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15. November 2007, 17:23 Uhr

Akademische Doktorspiele

Professor Dr. h.c. Volkswagen

Von Hermann Horstkotte

Hochschulen brauchen Partner aus Wirtschaft und Politik - und bewerfen Prominente darum gern mit Ehrentiteln. Das kann auch schiefgehen, wie bei den VW-Managern Volkert und Hartz: zwei warnende Beispiele aus der Scheinwelt von Eitelkeit und Liebedienerei.

Vom gelernten Schmied ohne Abi und Studium bis zum Ehrendoktor, das gelang Dr. h.c. Klaus Volkert, 64. Der langjährige VW-Betriebsratsvorsitzende ist angeklagt wegen Anstiftung zur Untreue in 48 Fällen, heute beginnt der Prozess. Der frühere VW-Personalchef Peter Hartz hatte gestanden, Volkert mit Sonderzahlungen in Millionenhöhe und Lustreisen auf Firmenkosten bedient zu haben. Beide haben akademische Ehrentitel und führen sie weiter; nur sein Bundesverdienstkreuz hat Hartz wegen der VW-Affäre bereits zurückgegeben. Der Betriebswirt der Höheren Wirtschaftsschule (später Fachhochschule) in Saarbrücken brachte es zum "Professor Dr. h.c.": Das Saarland machte ihn zum Professor, die Uni Trier zum Ehrendoktor.

Die Ehrentitel sind ein alter Zopf, irritierend in der vielbeschworenen Leistungsgesellschaft. Sie werden durch reinen Gunsterweis von einer Hochschule oder auch der Landesregierung "verliehen" - anders als die normalen akademischen Grade und Titel, die Wissenschaftler durch Prüfungen oder im Wettbewerb um Stellen erwerben. Wer hat, der hat: Zwar kann ein Ehrentitel auch gerichtlich wieder aberkannt werden, aber nur bei schwersten Straftaten wie Mord.

Akademische Ehrendoktorspiele gehören längst zum universitären Alltag. Ihr Sinn ist klar: Die Hochschulen buhlen intensiv um hochrangige Partner in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Das soll gute Kontakte festigen, neue Kontakte ermöglichen, den Zugriff auf die Industrie-Töpfe erleichtern. Die Ehren-Professoren und -Doktoren erhalten einen schmucken Namenszusatz - und die Hochschulen wiederum dürfen sich im Abglanz der Wirtschaftskapitäne und Politprominenz sonnen: klassische Win-Win-Situation, solange es keinen Ärger gibt.

Betriebsfest mit Doktorhut

Die Erhebung in den akademischen Adelsstand erfolgt stets so wie etwa bei Volkert: Namhafte Professoren beantragten im Fachbereich, ihm den Doktortitel zuzuerkennen. Das Professorenkollegium bestellte Fachgutachten über die Verdienste des Kandidaten, möglichst wissenschaftlicher Natur, und entschied dann über den Antrag mit Mehrheit.

Hartz (links), Volkert: Beide bekränzt mit akademischem Lorbeer
DPA

Hartz (links), Volkert: Beide bekränzt mit akademischem Lorbeer

Dennoch: "Für die deutsche Universitätslandschaft überhaupt dürfte diese akademische Auszeichnung einmalig sein", hatte Herbert Oberbeck, Dekan der TU Braunschweig, 2002 in seiner Rede auf den neuen "Doktor der Staatswissenschaften Ehren halber Volkert "getönt. Mit der Verleihung der Ehrendoktorwürde wolle man "seinen persönlichen Beitrag" zur betrieblichen Zusammenarbeit" ebenso auszeichnen wie die Leistung der Betriebsräte des VW-Konzerns insgesamt".

Erstmals wurde damit der Doktorhut gleichsam einer anonymen Organisation statt einer Person aufgesetzt. So sollten "die Verbindungen zwischen der Universität und dem Volkswagen-Konzern bekräftigt werden". Das heißt konkret: Stiftungslehrstühle oder Forschungsaufträge von der Firma für die Hochschule. Inzwischen hat sich die mit Wissenschaftslorbeer bekränzte Sozialpartnerschaft zwischen Arbeitnehmervertreter Volkert und VW-Personalchef Hartz als eine von List und Lust zusammengehaltene Cliquenwirtschaft älterer Herren herausgestellt.

Im Namen der Wissenschaft

Peinlich auch für die Uni? Der heutige Braunschweiger Rektor Jürgen Hesselbach zuckt mit den Schultern: "Richtige Doktorarbeiten veralten durch neue Einsichten, auch Ehrenpromotionen."

Auf den Wandel der Zeiten verweist auch der Trierer Betriebswirtschafts-Professor Hartmut Wächter. Er hatte an seiner Uni 1994 die Ehrenpromotion von Hartz betrieben, bei dessen Wechsel vom Saarland zu VW in Wolfsburg. "Es ist doch klar", sagte Wächter SPIEGEL ONLINE, "dass es nicht nur um wissenschaftliche Leistungen gehen kann, wenn man einem Nichtwissenschaftler den Ehrendoktor verleiht. Hartz war für uns damals schon ein Dutzend Jahre wichtig gewesen für Betriebsstudien in der Dillinger Hütte sowie für Praktikumsplätze unserer Studierenden und ihre Diplomarbeiten."

Und doch: Da entsteht ein Anschein wie bei der Wahl zum "Ehrenbrandmeister", der an keinen Feuerwehreinsätzen teilnehmen muss. Auf dem Dorf wird das schon mal der dicke Bauer, wenn er ein paar Hektoliter Bier springen lässt.

Titel-Inflation: Warum nicht ein Ehrendoktor für Pelé, Anna Netrebko oder Karl Moik?

Die Hochschulrektorenkonferenz macht das übliche Procedere nicht glücklich. Die HRK stellt in den "Empfehlungen zur Verhinderung von Unregelmäßigkeiten bei Erwerb und Verleihung akademischer Titel" einschränkend klar: "Der Grad des Dr. h.c. wird aufgrund wissenschaftlicher Leistungen verliehen." Vorzeigebeispiele jüngerer Zeit sind etwa Hasso Plattner, diplomierter Informatiker und SAP-Gründer, oder Horst Görtz, Pionier von Sicherheitssystemen in der Informationstechnologie. Die Unis in Potsdam und Bochum zeichnen damit große Stifter aus, die sich zugleich aber in Forschung und Lehre einen guten Namen gemacht haben.

Die HRK-Empfehlung stammt von 1994 und ist bisher nicht im Sinne einer großzügigen Titelvergabe entschärft worden. Gleichwohl werden mit dem Ehrendoktor immer häufiger alles andere als streng "wissenschaftliche Leistungen" gewürdigt, bei hochschulfreundlichen Managern wie Hartz zum Beispiel praktische Innovationen im Personalbereich.

"In den Augen anständiger Menschen", so der Bundesgerichtshof, beruhen öffentliche Titel "auf Mühen und Verdiensten". Die sind beim Professorentitel aber noch wissenschaftsfremder als beim Dr. ehrenhalber. In einzelnen Bundesländern wie dem Saarland kann darüber sogar die Regierung allein entscheiden.

Professor aus Liebe zur Saar

So machte Ministerpräsident Peter Müller 2004 das Landeskind Hartz zum Professor wegen "seines Engagements für den Wirtschaftsstandort Saar. Peter Hartz hat sich stets zum Saarland bekannt, wo er noch heute seinen Hauptwohnsitz hat". Mit dieser Begründung könnten natürlich Hunderttausende Saarländer Profs werden. Werden es aber nicht. Dazu erklärte der Justitiar der Hochschulrektorenkonferenz SPIEGEL ONLINE ganz generell: "Wir können nur fordern, dass Titel, die außerhalb des Hochschulrechts vom Staat verliehen werden, auch anders gekennzeichnet werden."

Die Hochschulen selbst vergeben den Titel "Honorarprofessor" nur an akademische Kollegen oder Berufspraktiker, die außerhalb des Elfenbeinturms erworbenes Know-how über Jahre in ehrenamtlichen Lehrveranstaltungen weitergegeben haben. Ausnahmsweise geht es auch anders. So machte die FH Magdeburg-Stendal den "Tagesthemen"-Moderator Ulrich Wickert 2004, kurz vor der Pensionierung, ohne Vorleistungen am Ort zum (Honorar-) Professor für Journalistik. "Es ist eine besondere Ehre für unsere Hochschule, eine Person des öffentlichen Lebens mit einem solch internationalen Lebenslauf gewonnen zu haben", erklärte Rektor Andreas Geiger.

Werbefachleute sprechen von Imagetransfer, in diesem Falle vom Promi auf die weniger prominente Hochschule. Wickert seinerseits benutzt den Professorentitel nicht, wie er gegenüber SPIEGEL ONLINE klarstellt: "Ich halte aber einmal im Semester ein Seminar und mache auf Bitten des Rektors dann auch einmal im Semester eine öffentliche Veranstaltung im Audimax."

Der Marburger Politologe Frank Deppe hält es für eine Fehlentwicklung, dass immer mehr Hochschulen mit Publikumslieblingen "in der Öffentlichkeit in einem besonders gewinnenden Licht erscheinen" wollen und das dann Wettbewerb nennen. In Marburg gab es geräuschvolle Querelen um Helmut Schmidt, den nicht alle Wissenschaftler als adäquaten Ehrendoktor sahen. Am Ende erhielt der Altkanzler aber den Titel.

Das Ausland macht's vor: So adelte die Nationale Sportakademie in der bulgarischen Hauptstadt Sofia unseren Kaiser Franz zum Dr. h.c. Beckenbauer - wegen Verdiensten um die Völkerverständigung. Sollten vielleicht auch die deutschen Hochschulen auf dem Gebiet des Scheinwettbewerbs nach Hartz, Volkert und anderen endlich internationaler werden? Wie wär's mit Pelé oder Anna Netrebko? Den Bambi hat die Operndiva schon, ein akademischer Kopfschmuck fehlt ihr noch.

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