Alarmruf der Rektoren "Hochschulen stehen mit dem Rücken zur Wand"

Ungemütlich ist es an Deutschlands Hochschulen heute schon. Es könnte noch schlimmer kommen: Die Rektoren befürchten weitere Sparrunden. Sie fordern, dass Bund und Länder auch künftig zusammenwirken sollen, damit eine neue Bildungskatastrophe ausbleibt.

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Bereits in den achtziger Jahren scheiterte der Versuch, den Studentenberg zu "untertunneln". In den Neunzigern kürzten die klammen Bundesländer kräftig weiter und fuhren die Universitäten und Fachhochschulen so mit Karacho gegen die Wand. Die Folgen sind heute überall in Deutschland zu besichtigen: Hochschulen, die auf dem letzten Loch pfeifen, hoffnungslos überlastete Professoren, unzufriedene Studenten, die dicht an dicht in Vorlesungen und Seminaren hocken.

Überfüllter Audimax (in Halle): Mehr Studienplätze - aber wie?
DPA

Überfüllter Audimax (in Halle): Mehr Studienplätze - aber wie?

Über zwei Millionen sind derzeit bundesweit eingeschrieben, und der Andrang steigt: In ihren Prognosen sagen die Kultusminister für die nächsten Jahre einen starken Anstieg des Studieninteresses voraus. Bis 2014 werde die Studentenzahl um eine halbe Million auf knapp 2,7 Millionen klettern, dann bis 2020 wieder etwas fallen, so ihr Orakel. Und weil die deutsche Studienanfängerquote von 36 Prozent eines Schulabgänger-Jahrgangs im internationalen Vergleich mickrig ist (USA: 64 Prozent), sind mehr Studenten politisch durchaus erwünscht, wie Bildungspolitiker unisono betonen.

Nur: Wer soll's bezahlen? 

Wo die Studienanfänger alle Platz finden sollen, ist ein ständiges Rätsel - die Devise "Bitte etwas zusammenrücken" ist jedenfalls keine Lösung. Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) ahnt, dass es künftig noch schlimmer kommen könnte als bisher schon: "Mitten auf ihrem Weg nach Europa müssen die deutschen Hochschulen gegen neue Hürden im eigenen Land kämpfen" und stünden "mit dem Rücken zur Wand", erklärte die neue HRK-Präsidentin Margret Wintermantel am Donnerstag. Über die Hälfte aller Studienangebot seien bereits zulassungsbeschränkt, "weil die Hochschulen anders einen vertretbaren Qualitätsstandard nicht mehr aufrechterhalten können".

Bei ihrer Jahresversammlung in Greifswald machten die Rektoren soeben eine kleine bildungspolitische Inventur. Was sie sahen, konnte ihnen nicht gefallen. Als hätten die Universitäten und Fachhochschulen nicht schon genug Sorgen, droht nun auch noch die finanzielle Unterstützung aus Berlin zu versiegen. Bis dato können und dürfen Bund und Länder bei der Bildungsfinanzierung zusammenarbeiten, etwa beim Hochschulbau, bei Sonderprogrammen wie der Förderung der Eliteunis oder auch beim Programm für Ganztagsschulen. Seit aber die Föderalismusreform beschlossen wurde, steuern die Hochschulen in eine eher düstere Zukunft. Denn damit werden die Zuständigkeiten von Bund und Ländern klar getrennt, für Bildung sollen künftig die Länder allein zuständig sein.

Rektoren warnen vor einer "Katastrophe"

Die gemeinsame Befürchtung der Hochschulen: Der Bund wird fortan gar kein Geld mehr beisteuern dürfen - und die Länder werden nicht genug geben können oder wollen. Die HRK fordert deshalb ein "entschlossenes gemeinsames Handeln im Sinne eines Hochschulpaktes. Kleinstaatliche Strukturen und gar ein Kooperationsverbot von Ländern und Bund, wie sie im Zuge der Föderalismusreform für den Hochschulbereich geplant sind, sind eindeutig schädlich", so Margret Wintermantel.

Der Heidelberger Rektor Peter Hommelhoff schlug als HRK-Sprecher ebenfalls Alarm: Durch die Föderalismusreform werden die deutschen Hochschulen "mit erheblich weniger von dem, was sie bisher erwarten durften, rechnen können", sagte er. Wenn sich der Bund aus der lehrbezogenen Finanzierung vollständig heraushalte, könne das "eigentlich in den meisten Bundesländern nur zur Katastrophe führen".

Prognose der Kultusminister: Bis 2014 Ansteig, 2020 wieder weniger Studenten
Institut der deutschen Wirtschft Köln

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Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) verhandelt zwar derzeit mit den Ländern über einen "Hochschulpakt". Aber ob und wann daraus etwas wird, ob der geplante Pakt den Studenten und Studieninteressenten wirklich nützt, das ist ungewiss. Die Grundidee: Weil die Bundesregierung den Ländern künftig kein Geld mehr für die Lehre schenken darf, erhöht sie die Mittel für die Forschungsförderung - und hofft, dass die so entlasteten Länder die Mittel für die Lehre erhöhen. Noch ist dieser Pakt allerdings ein vage formuliertes Ziel. Und er steht und fällt mit der Bereitschaft der Länder, tatsächlich einige hunderttausend neue Studienplätzchen zu backen. Garantien dafür werden sie kaum geben. Und außer Einführung von Studiengebühren ist ihnen bisher nicht viel eingefallen, um die darbende Lehre zu kurieren.

Darum schwant den Rektoren nicht Gutes. Nach ihrer Auffassung sollen Bund und Länder "die Hochschulen im Einvernehmen auch institutionell gemeinsam fördern können", wie es in einer der fünf Kernforderungen aus Greifswald heißt. Außerdem tritt die HRK ein für einen bundesweit gültigen Wissenschaftstarifvertrag, für eine über 2013 hinaus verlängerte Zweckbindung der Mittel für den Hochschulbau sowie für mehr Autonomie der Hochschulen. Die Rektoren wehren sich auch gegen das "Abweichungsrecht" der Länder bei der Wissenschafts-Gesetzgebung: Die Studienabschlüsse, Zulassungsverfahren, Studienfinanzierung und Qualitätssicherung müssten einheitlich, "zumindest aber kompatibel" ausgestaltet sein.

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