Afrikanischer Germanist Pendeln zwischen Yaoundé und Hannover

Seine afrikanischen Kollegen werfen ihm bisweilen "deutsche Gründlichkeit und Überheblichkeit" vor. Deutschen dagegen erscheint er sehr afrikanisch: David Simo aus Kamerun lehrt Germanistik an der Universität Hannover - und ärgert sich, wenn persönliche Eigenarten gleich einer Kultur zugeordnet werden.
Von Ingrid Hilgers

Der erste Eindruck verblüfft: David Simo spricht so perfekt und akzentfrei deutsch, dass der Zuhörer vergessen könnte, dass er Afrikaner ist. In seiner Wortwahl ist der Professor überaus vorsichtig, immer auf der Hut vor den Klischees seiner Zuhörer. Der Sohn einer Bauernfamilie spricht fünf Sprachen, lebt mit seiner Frau und vier Kindern in Yaoundé und "pendelt" häufig zwischen Afrika und Europa.

David Simo hatte im Sommersemester einen Lehrauftrag in Hannover. Insgesamt sechs afrikanische Germanisten, die sich allesamt in Hannover habilitierten, kommen bis 2003 als Gastdozenten an die Universität. Deutsche Literatur ist Simos Forschungsgebiet, die afrikanische kennt er ebenfalls hervorragend und kann beide vergleichen - wechselweise mit deutschem und afrikanischem Blick. Wenn der 50-Jährige von seinem Forschungsinteresse erzählt, wie in der Literatur der Fremde den Konflikt zwischen den Kulturen erlebt und wie ein "herrschaftsfreies Miteinander-Leben" aussehen kann, dann ist er in seinem Redefluss kaum zu stoppen.

Grenzgänger im Spannungsfeld der Kulturen

Kein Zweifel: Hier doziert ein klassischer Gelehrter mit dem Willen, sein Wissen zu vermitteln. Rasch improvisiert Simo eine kleine Vorlesung, erzählt begeistert von Franz Kafka, der in Prag zwischen den Kulturen lebte. Oder von Anna Seghers, die von Deutschland nach Mexiko fliehen musste und über ihre Erfahrungen in der Fremde schrieb.

Als Fremder wahrgenommen und behandelt zu werden, ist eine zentrale Erfahrung in Simos Leben. Umso wichtiger ist es für den Germanisten, aus der Literatur zu lernen: dass eine Welt ohne Migranten undenkbar ist und "der Fremde nicht notwendigerweise eine Gefahr bedeutet, sondern eine Bereicherung ist".

Als David Simo sich vor zehn Jahren mit einer Arbeit über den Schriftsteller Hubert Fichte an der Universität Hannover habilitierte, lobte der Prüfer seine rhetorischen und intellektuellen Fähigkeiten. "Er sorgte sich ernsthaft um meine afrikanische Seele, weil ich so glänzend, so klar geredet habe, dass dies der Beweis sei, dass ich Europäer bin." Solche Sätze empören Simo - weil sogar gebildete Europäer geläufigen Klischees über die Afrikaner aufsitzen.

Er will sich nicht in einen afrikanischen und einen deutschen Teil aufteilen lassen. Bestimmte Verhaltensmuster seien einfach nur seine persönlichen Charaktereigenschaften. So habe er in Europa den Umgang mit wissenschaftlichen Kriterien gelernt - aber das bedeute nicht, dass er das Denken in Europa gelernt habe.

Nächtliche Unternehmungen meidet Simo

Der Literaturwissenschaftler reist viel durch Europa und war auch in Japan und Nordamerika. Wenn er Seminare oder Versammlungen leitet, dann werfen ihm afrikanische Kollegen mitunter eine "deutsche Gründlichkeit und Überheblichkeit" vor. "Ich fühle mich als Grenzgänger zwischen den Kulturen, der sich den verschiedenen Welten perfekt anpasst, aber ich bin dennoch Afrikaner."

David Simo kommt oft zu Vorträgen oder Kongressen nach Deutschland. Als er in Frankfurt eine Kneipe besuchte, wurde er nicht bedient, ein anderes Mal nicht in eine Disco gelassen. Seither ist er nicht mehr so unbekümmert wie während seines Studiums in Saarbrücken. Als er in den siebziger Jahren Germanistik, Afrikanistik und Politikwissenschaften studierte, fühlte er sich heimischer, akzeptierter. Heute meidet er nächtliche Unternehmungen. "Ich habe zu viel Negatives gelesen und gehört."

Und dann erzählt der Forscher, dass im Zug oder in der Straßenbahn oft Menschen Abstand wahren, erschrecken, wenn er direkt neben ihnen sitzt. "Sie haben Angst vor dem Unbekannten und viele falsche Vorstellungen im Kopf." Diese Entwicklung schmerzt Simo, zumal ihm die deutsche Kultur sehr vertraut, ans Herz gewachsen ist: "Es ist nicht so, dass ich mich fremd fühle, sondern ich erlebe mich als jemand, der fremd erscheint."

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