Aiesec in der Kritik "Alles dreht sich um euch selbst"

Eigentlich wollte Aiesec, die größte Studenteninitiative Deutschlands, in diesem Jahr das 50-jährige Bestehen feiern. Doch für Partys gibt es wenig Anlass: Langjährige Förderer sehen die Bedeutung des Vereins ins Bodenlose sinken. Firmen drohen, ihre Unterstützung einzustellen.

Von Stefan Locke


Praktikantin, Unternehmer: "Zu wenig, wenn man sich in diesem Markt tummeln will."
GMS

Praktikantin, Unternehmer: "Zu wenig, wenn man sich in diesem Markt tummeln will."

Die Zahlen klingen beeindruckend: Über 50.000 Studenten in mehr als 80 Ländern engagieren sich bei Aiesec, der "Association Internationale des Etudiants en Sciences Economique et Commerciales". Über lange Jahre zählte der Verein auch in Deutschland zu den größten und bekanntesten Studentenorganisationen. Sein Vorteil: der weltweite Praktikantenaustausch. Das Prinzip: Aiesec organisiert bei lokalen Unternehmen Praktikumplätze für ausländische Studenten und darf im Gegenzug Studenten der eigenen Uni ins Ausland schicken.

Bei der Wirtschaft kommt das sehr gut an. Sie unterstützt Aiesec auch bei anderen Projekten. Schließlich kommen die Unternehmen so gut mit künftigen Absolventen ins Gespräch und können nebenbei auch für sich werben.

In Deutschland arbeitet Aiesec mit über tausend großen und mittelständischen Unternehmen zusammen. Die größten, darunter DaimlerChrysler, IBM, Lufthansa und Deutsche Bank, sind sogar Mitglieder eines ständigen Förderkonsortiums. Das unterstützt jährlich mit festen Summen das Engagement und damit auch die Existenz des Vereins. Sehr lange ging das gut. Doch nun ist Verstimmung eingetreten - und das ausgerechnet im Jahr 50 nach der Gründung der deutschen Dependance.

"Bedeutung bedrohlich gesunken"

Auf der jüngsten deutschlandweiten Aiesec-Zusammenkunft redete ein Sprecher des Förderkonsortiums Tacheles: Die Unternehmen befänden sich "in tiefer Sorge über die Entwicklung von Aiesec in Deutschland". Die Bedeutung der Studentenvereinigung sei "bedrohlich gesunken", von der Aiesec-Funktion als "Brücke" zwischen Universität und Wirtschaft auch nicht mehr viel zu spüren. Vor allem beim Praktikantenaustausch, einst Hauptaufgabe des Vereins, seien "Entwicklungen verschlafen" worden. "Eure Broschüren sind aufwendig - aber alles dreht sich um euch selbst", so der Vorwurf der prominenten Unterstützer.

Für die Unternehmen ein unhaltbarer Zustand: Fühlten sie sich in der Vergangenheit als Partner wahrgenommen, fungierten sie in letzter Zeit nur noch als Cashcow. "Wozu sind wir noch dabei?", fragte der Sprecher und gab den Studenten zu bedenken: "Was machen Sie, wenn Ihnen gegenüber der Geschäftsleitung die Argumente ausgehen und Sie mehr als früher erklären müssen, womit Sie Ihre Zeit verbringen und Geld ausgeben?" Sollte sich bis Jahresende nichts ändern, müsse der Förderkreis sein Engagement überdenken. Einige Firmen wollten nicht so lange warten und haben bereits das Handtuch geworfen.

Die Existenz steht auf dem Spiel

Starker Tobak für viele Aiesec-Mitglieder, geht es doch um nichts geringeres als die Existenz. Eine schwere Aufgabe auch für den neuen Vorstand, der seit Januar im Amt ist. Der Aiesec-Deutschland-Vorsitzende Joachim Brumbach teilt die Kritik der Unternehmer. Etwas anderes bleibt ihm auch nicht übrig. "Uns fehlt eine klare Positionierung, und wir haben auch zu wenig gemacht", räumt der BWL-Student ein.

Schon lange quält sich der Verein mit einer Reform des äußerst bürokratischen Praktikantenaustauschs. Doch was auch geändert wurde, sicher war bisher nur eins: Die Austauschzahlen sanken. So seien im vergangenen Jahr in ganz Deutschland nur noch 600 Praktikanten über Aiesec ins Ausland gegangen beziehungsweise nach Deutschland gekommen, sagt Brumbach. Vor zehn Jahren waren es noch doppelt so viele. "Das ist zu wenig, wenn man sich in diesem Markt tummeln will", analysiert Brumbach.

Seine Aufgabe ist es jetzt, bis September ein glaubhaftes Konzept zur Erneuerung von Aiesec an die Förderer zu übergeben. Die wollen keine Sprechblasen mehr sehen, sondern haben in ihre Kritik auch gleich konkrete Ziele eingeschlossen: So müsse Aiesec wieder "die führende Studentenorganisation" werden und künftig die "Top-Adresse für Auslandspraktika" sein.

Für Brumbach und viele seiner Aiesec-Kollegen steht außer Frage, dass ihr Verein die Krise übersteht. Wie gut, wird sich bis Ende des Jahres zeigen. Vielleicht bleibt ja dann doch noch ein bisschen Zeit zum Feiern.



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