Akademische Mythen Das Recht auf Faulheit

An den Unis gibt es ein Stillhalteabkommen: Dozenten und Studenten, so will es die akademische Sitte, stören einander möglichst wenig. Im Durchschnitt nimmt sich ein Professor für den gemeinen Studenten täglich genau 38 Sekunden Zeit. Und das ist fast noch zu viel des Guten.


Statistiken sind eine feine Sache. Weil man mit Tortengrafiken und Erhebungen so ziemlich alles beweisen kann, was man will. Und so war kürzlich in einem bunten Magazin die statistische Feststellung zu lesen, dass der gemeine deutsche Student täglich nur 38 Sekunden lang persönlichen Kontakt zu Professoren hat.

Professor, Studenten: Mal ehrlich, wer will schon so viel Nähe?
GMS

Professor, Studenten: Mal ehrlich, wer will schon so viel Nähe?

Wie man es dreht und wendet, nur 38 Sekunden, das ist sehr wenig und reicht gerade mal für ein Händeschütteln. Selbst wenn man sich das Kontingent einer ganzen Woche aufsparte, wären das nur knapp über vier Minuten. Nun würde uns natürlich brennend interessieren, wie diese Zahl zu Stande gekommen ist. Lichtschranke an der Dienstzimmertür? Sensoren an der Aktentasche? Gedächtnisprotokolle der Sekretärin? Diese Meldung über die professorale Zeitknappheit korrespondiert alarmierend mit den sonstigen Meldungen, die uns im Minutentakt aus den Universitäten erreichen. Von überfüllten Hörsälen lesen wir ständig; von studentischen Biwaks vor Dekanaten, weil man sich morgen früh in die Übungslisten eintragen kann; von Hausarbeiten, die nur zur Hälfte oder gar nicht korrigiert worden sind. Wenn der Professor zu viel weißKlagen über diese Zustände gehören zum Standardrepertoire jedes Studenten, wenn er zum deutschen Hochschulwesen befragt wird. In den Rankings werden dann wahlweise bessere Vorbereitung der Lehrenden und kleinere Seminare gefordert. Doch Hand aufs Herz, kann man das wirklich wollen? Dass sich Professoren zum Beispiel plötzlich Zeit für jeden Studenten nehmen, ausführlich die Korrekturen der Hausarbeit erläutern und sich womöglich auch noch für den akademischen Werdegang und gesundheitliche Probleme des Studenten interessieren? Derzeit legt die akademische Sitte fest, dass sich Professoren und Studenten möglichst wenig für einander zu interessieren haben. Beispiel Scheinabholung: Der Student spricht im Vorzimmer vor und bekommt dann von einer griesgrämigen Sekretärin die Arbeit in die Hand gedrückt. Auf dem Flur schlägt er dann die Arbeit auf und findet am Rand launige Kommentare wie "Unfug!" oder "Hanebüchen!". Dennoch ist die Arbeit befriedigend minus, mithin der Teilnahmeschein gesichert, der Student zuckt mit den Achseln und trifft sich mit Freunden im Kaffeehaus. Man stelle sich nun vor, die Sekretärin wäre plötzlich nicht mehr übellaunig, sondern ausgesucht freundlich. Man stelle sich weiter vor, der Professor wäre tatsächlich an der Uni und nicht in der Toskana oder auf ausgedehnten Forschungsreisen mitten im Semester. Er hat sich auch nicht in seinem Dienstzimmer verschanzt, sondern steht mit ausgebreiteten Armen am Türpfosten. Es gibt Kaffee und Kuchen, natürlich kennt er den Namen des Studenten und seine Semesterzahl. Er weiß von der gerade noch abgewendeten Exmatrikulation wegen Betrugsversuchen in zwei Klausuren und von seinen Schwierigkeiten mit eingeschobenen Relativsätzen. Der Nichtangriffspakt nützt allenWomit man dann bei der Hausarbeit wäre. Der Professor nimmt seine Lesebrille und erklärt dann sanft seine Anmerkungen. "Unfug" habe er geschrieben, weil es eben, nun ja, ein ziemlicher Unfug gewesen sei, was der Student da geschrieben habe. Und "Hanebüchen", je nun, die Argumentation lasse sich kaum anders als hanebüchen bezeichnen.
Vorlesung: Immer ausreichend Sicherheitsabstand zwischen Dozent und Studenten
DPA

Vorlesung: Immer ausreichend Sicherheitsabstand zwischen Dozent und Studenten

Und wenn er sich jetzt noch einmal die Arbeit gründlich betrachte, dann sei die Arbeit nicht befriedigend, sondern allerhöchstens ausreichend zu nennen. Flugs ist die Note korrigiert. Noch Kaffee? Oder ein Stückchen Kuchen? Nach zwei Stunden verlässt der Student düpiert das Dienstzimmer. Die Freunde, die eine Stunde im Kaffeehaus gewartet haben, sind derweil längst gegangen. Sie sind schwer beleidigt, weil niemand gerne versetzt wird. Ob sie sich jemals wieder melden werden?Klappsitze gehören zur studentischen FolkloreUnd reden wir nicht drum herum: Auch überfüllte Hörsäle gehören doch längst zur studentischen Folklore. Man sitzt eng gedrängt auf unbequemen Klappsitzen und auf den Stufen daneben, vorne redet ein Mann halblaut von Molekülen oder englischen Adverbien, nach fünf Minuten hört man auf mitzuschreiben und unterhält sich lieber mit dem Nachbarn. Der war auch ein Jahr im Ausland, ist auch neu hier und sucht jetzt eine Wohnung, hat schon die Einführung gemacht, heißt Peter und überhaupt. Richtig gemütlich ist das dann, und wenn einer eine Gitarre dabei hätte, würde man auch gerne mehrstimmig den Lagerfeuer-Klassiker "Country Roads" singen.Angesichts solch perlender Hörsaal-Romantik: Will man stattdessen lieber vom Herrn vorn am Katheder mit stofflichen Fragen belästigt werden? Um dann mit anschwellender Gesichtsröte zu gestehen, dass man gerade nicht so recht aufgepasst habe? Oder gar mit zehn anderen Studenten in kleinen Räumen sitzen und dauernd vom Professor an die Tafel gerufen zu werden. Und das, obwohl man sich nicht vorbereitet hat und ohnehin nur im Nebenfach studiert? Nein, bei Licht betrachtet sind 38 Sekunden täglicher Kontakt zum Hochschullehrer völlig ausreichend. Fast erscheinen uns 38 Sekunden sogar ein bisschen zu viel.



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