Afghanistan Neuanfang im Klassenraum

Für viele lag der letzte Schultag schon Monate oder gar Jahre zurück, andere saßen zum ersten Mal überhaupt in einem Klassenraum: In Afghanistan begann am Samstag das erste Schuljahr seit dem Ende der Taliban-Herrschaft.

Viele Schulen in Afghanistan müssen die Sprengstoffexperten der internationalen Schutztruppe (Isaf) erst noch von Minen befreien, bevor in ihnen wieder unterrichtet werden kann. Doch auch dort, wo das bislang noch nicht geschehen ist, begann am Samstag das neue Schuljahr. Ob in Zelten, Klassenräumen oder unter freiem Himmel: Über eine Million Schüler und Schülerinnen zwischen 7 und 16 Jahren hatten damit ihren ersten Unterrichtstag seit langem - viele Mädchen ihren ersten überhaupt.

Denn unter den Taliban durften Mädchen ab acht Jahren nicht mehr am Schulunterricht teilnehmen. Ebenso wenig war es Frauen erlaubt, als Lehrerinnen zu arbeiten - obwohl sie bis Mitte der neunziger Jahre in ländlichen Gebieten mehr als 80 Prozent der Lehrkräfte ausmachten. Einige unterrichteten Mädchen in illegalen Wohnzimmerklassen, doch der Besuch war teuer und nur für wenige Eltern bezahlbar.

Für die Mädchenklasse in der Kabuler Amani-Oberschule und ihre Lehrerin war der Unterrichtsbeginn am Samstag somit eine Premiere - wie auch für das Schulgebäude selbst. Denn die ehemals deutsche Schule war nach dem Beginn des Taliban-Regimes geschlossen worden. An der Wiedereröffnung nahm unter anderem auch der Chef der Übergangsregierung, Hamid Karsai, und die Exekutiv-Direktorin des Uno-Kinderhilfswerks Unicef, Carol Bellamy, teil.

Die Eröffnungsfeier war von strengen Sicherheitsvorkehrungen begleitet. Der offizielle Schulbeginn ist für Unicef nach eigenen Angaben der Höhepunkt ihrer bislang umfangreichsten Bildungskampagne. "Die Menschen in Afghanistan zeigen uns, wie viel es bedeutet, wenn Kinder zur Schule gehen können", sagte Bellamy. "Ihr Enthusiasmus und ihre Freude darauf, endlich wieder zu lernen, sind unglaublich."

"Unser Ziel ist Bildung für alle afghanischen Kinder"

Nach Informationen von Unicef wurden in den vergangenen Jahren insgesamt nur etwa acht Prozent der Mädchen und ein Drittel der Jungen eingeschult. "Unser Ziel ist Bildung für alle afghanischen Kinder, für Mädchen ebenso wie für Jungen", sagte der afghanische Bildungsminister Rasul Amin. Aber noch mangelt es in dem zerstörten Land an allen Ecken und Enden. Von Lehrern über Schulgebäude bis hin zu Papier und Stiften - nichts ist in auch nur annähernd ausreichendem Maße vorhanden.

Organisationen wie Unicef bemühen sich, dem Abhilfe zu schaffen. Doch vor allem auch auf Grund der fehlenden Infrastruktur kommen sie nur schleppend voran. Trotzdem konnte das Uno-Kinderhilfswerk in den vergangenen Wochen nach eigenen Angaben etwa 7000 Tonnen Unterrichtsmaterial an 2000 Orten in Afghanistan zur Verfügung stellen. Mit Radiosendungen, Plakaten und Straßentheater wurden Eltern aufgerufen, ihre Kinder zur Schule zu schicken.

Das Uno-Welternährungsprogramm (WFP) finanziert für zunächst 250.000 Schüler eine tägliche Schulspeisung. Bis Ende November sollen eine Million Schulkinder versorgt werden. Die Bundesregierung unterstützt das Bildungsprogramm in Afghanistan in diesem Jahr mit rund 15 Millionen Euro.