Akademische Servicewüste Datenlawine zwingt Unis in die Knie

Viele Hochschulen arbeiten wie selbstverwaltete Betriebe der Siebziger. Vor allem bei Prüfungen regiert das Chaos, Bachelor und Master machen es noch schlimmer. Die Lösung finden Unis im Internet - studentische Selbstbedienung mit Platzbuchung per Mail.

Alexander Ross


Bachelor-Absolventen (in Bremen): Neue Datenflut durch die neuen Abschlüsse
International University Bremen

Bachelor-Absolventen (in Bremen): Neue Datenflut durch die neuen Abschlüsse

Auf ihre Vordiplomszeugnisse mussten Studenten einer ostdeutschen Fachhochschule 2003 geschlagene sechs Monate warten, weil die Mitarbeiter alle Hände voll mit Neuimmatrikulationen zu tun hatten. Nachdem Praktikumsbewerbungen wegen des fehlenden Papiers akut bedroht waren, bot man als "Härtefallregelung" eine manuelle Ausstellung an. Doch viele sahen in den handgeschriebenen Zeugnissen keine gute Empfehlung - schon gar nicht für Studenten eines Informatik-Fachbereichs.

Chaotische Szenen spielen sich jeden Tag auf den Verwaltungsfluren deutscher Universitäten auch in anderen Fächern ab. Erst kürzlich dokumentierte SPIEGEL ONLINE eine Prüfungsanmeldung als Beckett-Drama: Früh um halb acht wollte sich der Student in eine Liste am Lehrstuhl eintragen, musste aber feststellen, dass die Schlange bereits bis ins Treppenhaus reicht - und die ersten Kommilitonen schon seit vier Uhr morgens warteten.

Nicht nur Studenten fragen inzwischen: Was nützt die Exzellenz-Initiative von Noch-Ministerin Bulmahn, wenn hinter den Hochschulkulissen die Organisation versagt? Denn beim Bologna-Hype wurde vor allem von den Politikern nicht bedacht, was die Modularisierung der Studiengänge für die Hochschulverwaltung bedeutet: eine Datenlawine, die gründlich die chronisch dezentrale Organisation der Unis in die Knie zwingt.

Der Begriff Bologna steht für die europaweite Einführung gestufter Studiengänge bis 2010. Darauf haben sich die EU-Bildungsminister geeinigt. Deutsche Hochschulen haben bereits rund 1500 Bachelor- und ebenso viele Masterstudiengänge eingerichtet. Doch nun zeigt sich: Die Strukturen der Verwaltung und der Hochschul-IT werden zum Flaschenhals mit Staugarantie. Waren bisher vor allem Zwischenprüfung und Abschlussprüfung entscheidend, wird mit der Modularisierung der Prüfungsaufwand der Studiengänge vervielfacht - Experten rechnen mit einem zehnmal höheren Aufwand für die Datenverwaltung bei der Betreuung der Studenten.

Ein Flickenteppich von Daten und Datenbanken

Bereits in den letzten zehn Jahren stiegen an der Universität Mannheim die Fallzahlen der Prüfungen von 4000 auf inzwischen 18.000 im Jahr. Und künftig werden sich Studenten in jedem Semester zu einer Vielzahl von Prüfungen anmelden, ummelden oder wieder abmelden. Genügte bisher eine festgelegte Anzahl von Scheinen, so muss nun bei jeder Einzelprüfung eines Studenten zuvor die Zulassungsvoraussetzung geprüft werden, etwa anhand von erbrachten Leistungen und bereits unternommenen Prüfungsversuchen.

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Noch dazu steht die Verwaltung vor der immensen Aufgabe, alle Prüfungen jedes Semesters überschneidungsfrei zu planen: mit den Kandidaten, den Prüfern und vor allem mit der Belegung freier Räume für die Prüfung - sofern diese nicht wie bereits manche Protestvorlesung unter freiem Himmel stattfinden soll.

"Bologna ist für die Universitäten nur noch mit moderner Technik lösbar bei den vielen Fragen der konkreten Umsetzung", stellt Ulrich Schmid vom Multimedia-Kontor Hamburg fest. Seine von Wissenschaftssenator Jörg Dräger installierte Service-GmbH berät die staatlichen Hochschulen der Hansestadt bei IT-Strategien in Lehre und Organisation und veranstaltet dazu mit "Campus Innovation" am Dienstag und Mittwoch zum dritten Mal einen Kongress.

Denn viele Unis arbeiten heute noch wie einst die selbstverwalteten Betriebe in den Siebzigern - Freiheit von Forschung und Lehre bedeutet oft auch Freiheit der Verwaltung. Ein Flickenteppich von Daten und Datenbanken, bis hin zu Excel-Tabellen auf einzelnen PCs an Lehrstühlen. "Versuchen Sie mal, jedem Studenten auf dem Campus eine Nachricht per E-Mail zu schicken. Bei vielen geht das gar nicht", sagt Schmid. So sieht er neben der Autonomie eine unterschiedliche Kultur als Hauptursache: Hochschulen seien eben keine Unternehmen - die Hochschule forsche meist nach besten Lösungen, während Unternehmen vor allem eine praktikable Lösung anstrebten.

Zwischen Orwell und Amazon

Doch erste große Universitäten brechen mit alten Gewohnheiten und setzen auf IT-Lösungen, wie sie bereits in vielen Unternehmen eingesetzt werden. So auch die Freie Universität in Berlin: Sie startet zum Wintersemester mit "Campus Management" ein neues System zur Studien- und Prüfungsverwaltung der Bachelor- und Masterstudiengänge. Und ab Anfang Oktober 2005 verwalten und pflegen die Studenten mittels einer FU-eigenen Mailadresse und über ein spezielles Internet-Portal ihre Daten und Lehrveranstaltungen selbst.

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Für FU-Projektleiter Michael Wilmes geht es darum, den Studenten einen modernen Service anzubieten, der zugleich die Verwaltungsstrukturen der Universität modernisiert. Semesteranmeldung, Belegung von Lehreinheiten, Studienleistungen, relevante Studierendendaten von der Immatrikulation bis zur Prüfungs-Urkunde - alles online. Doch auch die Dozenten bekommen die neue Ordnung des Internet-Portals zu spüren: Übertrug sich bislang die akademische Freiheit auch auf das Zeitgefühl der Prüfer bei Korrekturen und Notenerteilung, gelten jetzt die Fristen für die Eintragungen ins Campus-Management ebenso für die Dozenten.

Die Studentenschaft schwankt beim Urteil über die neue Technik zwischen Orwell und Amazon: Kritiker sehen das Humboldtsche Bildungsideal in ein enges Termin- und Datenkorsett eingeschnürt. Die Befürworter dagegen fordern von der Hochschule endlich einen Online-Service, wie sie ihn von Anbietern aus dem Internet längst kennen. Um Bedenken auszuräumen, hat die FU Berlin auch die Datenschutzbeauftragten und die Personalräte mit ins Boot geholt. "Wir wollen nicht den gläsernen Studenten, sondern transparente Abläufe", so Projektleiter Wilmes, "nur davon haben alle etwas."

Vielleicht wirken aber auch noch stärkere Antriebskräfte, wie es der Vizepräsident einer anderen großen Universität andeutet: die bevorstehenden Studiengebühren. Er sieht für seine Alma mater bereits Auseinandersetzungen mit Studenten voraus, wenn ein künftig kostenpflichtiges Studium durch nachweislich mangelhafte Organisationsabläufe unnötig verlängert wird - schlampt die Uni, drohen ihr Klagen durch die unzufriedene Kundschaft.



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