Akademiker-Preisfrage Wo, bitte, bleibt die Zeit?

Die Junge Akademie in Berlin stellt jedes Jahr eine Preisfrage, die schlicht ist und zugleich verzwickt. Diesmal startete sie die Suche nach dem Zeitverbleib - es wurde ein vergnüglicher Zeitvertreib. Die charmanteste Idee: ein Quartett mit 32 kuriosen Antworten.

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Die Zeit kann so einiges. Alle Wunden heilen zum Beispiel oder zwischen den Fingern zerrinnen, dahin fliegen oder Flügel verleihen. Wenn sie reif ist, kann man mit ihr auch allerhand anstellen - mit ihr gehen oder hinter ihr herhinken; sie vertreiben, verschwenden, schinden, absitzen oder gar totschlagen. Und ein Formwandler ist die Zeit obendrein. Mal tritt sie als Geist auf, dann wieder als Lupe, als Punkt, Raffer, Schrift und Gutschrift, bisweilen als Soldat oder Bombe.

Alles hat seine Zeit. Was aber aus ihr wird, darauf suchte die Junge Akademie in Berlin erhellende Antworten. Die Einrichtung vereinigt 50 Nachwuchswissenschaftler, alle promoviert und die meisten Mitte 30. An ihrer jährlichen "Preisfrage" haben sie großen Spaß: Es handelt sich um eine Art Gesellschaftsspiel, das es seit fünf Jahren gibt und an jene Preisfragen erinnert, mit denen Akademien schon im 18. und 19. Jahrhundert das gebildete Publikum belehrten und belustigten.

"Wo bleibt die Zeit?", das exakt war die Frage der Jungen Akademie im vergangenen Jahr. Mehr als 600 Antworten trafen ein, meist Texte, aber auch DVDs, Gedichte und Gemälde. Besonders charmant und ungewöhnlich fiel zum Beispiel die Replik von Christiane Scheller aus: Die freie Journalistin aus Berlin gestaltete ein Quartett mit 32 Spielkarten. Auf ihnen erzählen Menschen in acht Altersgruppen vom "Windelmatz" über "Thirtysomethings" bis zum "Oldtimer", wie sie ihre Zeit verbringen, was sie langweilt und unterhält.

Unangenehm seien Fahrstunden im Dunkeln (90 Minuten pro Woche), lässt Christiane Scheller da eine 18-jährige Auszubildende antworten. "Auf einem Berggipfel stehen" (eine Stunde pro Jahr) empfindet Student Michael als außergewöhnlich. "An früher denken" (fünf Stunden pro Tag) ist für die 87-jährige Witwe Luise unterhaltsam.

Die Zeit bleibt in den Tiefen unserer Haut

Und wo nun die Zeit bleibt - auch diese Frage wird zum Teil entwaffend beantwortet. Viertklässlerin Saskia erklärt: "Sie ist in den ganzen Sachen, die man gemacht hat." Eine 57-jährige Frau sagt: "Sie bleibt in den Tiefen unserer Haut."

Das Quartett hat einen Schönheitsfehler: Die Antworten sind fiktiv. Christiane Scheller, 36, sammelte sie per Rundmail und in Gesprächen, zum Beispiel auf einer Bahnfahrt von Hamburg nach Berlin mit drei Kindern. Dann montierte sie Bilder und Zitate spielerisch zu den Karten zusammen. Und auch wenn die Aussagen den Menschen auf den Fotos nur in den Mund gelegt sind: Das Spiel ist amüsant. Nicht zuletzt, weil man damit auch zocken kann, wie es sich für ein ordentliches Quartett gehört.

Beim Spiel mit den Karten gewinnt dann bei den unterhaltsamen und außergewöhnlichen Tätigkeiten der höchste Wert - bei langweiligen und unangenehmen der niedrigste. "Es entsteht ein Mosaik aus unterschiedlichen Herangehensweisen, das in seiner Gesamtheit auf unprätentiöse Art viel Klugheit und eine ordentliche Portion Weisheit verpackt", lobte die Akademie-Jury.

Christiane Scheller erhielt für das Zeit-Quartett den zweiten Preis. Der erste ging an Julia Schiller, Leonie Mohr und Hannes Hartmann. Die drei Berliner, Anfang 30, arbeiten als freischaffende Bühnen- und Kostümbildner für Oper und Theater und waren sich einig: Auf diese "große Frage" könne man nur "klein antworten". Sie reichten eine Serie mit einem Dutzend Fotos ein. Die zeigen Alltagssituationen: Briefkästen, eine Spüle, Müllcontainer. Die Zeit, die an diesen Orten vergeht, setzte das Trio mit Sandspuren ins Bild. So führt durchs Treppenhaus nur ein Sand-Rinnsal, in einem Café bleibt ein kleiner Hügel. Und auf dem Schreibtisch türmt sich ein großer Sandhaufen - "wunderbare Bilder", urteilte die Jury.

Der Schmerz in uns und die Sprache von Europa

Der komplette Katalog zur Zeit-Preisfrage (erschienen im Berliner Wissenschafts-Verlag) versammelt noch weitere gute Antworten, neben eher philosophischen Texten oder Kurzgeschichten zum Beispiel die Serie "Immer Zimmer, Kinderzimmer" von Anja Bohnhof, in der fünf Männer vom Studenten bis zum Professor in ihren Räumen bei den Eltern fotografiert wurden und über Kindheitserinnerungen erzählen.

2001 war die Junge Akademie mit ihrer ersten Preisfrage gestartet: "Was ist es, das in uns schmerzt?" Es folgten "Was wollen wir wissen?", "Was im Tier blickt uns an?" und 2004 "Welche Sprache spricht Europa?" Bei letzterer Frage zum Beispiel fand die Kommunikationsdesignerin Mareike Hölter eine famose Antwort: Sie verwandelte sich in 17 europäische Frauen und spielte dabei mit Länderklischees.

In Selbstportraits posiert Hölter in ihrer Fotoserie "Die Europäerin" mal als laszive Spanierin, mal als verträumte Schwedin oder schmallippige Britin. Eine humorvolle Reise durch das Europa der Vorurteile - damit räumte Hölter damals einen der Preise ab.

Wichtig ist für eine anständige Preisfrage: Sie muss verzwickt genug sein, um Wissenschaftler intellektuell zu kitzeln. Sie soll aber auch Menschen aus anderen Bereichen neugierig machen. Und so schlicht sein, dass Antworten in fast jeder Form möglich sind - als Essay oder wissenschaftliche Abhandlung, als Kurzgeschichte, Fotomontage, Video oder Skulptur.

Die Preisfrage 2006 steht schon fest: "Wer hat die Wahl?" Teilnehmen kann jeder außer den 50 Mitgliedern der Jungen Akademie. Die Antworten müssen bis 31. Dezember eintreffen.



insgesamt 138 Beiträge
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Seite 1
sojiti, 06.09.2006
1.
---Zitat von sysop--- Die Zeit kann vieles, doch der Umgang mit ihr ist schwierig. Was ist Zeit für Sie? Wo bleibt sie? Rund um die Zeit: Müßige Überlegungen oder essentielle Fragen? ---Zitatende--- Da fällt mir doch glatt der alte Barry Ryan Titel ein: Die Zeit macht nur vor dem Teufel halt, denn der wird niemals alt, die Hölle wird nicht kalt...
Carl I Fornia, 06.09.2006
2.
---Zitat von sojiti--- Da fällt mir doch glatt der alte Barry Ryan Titel ein: Die Zeit macht nur vor dem Teufel halt, denn der wird niemals alt, die Hölle wird nicht kalt... ---Zitatende--- Die Zeit, die trennt nicht nur den Sohn vom Vater, die Zeit, die trennt auch eines Tages Dich und mich, denn die Zeit ist das was bald geschieht..... Ein geiler Titel, und so wahr....
DJ Doena 06.09.2006
3.
Die Zeit ist das Feuer in dem wir verbrennen. Zeit spielt keine Rolle, alles was zählt, ist das Leben.
tomy, 06.09.2006
4. Zeit ,die uns einmal teuer zustehen kommt
Bei einem Gespräch mit einer Direktorin.... Sie kann nicht mehr schlafen.. Von drei Abgangsklassen haben 4 Schüler bis jetzt einen Ausbildungsplatz... armes Deutschland.... aber es geht aufwärts ,die richtige Politik laut Merkel P.S. Soldaten braucht das Land... für Kampfeinsätze..
wolfgang52, 06.09.2006
5. Zeit "passiert" jetzt
Wenn ich denke, dann bin ich entweder in der Vergangenheit oder in der Zukunft. Ich BIN jedoch im Augenblick. Jetzt. Und nie in der Vergangenheit und nie in der Zukunft. Immer jetzt. Aber denken tu ich immer nach vor oder zurück. Selbst wenn ich denke, dass ich über Gegenwärtiges nachdenke ... nein, es ist immer über etwas "neben" dem Jetzt. Jeder Denkvorgang entfernt mich also vom Jetzt. Das Wort "entfernt" ist nicht recht räumlich und nicht recht zeitlich ... "Wahrnehmung" passiert im Augenblick ... das Denken erfolgt erst hinterher ... es hat nicht recht was mit der "Realität" zu tun. Es ist eher ein virtueller Vorgang. Zeit "erscheint real" zu sein. Aber je näher wir der Zeit kommen (je mehr wir einfach im Augenblick leben), desto entfernter ist die Zeit. Im Augenblick selbst ist sie nicht wahrnehmbar. Erst wenn ich mich ein Stück davon entferne, dann "sehe" ich sie. Vergangen (hinter mir) oder kommend (vor mir). Es ist ein Quanteneffekt. Ein "Stück" Zeit. Zeit tritt genauso wie Materie gequantelt auf, gestückelt. Und zwar immer "jetzt". Man kann es nicht wirklich verstehen. Klar. Denn schließlich kann ich nur einen Gedanken nach dem anderen Denken. Stück für Stück. Und das erfordert Zeit :-) Zeit "passiert". Jetzt. Sie zieht an mir vorbei. So wie Gedanken. Und zwar immer jetzt. Je weiter sich ein Ereignis "entfernt" (räumlich wie zeitlich - das ist synonym!), desto weniger "real" ist es. Wirklich real ist das Ereignis nur dort, wo es "passiert" (man könnte auch sagen: vorbeizieht). Nämlich "jetzt". Aber "hier" (was soviel wie heißt wie jetzt) ist keine Zeit ... Immer dort, wo etwas paradox erscheint, ist "Wahrheit" zu finden. Und das Phänomen Zeit ist etwas sehr(!) Paradoxes ... Denk's durch und verlier dich darin. Am Anfang siehst du sie, die Zeit, da du noch denkst. Je mehr du dich darin vertiefst, desto mehr verliert sie sich. Du "vergisst" dich. Und bist nicht mehr da. Plötzlich bist du im Jetzt. Und die Welt steht still um dich herum. Sag mir, was ist eine Illusion? Es ist die gleiche Frage wie: Was ist Zeit? Und wie halte ich's nun mit der Zeit? Naja. Ich benutze sie.
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