Akademische Doktorspiele Professor Dr. h.c. Volkswagen

Von Hermann Horstkotte

2. Teil: Titel-Inflation: Warum nicht ein Ehrendoktor für Pelé, Anna Netrebko oder Karl Moik?


Die Hochschulrektorenkonferenz macht das übliche Procedere nicht glücklich. Die HRK stellt in den "Empfehlungen zur Verhinderung von Unregelmäßigkeiten bei Erwerb und Verleihung akademischer Titel" einschränkend klar: "Der Grad des Dr. h.c. wird aufgrund wissenschaftlicher Leistungen verliehen." Vorzeigebeispiele jüngerer Zeit sind etwa Hasso Plattner, diplomierter Informatiker und SAP-Gründer, oder Horst Görtz, Pionier von Sicherheitssystemen in der Informationstechnologie. Die Unis in Potsdam und Bochum zeichnen damit große Stifter aus, die sich zugleich aber in Forschung und Lehre einen guten Namen gemacht haben.

Die HRK-Empfehlung stammt von 1994 und ist bisher nicht im Sinne einer großzügigen Titelvergabe entschärft worden. Gleichwohl werden mit dem Ehrendoktor immer häufiger alles andere als streng "wissenschaftliche Leistungen" gewürdigt, bei hochschulfreundlichen Managern wie Hartz zum Beispiel praktische Innovationen im Personalbereich.

"In den Augen anständiger Menschen", so der Bundesgerichtshof, beruhen öffentliche Titel "auf Mühen und Verdiensten". Die sind beim Professorentitel aber noch wissenschaftsfremder als beim Dr. ehrenhalber. In einzelnen Bundesländern wie dem Saarland kann darüber sogar die Regierung allein entscheiden.

Professor aus Liebe zur Saar

So machte Ministerpräsident Peter Müller 2004 das Landeskind Hartz zum Professor wegen "seines Engagements für den Wirtschaftsstandort Saar. Peter Hartz hat sich stets zum Saarland bekannt, wo er noch heute seinen Hauptwohnsitz hat". Mit dieser Begründung könnten natürlich Hunderttausende Saarländer Profs werden. Werden es aber nicht. Dazu erklärte der Justitiar der Hochschulrektorenkonferenz SPIEGEL ONLINE ganz generell: "Wir können nur fordern, dass Titel, die außerhalb des Hochschulrechts vom Staat verliehen werden, auch anders gekennzeichnet werden."

Die Hochschulen selbst vergeben den Titel "Honorarprofessor" nur an akademische Kollegen oder Berufspraktiker, die außerhalb des Elfenbeinturms erworbenes Know-how über Jahre in ehrenamtlichen Lehrveranstaltungen weitergegeben haben. Ausnahmsweise geht es auch anders. So machte die FH Magdeburg-Stendal den "Tagesthemen"-Moderator Ulrich Wickert 2004, kurz vor der Pensionierung, ohne Vorleistungen am Ort zum (Honorar-) Professor für Journalistik. "Es ist eine besondere Ehre für unsere Hochschule, eine Person des öffentlichen Lebens mit einem solch internationalen Lebenslauf gewonnen zu haben", erklärte Rektor Andreas Geiger.

Werbefachleute sprechen von Imagetransfer, in diesem Falle vom Promi auf die weniger prominente Hochschule. Wickert seinerseits benutzt den Professorentitel nicht, wie er gegenüber SPIEGEL ONLINE klarstellt: "Ich halte aber einmal im Semester ein Seminar und mache auf Bitten des Rektors dann auch einmal im Semester eine öffentliche Veranstaltung im Audimax."

Der Marburger Politologe Frank Deppe hält es für eine Fehlentwicklung, dass immer mehr Hochschulen mit Publikumslieblingen "in der Öffentlichkeit in einem besonders gewinnenden Licht erscheinen" wollen und das dann Wettbewerb nennen. In Marburg gab es geräuschvolle Querelen um Helmut Schmidt, den nicht alle Wissenschaftler als adäquaten Ehrendoktor sahen. Am Ende erhielt der Altkanzler aber den Titel.

Das Ausland macht's vor: So adelte die Nationale Sportakademie in der bulgarischen Hauptstadt Sofia unseren Kaiser Franz zum Dr. h.c. Beckenbauer - wegen Verdiensten um die Völkerverständigung. Sollten vielleicht auch die deutschen Hochschulen auf dem Gebiet des Scheinwettbewerbs nach Hartz, Volkert und anderen endlich internationaler werden? Wie wär's mit Pelé oder Anna Netrebko? Den Bambi hat die Operndiva schon, ein akademischer Kopfschmuck fehlt ihr noch.

insgesamt 62 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Willie, 15.11.2007
1.
Zitat von sysopAn deutschen Universitäten werden immer häufiger Ehrendoktortitel an Vertreter aus Politik und Wirtschaft verliehen. Was meinen Sie zu dieser Titelinflation?
Es bedeutet nur, dass der Ehrendoktor als Wissensauszeichnung bedeutungslos wird. In Zukunft wird er dann wohl auch nicht mehr gefuehrt werden, da er dem Wissenden eher peinlich wird.
DJ Doena 15.11.2007
2.
Ist doch das gleiche Spiel mit Ehrenbürgern und Bundesverdienstkreuzen.
Klo, 15.11.2007
3.
Zitat von sysopAn deutschen Universitäten werden immer häufiger Ehrendoktortitel an Vertreter aus Politik und Wirtschaft verliehen. Was meinen Sie zu dieser Titelinflation?
Irgendwie müssen doch die Unfähigen zu ihren Titeln kommen...
DanielaMund, 15.11.2007
4.
Zitat von KloIrgendwie müssen doch die Unfähigen zu ihren Titeln kommen...
Ist mir lieber so, als wenn die einen Doktor ohne hc machen (gegen eine großzügige Spende ans Institut), und damit den Ruf der "richtigen" Doktoren verderben.
Willie, 15.11.2007
5.
Zitat von DanielaMundIst mir lieber so, als wenn die einen Doktor ohne hc machen (gegen eine großzügige Spende ans Institut), und damit den Ruf der "richtigen" Doktoren verderben.
Stimmt genau. Nur gab es in der Vergangenheit eben auch Menschen, die sich durch ihr persoenliches Engagement und oft auch autodidaktisch sich wissenschaftlich so verdient gemacht haben, dass ihnen der hc als angemessen Anerkennung voellig zu recht zuerkannt werden konnte. Diese sind dann diejenigen, deren Anerkennung hierdurch am meisten entwertet wird. Gluecklicherweise sind dies aber auch meist gerade die Leute, denen an Titeln am wenigsten gelegen ist. Vielleicht ist dies dann ein Stueck ausgleichende Gerechtigkeit.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.