte das SIMT nie über den erforderlichen Kapitalstock und damit auch nicht über die für den laufenden Betrieb notwendigen Zinserträge.

Hinzu kam das bizarre Studiengebühren-Modell: Die Teilnehmer konnten ihr Studium über einen Kredit finanzieren, für den das SIMT selbst bürgte - ein wohl weltweit einmaliges Modell mit fatalen Folgen. Denn die Schule musste die Hälfte ihrer Einnahmen als Bürgschaft bar bei der Bank hinterlegen. Schon bald begann man, den Kapitalstock der Unternehmen aufzubrauchen. Aber das beunruhigte im Verwaltungsrat offenbar niemanden.

In der Obhut der staatlichen Universitäten

SIMT-Präsident Tümmers erfuhr nach eigenen Angaben erst im Frühjahr 2002 vom drohenden Liquiditätsengpass und versuchte vergeblich, bei Land, Stadt und Unternehmen zusätzliche Gelder aufzutreiben.

Schließlich musste das SIMT den eigenen Hochschulstatus aufgeben und wurde zur Managementschule der Universitäten Stuttgart, Hohenheim und Tübingen. Ab September 2003 stand es unter der Leitung der Uni Stuttgart und deren Rektor Dieter Fritsch. Geschäftsführer und akademischer Leiter wurde Ulli Arnold vom BWL-Lehrstuhl an der Stuttgarter Universität.

Als weiterer Geschäftsführer zeichnete Hans J. Tümmers für die berufsbegleitenden MBA-Programme und die internationalen Beziehungen des SIMT verantwortlich - trotz allem optimistisch. Er verhandelte mit anderen Business Schools über neue Kooperationen und hatte bereits ein Doppeldiplom mit Frankreichs renommierter Topschule HEC vereinbart.

Ausladung vom Fundraising-Dinner

Doch dann kam alles anders. Tümmers wartete vergeblich auf die vom Verwaltungsrat zugesagte Vertragsverlängerung. Schließlich bot man ihm an, nur noch einen Tag in der Woche am SIMT tätig zu sein. Daraufhin trat er am 29. Oktober zurück.

Mit dem Weggang von Tümmers seien viele internationale Kontakte abgebrochen, räumt SIMT-Pressesprecher Peter Greulich ein. Durch das Finanzdesaster und die folgenden Querelen war aber auch die Zahl der Bewerbungen deutlich zurückgegangen; mit 47 Teilnehmern begannen im September erheblich weniger Studenten als im Vorjahr.

Noch im Februar bekräftigte der Verwaltungsrat sein Engagement. "Es ist der gemeinsame Wille der drei Landesuniversitäten, das SIMT als einen Kristallisationspunkt der gemeinsamen Kooperation weiter auszubauen", hieß es in der Presseerklärung. Dem SIMT komme über die Managementausbildung hinaus eine für die Hochschullandschaft der Region wichtige strategische Funktion zu. Auch die finanziellen Voraussetzungen für die weitere erfolgreiche Tätigkeit des SIMT seien sichergestellt. Grund für den Optimismus sei die sehr gute Bewertung der Studienprogramme durch die Teilnehmer und die damit verbundenen positive Entwicklung der Teilnehmerzahlen.

Doch das war wohl eher ein Pfeifen im Wald. Denn die Zahl der Bewerbungen sank weiter. Dabei sollte es bereits Spendenzusagen aus der Wirtschaft in Höhe von 750.000 Euro geben; ein Fundraising-Dinner am Donnerstag sollte noch mehr Geld in die leere Kasse bringen. 25 Unternehmen hatten angeblich zugesagt und wurden nun eilig wieder ausgeladen. Am Donnerstagabend soll ein Pressegespräch der Firma Trumpf stattfinden.

Warum die Vorsitzenden des Verwaltungsrates, Trumpf-Inhaber Bertold Leibinger und Uni-Rektor Dieter Fritsch, das endgültige Aus so plötzlich besiegelten, ist ein Rätsel. "Offenbar entspricht eine internationale Managementschule eben doch nicht der schwäbischen Mentalität", frotzelt der ehemalige SIMT-Präsident Hans J. Tümmers, "wie kann man eine durchaus erfolgreiche und international angesehene Business School nur derart dilettantisch gegen die Wand fahren lassen?"



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