Akupunktur-Studium in Shanghai Beifuß statt Schulmedizin

Drei Monate lang erlernen junge Mediziner aus Europa und Amerika an einer Shanghaier Universität die traditionelle chinesische Kunst der Akupunktur. Den heilsamen Kulturschock gibt es inklusive.

Von Silvia Liebermann


Akupunktur: Johannes Demuth mit chinesischer Ärztin im Krankenhaus
Silvia Liebermann

Akupunktur: Johannes Demuth mit chinesischer Ärztin im Krankenhaus

"Ni hao. Darf ich mal bitte Ihren Puls fühlen?" fragt Johannes Demuth. Die Chinesin lächelt geduldig, als der blonde Mann ihr Handgelenk ergreift. Auch, als er ein paar lange Nadeln nimmt und in ihre Beine setzt, bleibt sie gelassen. "Bewundernswert, mit welcher Ruhe sich die chinesischen Patienten von mir akupunktieren lassen", sagt der 31-jährige Münchner Arzt, der in Shanghai Akupunktur studiert.

"Was würden Sie sagen, wenn Sie zu Hause an Stelle Ihres gewohnten Arztes plötzlich ein Chinese behandeln würde, der kein Wort deutsch spricht? Da würde doch eine Omi in Deutschland davonlaufen wollen."

Es ist ambulante Sprechstunde im Shanghaier Ruijin-Krankenhaus, das mit der "University of TCM" kooperiert. Mehrere Patienten warten bereits in dem engen Sprechzimmer, die Behandlung erfolgt vor den neugierigen Augen anderer Kranker. Ein alter Mann liegt auf einer Liege, ein Dutzend Akupunkturnadeln in Kopf und Rücken.

Es riecht wie in einem Coffee-Shop

Vorsichtig setzt eine chinesische Ärztin kleine Pyramiden aus Moxa, einem Pulver aus Beifuß, auf die Nadeln und zündet sie an. Das glühende Pulver soll für besseren Energiefluss sorgen und verbreitet den Geruch eines Amsterdamer Coffee-Shops.

Gaststudentin aus Finnland an der Shanghaier Uni
Silvia Liebermann

Gaststudentin aus Finnland an der Shanghaier Uni

Immer mehr Schulmediziner stoßen in der westlichen Welt an ihre Grenzen - und machen sich im Osten auf die Suche nach Alternativen. Auch Johannes Demuth erhofft sich von dem Drei-Monats-Kurs an der "Shanghai University of TCM" zusätzliche Anregungen zur Schulmedizin. "Bei einigen chronischen Krankheiten ist die Akupunktur äußerst erfolgreich", erklärt der Mediziner und erzählt von Migräne-Patienten, die nach wenigen Behandlungen schmerzfrei nach Hause gehen.

Das Zertifikat, das es bei erfolgreichem Abschluss des Kurses gibt, ist von der Weltgesundheitsorganisation anerkannt. Medizinstudenten, Ärzte, Physiotherapeuten und Heilpraktiker aus Europa, Amerika und Australien kommen nach Shanghai, um einen Einblick in die Traditionelle Chinesische Medizin zu bekommen. Praxistage im Krankenhaus wechseln sich mit Theoriestunden an der Uni ab.

Kulturschock an der Uni

Doch während die Studenten im Krankenhaus selbst praktizieren und dadurch vieles lernen können, erleiden die meisten an der Uni einen Kulturschock. "Der Unterricht ist unstrukturiert und didaktisch wenig durchdacht", sagt die 23-jährige Anne Martin enttäuscht. Fragen seien eher unerwünscht.

Ein weiteres Problem ist die Sprachbarriere. Entgegen der Ankündigung auf der Internetseite wird der Kurs nicht auf Englisch gehalten, sondern auf Chinesisch. Zwar gibt es eine Dolmetscherin, doch die Diagramme werden oft nur auf Chinesisch gezeigt.

"Man hat das Gefühl, die Fassade der Uni zählt mehr als der Inhalt", kritisiert Johannes Demuth. Gerade ist der riesige Campus von Shanghais Altstadt in das boomende Wirtschaftszentrum Pudong umgezogen. "Hier gibt es Fußböden aus Marmor und neueste technische Geräte - doch die Technik kann niemand bedienen und die Lehrbücher sind 20 Jahre alt", beschreibt er den Widerspruch.

Tai Chi im Verkehrschaos

Trotzdem bereut keiner der Studenten, den Kurs belegt zu haben. "Die Auseinandersetzung mit diesen Problemen gehört eben zur kulturellen Erfahrung hier", resümiert Benjamin Touati aus Frankreich. Außerdem sei das Studium in China viel authentischer und intensiver als Wochenendkurse in Europa.

Behandlung mit Moxa: Das Pulver aus Beifußkraut soll für besseren Energiefluss sorgen
Silvia Liebermann

Behandlung mit Moxa: Das Pulver aus Beifußkraut soll für besseren Energiefluss sorgen

Was die ausländischen Studenten neben den Akupunkturkenntnissen mit nach Hause bringen, sind vor allem Eindrücke aus einem Land extremer Gegensätze. Besonders beeindruckt sei er von den alten Leuten, die inmitten des Shanghaier Verkehrschaos seelenruhig ihre Tai-Chi-Übungen oder Schwerttanz machen, erzählt Johannes Demuth.

Auch das Leben auf dem Campus ist eine Erfahrung. Während die westlichen Studenten in modernen Zweizimmer-Wohnungen untergebracht sind, wohnen die Chinesen in einem winzigen Zimmer - zu viert. Privatleben gibt es fast keines. Nach der Uni lernt man oder trifft sich zum Sport. Morgens begleitet heroische Marschmusik die gemeinsame Gymnastik.

Fünf bis sieben Jahre dauert das volle Studium der Traditionellen Chinesischen Medizin an der Shanghai University of TCM. Können westliche Mediziner ein so komplexes Wissensgebiet überhaupt in drei Monaten begreifen? "Der Kurs hier ist nur der Anfang", gibt Johannes Demuth zur Antwort. "Und als westlicher Schulmediziner muss man dabei komplett umdenken."



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